Kultur : Die Dreizeitgesellschaft

Ich arbeite, also bin ich. Aber die Arbeitswelt schwindet. Gibt es ein Leben nach dem Markt?

Matthias Greffrath

Heute geht es in unserer Serie zu den Grundsatzfragen des Wahlkampfs um Arbeit. Bisher erschienen: Bildung (Peter von Becker, 7.8.) Sicherheit (Michael Rutschky, 12.8.), Umwelt (Harald Schumann, 20.8.), soziale Gerechtigkeit (Harald Martenstein, 26.8.)

Arbeit, Arbeit, Arbeit“, plakatierte die SPD vor drei Jahren; „Sozial ist, was Arbeit schafft“, ruft die CDU heute, und das Mantra der Liberalen lautet: Wachstum ist die Mutter der Gerechtigkeit. Aber die Arbeitslosenzahlen steigen weiter. An die eherne Regel, für jeden Industriearbeitsplatz, der durch Maschinen ersetzt wird, entstehe ein neuer im Dienstleistungssektor, glauben nur noch Wirtschafts-Theologen, seit auch Dienstleistungen und „höhere“ geistige Tätigkeiten computerisiert und rationalisiert werden. Die Senkung von Steuern und Arbeitskosten stimuliert Investitionen, aber nicht notwendig in die eigene Volkswirtschaft. Arbeit sei kein Kuchen, der weniger wird, lautet die Beschwörungsformel: Die Nachfrage nach ihr wachse dynamisch, so wie die Wirtschaft insgesamt.

Das mag ja sein, aber nicht notwendigerweise bei uns, sondern eben in Moldawien oder China. Auch neue Bedürfnisse oder Produkte helfen nicht weiter, wenn die zahlungskräftige Binnennachfrage nach heimischen Massenprodukten dadurch nicht steigt. Lange Aufschwünge, die auf Großinnovationen basieren, sind nicht in Sicht. Und die Verkürzung der Lebensarbeitszeit ist ins Stocken gekommen, seit auch die Arbeitsmärkte international sind und die Asymmetrie der Machtverteilung zwischen Kapital und Arbeit zugenommen hat.

Arbeit wird also abnehmen in Westeuropa, genauer gesagt: Lohnarbeit. Das ist Arbeit, die vom Kapital am Markt nachgefragt und dort bezahlt wird, und zwar möglichst so, dass vom Arbeitsentgelt Steuern und Sozialbeiträge abfallen und neue Nachfrage dazu. Von dieser Arbeit haben wir zu wenig. Die Agenda/Hartz-Politik – und darin liegt ihr radikaler Pessimismus (oder Realismus) – zieht daraus die Konsequenz: Sie nimmt ein paar Millionen Bürger aus dem System der sozialversicherten Arbeit heraus und überstellt sie der Sozialhilfe, der kollektiven Caritas. Oder parkt sie – mit Ein-Euro-Jobs – in einer Billigvariante des öffentlichen Dienstes. Von nun an kennen wir drei Kategorien von „Arbeitern“ in Deutschland: gut bezahlte „Kernarbeiter“, sozialversichert und vollzeitfestangestellt; Zeitarbeiter, Minijobber und Halbtagskräfte zumeist im Dienstleistungssektor, ohne Beitrag zum Sicherheitssockel dieser Gesellschaft, ohne langfristige Sicherheiten und oft mit Einkommen unterhalb der Armutsgrenze; und schließlich: Arbeitslose und vom Staat in mehr oder minder sinnvolle „Maßnahmen“ gezwungene Menschen.

Die Frage ist: Wie können wir noch Bürger einer Gesellschaft sein, wenn wir nicht mehr in derselben Volkswirtschaft arbeiten? „Wie lässt sich die Existenzgrundlage der Menschen sichern, wenn sie nicht mehr auf der Arbeitsleistung beruht? An welchem Geländer entlang kann das Leben der Menschen geordnet werden, wenn die Disziplinierung durch die Organisation der Arbeit entfällt? Wie bestimmt sich die soziale Identität von Menschen, wenn sie sich nicht mehr durch ihren Beruf beschreiben können?“ So fragte Ralf Dahrendorf schon l982. Die aristotelische, dreifache Bestimmung der menschlichen Tätigkeiten (Hervorbringen, Handeln, Selbsttätigsein) taucht wieder auf: Gegenstände und Leistungen erbringen, die zum Leben notwendig sind; mit andern am Bau einer guten Gesellschaft wirken; wissen, wer man ist, wozu man gut ist und wo das Ganze hinwill.

200 Jahre lang war die Moderne auf dem Weg, diese drei Dimensionen in den Institutionen der „Arbeitsgesellschaft“ zu vereinen. „An der Arbeit, die in unsichtbarer Verkettung alle leisten, sind alle berechtigt. (...) Jeder bedarf des gemeinsamen Schutzes, der gemeinsamen Einrichtungen, die er nicht geschaffen hat (...)Besitzverteilung ist ebenso wenig Privatsache wie Verbrauchsanrecht.“ Das stammt nicht aus dem Kommunistischen Manifest, sondern vom Erz-Plutokraten Walter Rathenau. In dieser Idee der Arbeitsgesellschaft ist Arbeit mehr als ein Mittel: Sie ist die organisierende Mitte der Gesellschaft. Sie stiftet Gemeinschaft und emanzipiert den Arbeiter zum Staatsbürger: von den Arbeiterbildungsvereinen über den „kommunalen Sozialismus“ (Nipperdey), seinen Ausbau zum Sozialstaat bis hin zur Bildungsexpansion. Bildung sollte die Quelle des Reichtums sein. Die Automatisierung, so dachte man, bringt mehr Mußezeit für alle mit sich, in einer „Kulturgesellschaft“, wie sie noch im sozialdemokratischen Programm steht.

Zwei Jahrhunderte lang hat diese „große Erzählung“ von der Doppelhelix von Arbeitsgesellschaft und Demokratie die sozialen Kämpfe der Moderne bestimmt. Ein paar Jahrzehnte sah sie sogar wie eine reale Perspektive aus – bis der komplexe Vorgang einsetzte, den wir mit „Globalisierung“ abkürzen. Mit der Souveränitätsverschiebung der Staaten an die global organisierte Ökonomie taucht nun der globale „Marktstaat“ als Möglichkeit auf. Eine entfesselte und global operierende Wirtschaft schließt aus, wen sie nicht gebrauchen kann, und die Politik wird auf die Bearbeitung der Folgeprobleme zurückgestutzt.

Die daraus resultierenden Probleme sind mit „Arbeitslosigkeit“ viel zu eng benannt. Eher geht es um Gesellschaftszerfall: Produktion, Gemeinschaftsbande, Selbstgefühl werden nicht mehr durch die Institutionen der Arbeit – Betriebe, Gewerkschaften, Sozialversicherungen – geliefert. Wer aus der Arbeit fällt, verliert den Ort, an dem er sagen kann: „Na dann, bis morgen...“ Er verliert das Gefühl der Nützlichkeit, und er verliert den Sockel, auf den er eine Familie und einen Lebensplan stellen konnte. Am Ende gibt es, wie Margret Thatcher sagte, nurmehr Individuen und Märkte.

Und nun? Die Vorschläge der Sozialdenker zielen in zwei Richtungen. Wenn Lohnarbeit knapp wird, sagen die einen, müssen „Handeln“ und „Tätigsein“, also die Gesellschaftlichkeit des Menschen und die Suche nach einem sinnvollen Leben neben der Wirtschaft, organisiert werden. Diese Strategie setzt auf die soziale Arbeit der Zivilgesellschaft und die Aufwertung der häuslichen, pflegenden, erhaltenden Tätigkeiten. Das ist ein schöner Gedanke in einer reichen Gesellschaft, aber er setzt zweierlei voraus: ein Grundeinkommen oder Bürgergeld (wie Wolfgang Engler es in seinem großen Buch „Bürger ohne Arbeit“ vorschlägt) und ein Bildungssystem, das mehr als Pisa und Google-Qualifikationen vermittelt, nämlich die Kenntnisse und Tugenden für eine solche aktive Gesellschaft. Ein gigantisches Vorhaben, das ohne Umverteilung nicht denkbar ist.

Der zweite Vorschlag führt zurück auf die Hauptstraße der westeuropäischen Moderne: eine Verkürzung der gesellschaftlichen Regelarbeitszeit mit dem Ziel neuer Vollbeschäftigung. Utopie? VW hat sie vor mehr als einem Jahrzehnt praktiziert: mit einer Arbeitszeit von 28 Stunden (ohne vollen Lohnausgleich). „Es geht mir gut“, sagte damals ein Arbeiter in Wolfsburg, „ich gehe vier Tage ins Werk, ich habe mehr Zeit für Kinder und mein Haus, ich arbeite einen Tag für das technische Hilfswerk – als Automechaniker, das ist ja schließlich mein Beruf.“ Arbeit für den Erwerb, Arbeit für sich und Arbeit für die Gemeinschaft. Eine Dreizeitgesellschaft.

Diese Antworten auf den Zerfall der alten Arbeitsgesellschaft setzen eine aktive, starke Politik voraus. Sie muss eine neue Form des öffentlichen Dienstes ausbauen, ein Grundeinkommen bereitstellen und eine Werterevolution anzetteln, die Geld durch Zeit ersetzt. Alles höchst unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist die Beschleunigung der Spaltungen, sind weitere Ausgrenzungen und Privatisierungen, um den Standort für die Schlachten auf dem Weltmarkt zu trimmen.

Die schiefe Ebene vom Sozialstaat der Arbeitsgesellschaft zum Marktstaat der großen Kapitaleinheiten ist noch lang, und die „Maßnahmen“ der Politik oszillieren. Hartz IV könnte der Übergang zum Bürgergeld sein oder aber zu einer sich verfestigenden Kultur von Unterschichtsfernsehen und Verrohung. Die Schulreform könnte die Tugenden für eine Zivilgesellschaft wecken oder den Wettbewerb um die sicheren Stellen verschärfen.

Wir leben im Übergang, und in dessen Strudel sind nur kleine Züge möglich. Dabei mögen die alten und neuen Ziele nützlich sein, damit Hannah Arendts Albtraum vom schwarzen Ende der Arbeitsgesellschaft nicht wahr wird. Die Menschen, so schrieb sie, schickten sich an, in der „sterilsten Passivität zu enden“ und sich in eine „Tiergattung“ zu verwandeln, in der jeder Einzelne nur noch Funktionsträger der großen Produktionsmaschine ist. Sozial, also gesellschaftlich, wäre es, gegen diese Möglichkeit zu arbeiten.

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