Die Dresdner Philharmonie zu Gast in Berlin : Im Zeichen des Vollmonds

Bei Berlin-Gastspiel der Dresdner Philharmonie begeistert besonders der blinde Pianist Nobuyuki Tsujii mit Rachmaninows 3. Klavierkonzert

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Nobuyuki Tsujii
Nobuyuki TsujiiFoto: Yuji Hori

Und jetzt zu den positiven Nachrichten aus Dresden: Der Kreuzchor wird 800 Jahre alt und ist am 26. Juni im Rahmen der Brandenburgischen Sommerkonzerte zu erleben. Die Dresdner Musikfestspiele bieten vom 5. Mai bis 5. Juni wieder ein anspruchsvoll-anregendes Programm in all den prachtvollen Sälen und Schlössern der Stadt, unter anderem mit einer Residenz des Israel Philharmonic Orchestra. Außerdem werden gerade fast 190 Millionen Euro in die kulturelle Infrastruktur von Elbflorenz investiert: Ein ehemaliges Kraftwerk am Wettiner Platz soll im Dezember als neue Heimat für die Staatsoperette Dresden und das Theater Junge Generation eröffnet werden, das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner saniert parallel den sozialistischen Kulturpalast neben der Frauenkirche so, dass einerseits die vertraute Optik erhalten bleibt, andererseits im Innern endlich ein akustisch überzeugender Saal entsteht. Ende April 2017 können dort die ersten Töne erklingen.

Bis dahin muss das Hausorchester, die Dresdner Philharmonie, allerdings weiterhin in Ausweichspielstätten wie dem Hygienemuseum oder dem Innenhof des Albertinums auftreten. Kein Wunder also, dass die Musiker am Mittwoch ihr Gastspiel in der Berliner Philharmonie genießen. Ein enorm motiviertes Ensemble ist da zu erleben bei Dvoraks „Karneval“-Ouvertüre sowie seiner „Neuen Welt“-Sinfonie, mit wunderbar aufeinander eingeschworenen Holzbläsern. Chefdirigent Michael Sanderling organisiert den Energiefluss dynamisch, profiliert sich allerdings kaum als Klangzauberer und vermag auch Unwuchten in der Balance zwischen Streichern einerseits und Blechbläsern sowie Schlagwerk andererseits nicht immer zu verhindern.

Der 27-jährige Klaviervirtuose ist auch ein Meister der leisen Töne

Als Solisten haben die Dresdner Nobuyuki Tsujii mitgebracht, einen 27-jährigen Japaner, der Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit angeht – als sei dies nicht eines der gefürchtetsten Stücke des Virtuosenrepertoires, ein Parcours haarsträubender spieltechnischer Herausforderungen.

Vor allem aber ist dieser fingerfertige junge Mann ein Meister der zarten Töne, ein selbstvergessener Sänger auf den Tasten. Neben den vollgriffigen Showeffekten bietet diese Komposition ja eben auch intime Passagen, sentimental-träumerische Vollmondstimmungen. Nobuyuki Tsujii spielt sie völlig kitschfrei, klar und schlicht auch im wildesten Tongewimmel, getragen von ehrlichem Gefühl. Wenn er an diesem Abend einen so enormen Erfolg beim Publikum erringt, hat das (hoffentlich) nichts mit der Tatsache zu tun, dass Tsujii blind geboren wurde. Sondern nur damit, dass er ein wirklich guter Musiker ist. Frederik Hanssen

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