Kultur : Die dritte Dimension

Im Park mit Miró und Condo: Sotheby’s zeigt Skulpturen in Chatsworth

Matthias Thibaut

Kuratorin Janice Blackburn weist stolz hinunter zum Wasserfall in der romantischen Felsschlucht, wo zwischen Farnen und bemoosten Findlingen Joan Mirós Bronzeskulptur „Femme et Oiseau“ steht. „Was halten Sie davon?“ fragt sie zwei Rentnerinnen, die für einen Herbstausflug im Herzogsschloss Chatsworth sind. Diese beäugen den bunten Eindringling argwöhnisch. „Nicht viel“, antworten die Damen knapp. Doch Blackburn lässt sich nicht entmutigen. „Sie werden sehen, diesen Anblick können Sie nicht so schnell wieder vergessen“.

Der Miró gehört zu einer Verkaufsausstellung moderner und zeitgenössischer Skulptur, die das Auktionshaus Sotheby’s in Nordenglands schönstem Schlosspark inszeniert hat. Selten wurde Kunst so edel präsentiert – 26 Kunstwerke im Wert von rund 28 Millionen Dollar. Sotheby’s will mit dieser ersten Verkaufsausstellung eines Auktionshauses überhaupt in Europa nicht nur seine Potenz als Direkthändler in der Konkurrenz mit den Galerien demonstrieren, sondern auch für die Außenskulptur überhaupt werben.

„Dreidimensionale Kunst kommt erst im Dialog mit ihrer Umgebung richtig zur Entfaltung“, erklärt Blackburn. Sie hat im Schlosspark ein regelrechtes Versteckspiel inszeniert. Spaziergänger, ob Rentner oder Multimillionäre, stoßen überall auf überraschende Raumerlebnisse. Niki de Saint Phalles „Nana“ scheint von einem Renaissance-Zierbogen direkt in ein Labyrinth aus Eibenhecken zu springen. Antony Gormleys „Domain LIII“ – eine filigrane Silhouette aus zusammengeschweißten Stahlstäben – wird auf dem Dach zum Schlossgeist, der sich im Tageslicht in Luft auflöst. George Condos „Miles Davis“, der Name des Jazztrompeters aus riesigen, coolen Hochglanzbuchstaben, spiegelt Sonne, Park und Teich – eine vollendete Fusion von urbaner Kunst und Natur. „In einer Galerie würden Sie nicht zwei Mal hinsehen“, sagt Blackburn selbstbewusst.

Skulptur ist im Kommen, ruft es derzeit überall in der Kunstwelt. Nach Meinung von Francis Outred, einem der für die Chatsworth-Ausstellung verantwortlichen Direktoren bei Sotheby’s, hat das natürlich damit zu tun, dass Kunstfreunde heute vielfach größere Häuser und Gärten als früher haben. Zwar verfügt nicht jeder über ein Ambiente wie der Duke of Devonshire, der übrigens auch Sotheby’s Direktor ist, aber Skulpturenparks sind en vogue – besonders in den USA.

Damit steigen auch die Preise: Einer der höchsten Auktionszuschläge in den letzten Jahren wurde für eine Skulptur bewilligt: 24 Millionen Dollar für David Smiths „Cubi“. Jean Dubuffets „Arbre Biplan“, das jetzt auf dem Rasen vor dem Schloss steht, kostete 1990 noch 700 000 Dollar. Nun werden 3,3 Millionen Dollar verlangt. Die Preise in Chatsworth reichen bis zu 6 Millionen Dollar für eine Liegende von Henry Moore. Doch Außenskulpturen kosten eigentlich nicht mehr als Malerei – schon weil es sich meist um Auflagenwerke handelt.

Blackburns Lieblingsstück ist ein mit Glasobjekten gefülltes Boot des amerikanischen Künstlers Dale Chihuly – eine Sotheby’s-Kommission, die der Kitschmeister ungeachtet seiner langen Warteliste gern erfüllte. Die Gelegenheit, das Boot wie eine venezianische Rokokogondel im Kanal von Chatsworth schwimmen zu lassen, war unwiderstehlich. Teichbesitzer können es für 475 000 Dollar erwerben.

Chatsworth, Derbyshire, bis 27. Oktober, www. sothebys.com.

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