Kultur : Die dritte Dimension

Wolfgang Werner feiert den 15. Geburtstag seiner Berliner Dependance mit einer fulminanten Skulpturenausstellung

Ulrich Clewing

Das Foto stammt aus dem Jahr 1925. Es zeigt den Bildhauer Rudolf Belling bei der Arbeit in seinem Atelier – wie er gerade Filmgeschichte schreibt. Tatsächlich ist nicht ganz klar, ob der Künstler seinen Kollegen Walter Schulze-Mittendorf kannte. Umgekehrt wird die Sache schon wahrscheinlicher, schließlich zählte Belling in den zwanziger Jahren zu den bekanntesten Skulpteuren Deutschlands. So liegt es nahe, dass der Schöpfer des Roboters „Maria“ aus Fritz Langs 1927 uraufgeführten Filmklassiker „Metropolis“ sich seine Anregungen eben hier holte: bei der „Maria“ von Rudolf Belling.

Das Werk, das für derlei Spekulationen Anlass gibt, ist derzeit im Kunsthandel Wolfgang Werner zu sehen. Dabei ist Rudolf Bellings „Kopf in Messing“ (180 000 Euro) beileibe nicht das einzige spektakuläre Stück der Ausstellung, mit welcher der Kunsthandel Wolfgang Werner das 15-jährige Bestehen seiner Berliner Dependance feiert. Neben der jungen Frau mit dem hypnotischen Blick und der auffallenden Frisur steht als Leihgabe aus Privatbesitz ein weiblicher Torso von 1914, dessen fein geschwungene Linien an Gemälde von Amadeo Modigliani erinnern. Sein Urheber ist der Russe Alexander Archipenko, von dem Guillaume Apollinaire schrieb: „Seine Kunst nähert sich mehr und mehr der absoluten Bildhauerei, die sich eines Tages mit der absoluten Malerei und der absoluten Architektur verschmelzen soll, um als reine Plastik zu erstehen, jenseits aller Stilarten, Techniken und Hilfsmittel.“

Die Kraft der Utopie, die Apollinaire so wortmächtig beschwört, ist hier mit Händen zu greifen – auch weil sich im selben Raum noch Bellings berühmter Dreiklang befindet, in einer bei Noack in Berlin gegossenen Bronzefassung direkt aus Bellings Nachlass (Preis auf Anfrage). Doch das ist noch längst nicht alles. In der aktuellen Kunstszene wird momentan viel von der Wiederentdeckung des Mediums Skulptur geredet, wohl nicht zuletzt in der Hoffnung, dadurch den Boom über die allgegenwärtige Nachfrage nach Malerei hinaus ein bisschen zu verlängern. So haben die Organisatoren der Art Frankfurt bereits angekündigt, sich 2007 ganz auf Plastiken zu konzentrieren.

Von solchen Modeerscheinungen ist man bei Wolfgang Werner Lichtjahre entfernt. Zu Belling und Archipenko gesellen sich im zweiten Raum der Galerie weitere große Namen: Arp, Giacometti, Laurens und Renée Sintenis (mit einer faszinierenden, nur handgroßen „Daphne“). Die Großen der Klassischen Moderne werden flankiert von den weniger bekannten Berto Lardera und Fritz Wotruba, die sich in dieser Nachbarschaft freilich ohne Schaden behaupten können. Wie bei Werner üblich ist auch diese Ausstellung nicht einfach eingerichtet, sondern kuratiert, was in dem Fall heißt: Die Skulpturen werden ergänzt und umspielt von einer Reihe von Zeichnungen, die sich entweder direkt auf erstere beziehen oder zumindest der selben Zeit zuzuordnen sind. Alberto Giacometti ist mit der „Büste eines Mannes“ von 1949 vertreten, die seine ganze Fähigkeit zur individuellen Differenzierung offenbart. Giacomettis Figuren sind eben nicht nur lang und dünn – sie entwickeln eine erstaunliche Wirkung, gerade wenn man sie aus einiger Entfernung betrachtet. Sie strahlen dabei eine ernste Würde aus, wie sonst nur religiöse Kunst. Rechts und links davon hängen zwei Studienblätter (das eine ist bereits verkauft, das andere wiederum eine Leihgabe), anhand derer sich die Eigenart von Bildhauerzeichnungen gut studieren lässt: Sie sind, obwohl in der Fläche fixiert, immer auch dreidimensional organisiert, als ob die Linien eigentlich schon das künftige Volumen denken.

Terrakotta als Werkstoff war in den dreißiger Jahren bei Künstlern besonders beliebt. Auch Hans Arp verwendete Tonerde, um daraus seine runden Körper zu modellieren. Ein kleiner Torso von 1930 hat schon einen glücklichen Abnehmer gefunden, ein Bronzeexemplar des ziemlich erotischen „Couronne de Bourgeons I“ (Knospenkranz) ist ihm als schöne Zutat an die Seite gestellt. Wer die Marmorskulptur „Abschied“ vom Grab Henri Laurens’ auf dem Friedhof von Montparnasse in Paris kennt, kann sich über ein Wiedersehen mit der Bronzeversion der 1941 entstandenen Arbeit freuen (Preis auf Anfrage). Außerdem hat Werner eine von Laurens Terrakotten im Angebot, eine reizende runde „Fischverkäuferin“, knapp 30 Zentimeter hoch und fast genauso breit.

Dass die plastische Kunst aus dem Hinzufügen und Aufeinanderschichten von Material besteht, darüber geben die Werke des gebürtigen Wieners Fritz Wotruba beredt Auskunft. Während Berto Lardera die Wechselbeziehung von Masse und Umraum kunstvoll ins Filigrane treibt, ist hier das Architektonische beinahe überdeutlich: Quader auf Quader addiert Wotruba seine Stelen und Totems. Nur die dazugehörigen Zeichnungen lassen erkennen, dass sich auch bei ihm hinter allem der Mensch verbirgt.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72, bis 3. Februar; Montag bis Freitag 10 – 18.30 Uhr, Sonnabend 10 – 14 Uhr. Vom 23. – 26. Dezember und am 1. Januar bleibt die Galerie geschlossen.

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