Kultur : Die dunkle Wolke des Krieges

Der Choreograf William Forsythe über politische Moral und die Katastrophe der Gegenwart

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Mister Forsythe, gerade wurde bekannt, dass Berlin ein hochschulübergreifendes Zentrum für Tanz bekommen soll. Sie werden dem Beirat angehören. Was sollen junge Choreografen heute lernen?

Am wichtigsten ist, so viele Einflüsse wie möglich aufzunehmen. Man soll den Studenten die Augen öffnen und nicht ihre Vision verengen. Ich glaube übrigens, dass Tänzer nicht mehr als Spezialisten gefragt sind. Was heute interessiert, ist ihr Blick auf die Welt.

Sie haben den Tanz immer wieder mit anderen Wissensmodellen und Diskursen zusammengedacht. Besitzt der Tanz eine gesellschaftliche Relevanz?

Meine Einstellung im Ballettsaal ist eine politische. Das ist ganz einfach: Es handelt sich um einen Arbeitsplatz. Ich habe lange über die Frage nachgedacht, was eine faire Arbeitssituation ausmacht. Wobei das Wort „fair“ viele Facetten hat. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch unfair zugeht. Aber Fairness ist ein Leitbegriff. Wir sind ständig mit ethischen Fragen konfrontiert. Auch dieses Gespräch hat einen moralischen Aspekt. Oder denken Sie an George W. Bush, der behauptet, dass er die Demokratie schützen will, und sie mit seinen Sicherheitsgesetzen aushebelt. Wie wir Sprache deuten, ist entscheidend für unser Verhalten.

Viele Künstler besinnen sich derzeit auf ihre soziale Verantwortung. Ist es leichter für Sie, weil sie dem ökonomischen Druck nicht so direkt ausgesetzt sind?

Ich bin überzeugt, dass jeder Manager in seinem Unternehmen versuchen könnte, mehr auf moralische Standards zu achten. Aber das wird oft nicht getan, im Gegenteil. Das Moralische in vielen Unternehmen wird abgebaut.

Welche Rolle spielen die Tänzer im kreativen Prozess?

Wir sind Performer. Aber was das sein soll, ist eine Frage der Interpretation: Ich bin sehr interessiert an der Sicht der Darsteller. Ich will nicht, dass sie nur meine Überzeugung wiedergeben oder Ideen ausführen. Wenn ich ein Thema vorschlage, will ich wissen, wie sie es verstehen und ihre Kritik hören. Aus unseren unterschiedlichen subjektiven Interpretationen entsteht vielleicht eine objektivere Performance.

Sie ermutigen Ihre Tänzer, eigene Entscheidungen zu treffen?

Ich muss sie gar nicht ermutigen. Das ist die Basis unserer Arbeit: Ich habe Leute um mich, die fähig sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Sie vertrauen mir, und ich vertraue ihnen. Sie stehen auf der Bühne – also haben sie das letzte Wort. Nicht ich.

Auf dem Berliner Festival Spielzeiteuropa werden Sie zum ersten Mal die endgültige Fassung von „Three Atmospheric Studies“ zeigen. Ist das Stück ein Kommentar auf die politische Großwetterlage?

Gemeint sind die Wolken des Krieges. Der Auslöser war ein Gemälde von Cranach: „Klage unterm Kreuz“. Darauf kann man eine unheimliche, böse Wolke hinter dem Kreuz Jesu sehen. Da wir heute in säkularisierten Zeiten leben, habe ich das Bild anders verstanden: Ich sehe eine Mutter in Nahost, die um ihren Sohn trauert, der gerade exekutiert wurde – von lokalen Autoritäten, eingesetzt von einer Besatzungsmacht. So deute ich die Politik der biblischen Kreuzigungsszene.

Das Cranach-Gemälde konfrontieren Sie mit einem Reuters-Foto aus dem Irakkrieg.

Es ist identisch in der Komposition. In der rechten oberen Ecke sieht man böse dräuende Wolken, die aber von einer Autobombe stammen. Vier Männer tragen einen leblosen Körper weg, im Hintergrund sieht man ein Kreuz, eine Zufallsruine der ausgebombten Architektur.

Überlagern sich das aktuelle Kriegsgeschehen und die biblische Szene?

Auf der Bühne vermische ich die beiden Kompositionen: Die Charaktere in dem Stück werden zu Figuren des Bildes, aber auch zu den Opfern des Krieges, so dass man nicht mehr weiß, in welcher Komposition sich die Darsteller befinden. Man weiß nicht mehr, wo man steht. Tatsache ist: Wir befinden uns, wo wir nicht sein wollen – wie vor mehr als zweitausend Jahren. Wir sind in mancher Hinsicht nicht viel weiter gekommen.

Ihr Stück mutet teilweise wie eine beißende Politsatire an. Wenn Dana Caspersen auftritt, glaubt man, eine Condoleezza Rice in Blond zu sehen.

Das ist eine sehr ironische Szene. Diese Frau spricht die Sprache, die wir aus dem Weißen Haus kennen: unglaublich arrogant und herablassend.

Sind die „Studies“ Ihre Abrechnung mit der Bush-Politik?

Für mich als Amerikaner war es sehr wichtig, dieses Stück zu machen. Als Einzelner hat man wenig Einfluss, die Individuen wurden regelrecht entmachtet durch diese Politik. Das Einzige, was ich tun kann, ist diese Geste. Ich will das Stück unbedingt in Amerika zeigen.

Im Tanz werden immer häufiger Katastrophenszenarios beschworen. Geht es um eine neue Ästhetik des Schmerzes? Um Furcht und Mitleid?

Wir versuchen niemals direkt Schmerz darzustellen – das ist zu pathetisch. Wir behandeln das Thema eher sachlich, agieren in einem physischen Raum.

„You made me a Monster“ handelt vom Krebstod Ihrer Frau. Sie selbst haben die Performance als Trauerarbeit bezeichnet.

„Monster“ ist aber auch eine ganz sachliche Arbeit und folgt einer Methodik, an der wir schon lange arbeiten. Wir übersetzen zweidimensionale Bilder in dreidimensionale Körperereignisse – wie bei einem architektonischen Plan. Hier sind es menschliche Skelette aus Pappe, die von den Zuschauern willkürlich zusammengebastelt werden. Deren Schatten übertragen die Tänzer in zeichnerische Skizzen, die dann in Bewegung übersetzt werden. Es handelt sich also um komplexe Übersetzungsprozesse. Ich versuche, jede Leidensdarstellung zu vermeiden, trotzdem entsteht eine intensive Darstellung, in die die Zuschauer eingebunden werden. Sie haben dieses Monster mitgebaut. Der Moment, in dem man erkennt, mitverantwortlich zu sein, ist ein Schock.

Geht es bei aller Reflektiertheit nicht auch darum, Mitgefühl zu wecken?

Doch, natürlich. Es gibt ein interessantes Phänomen, das zuerst in den USA konstatiert wurde: ;an nennt es compassion fatigue. Es handelt sich um ein verbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft. Wenn die Menschen ständig mit neuen Katastrophen konfrontiert sind, erlahmt ihr Mitgefühl. Soundsoviele Opfer in Pakistan – und was gibt’s zum Abendessen?

Muss sich die Kunst heute stärker mit Krieg und Traumata befassen?

Ich fühle mich verletzt und bedroht von der Welt. Meine Kunst ist Resultat meines eigenen Traumas.

– Das Gespräch führte Sandra Luzina.

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