Kultur : Die echtesten falschen Gefühle

Ganz große Rock-’n’-Roll-Oper: Meat Loaf verabschiedet sich in Berlin von seinem Publikum.

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Meister aller Hymnen. Meat Loaf in der O2-World. Foto: Marc Tirl/dpa
Meister aller Hymnen. Meat Loaf in der O2-World. Foto: Marc Tirl/dpaFoto: dpa

Er würde alles tun für Liebe. Er würde alles tun für Liebe! Aber nur nicht das. Nein, nur nicht das. Das, ähem, das ... das Falsche eben. Ist auch egal, was: Wer kann schon diese langen Hymnen mitsingen? Wer weiß schon genau, wann bei „I Would Do Anything for Love“ welcher Part kommt? Hauptsache, das Herz ist dabei. Und Hauptsache, es pumpt noch: Meat Loaf wirkte, objektiv gesehen, nicht wirklich fit, als er sich am Sonntagabend bei der „Last At Bat Farewell Tour“ in der O2-World von seinen Berliner Fans verabschiedete. Andererseits wirkte er früher auch nicht viel gesünder.

Der Mann, der vor 65 Jahren als Marvin Lee Aday in Texas geboren wurde, bekam seinen Spitznamen bereits als Kind. Jetzt, an einem Zeitpunkt seines Lebens, wo jeder den eingangs erwähnten Song, und mindestens jeder Zweite seinen Auftritt als „Eddie“ im „The Rocky Horror Picture Show“–Film kennt, und wo die O2-World zwar nur zu zwei Dritteln voll ist, aber vor aus tiefstem, mittelalten Herzen sprudelnder Leidenschaft bebt, kann Meat Loaf beruhigt mit dem Touren aufhören und sich endlich um seine Gesundheit kümmern. Vielleicht doch mal die Diätassistentin treffen. Yoga machen. Den auffälligen Tremor in der rechten Hand untersuchen lassen, der nach Parkinson aussieht. Und seine Stimme schonen, die stark zitterte am Sonntag. Der ganze, beeindruckende, schwere Mann in seinem schwarz funkelnden Bühnenoutfit wirkte zuweilen, als ob er kurz vor dem Zusammenbruch stünde.

Gerade die Schwächen, die Meat Loaf live offenbart, machen ihn beängstigend authentisch. Vor der vom langjährigen Kompagnon Jim Steinman geschriebenen Ballade „For Crying Out Loud“ fängt er vor innerer Rührung an zu weinen: „Ich habe 40 Jahre lang versucht, einen besseren Lovesong zu finden als diesen. Aber ich habe keinen gefunden.“ Da kann man gar nicht anders, als mitzuweinen. Vorher, im ersten Teil der Show, musste man bereits ein bisschen ob der geschmacklosen Visuals greinen, die über die großen Bühnenleinwände flimmerten: komische weiße Comicmännchen, die mit Hämmern auf den Boden hauen („Break it“); Piktogramme von anderen Männchen („Objects“); brennende Totenköpfe („Fryin’ Pan“); Geldscheinbündel, ungeprägte Münzen, ein Zeichentrickbaum, der aus einem Dollarzeichen herauswächst („Giving Tree“).Wer hat sich das ausgedacht, eine Agentur, die normalerweise Bankwerbespots produziert?

Vor Leidenschaft haut sich Meat Loaf bei ein paar Stücken selbst die Fäuste an die Brust, dann haut er seinen Gitarristen, die Backgroundsängerin geht schnell in Deckung, dann zeigt er dem Publikum den Mittelfinger, weil es nicht schnell genug mitsingt, und wenn der Pianist jetzt mit dem Solo fertig ist – knallt ihm Meat Loaf dann vor Freude den Klavierdeckel auf die Finger? Aber nein, alles ist gut, die Stimmung auf der Bühne herrlich, und es ist wirklich nur Ergriffenheit, die ihn zu diesen Mad-Man-Taten treibt. Er tobt sich noch einmal aus, bevor das Rocktheater den Glitzervorhang runterlässt, und eine der unterhaltsamsten und pathetischsten Artrock-Röhren ins Altenteil entlässt. So lange es auf der Welt Bad-Taste-Parties oder einen Sinn für pompöse Musik gibt, wird man ihn feiern. Jenni Zylka

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