Kultur : Die Ehre, Nachtwächter zu sein

Wagners „Meistersinger“ in der Philharmonie

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„Hei! Wie sich die Buben freuen“, vermerkt Stadtschreiber Beckmesser sarkastisch. Gerade hat Hans Sachs von dem Geist des Volkes gesprochen, der Kunst ohne Kenntnis ihres Regelwesens (der „Tabulatur“) begreife. Es geht um eine Ästhetik-Diskussion. Und was dem Zuschauer vieler „Meistersinger“ im Theater entgangen sein mag, stellt er nun als Zuhörer einer konzertanten Aufführung fest: Die Lehrbuben freuen sich nicht, die Partitur gönnt ihnen an der Stelle keinen Ton, ihre Freude ist nur Regieanweisung.

Mit den „Meistersingern von Nürnberg“ geht Marek Janowskis Wagnerzyklus, der bis zum Wagnerjahr 2013 terminiert ist, in die dritte Runde. Und es zeigt sich, dass aus dem „komischen Spiel“, das dem Komponisten vorschwebte, in diesen fünfeinhalb Stunden ein vorwiegend ernstes wird. Brauchen wir bei drei Opernhäusern in der Stadt mit einer gerade neuen eloquenten Inszenierung Andreas Homokis an der Behrenstraße noch „Meistersinger“ in der Philharmonie?

Die Frage verliert ihre Triftigkeit, wenn Janowski mit seinem Vorspiel argumentiert. Das fabelhafte Rundfunk-Sinfonieorchester spielt sehr kraftvoll, um in der E-Dur-Kantilene mit Zartheit zu betören: formvollendeter Einstieg, ausdrucksreich. Mit seinem kirchlichen Gemeindelied schließt sich der Rundfunkchor Berlin als Klangwunder an, selig klingt das Solocello, die Oboe. Eine Fuge von Wagner, die swingt? Hierfür stehen Chor, Soli und Orchester im zweiten Akt ein.

Auf dem Podium tragen die Damen und Herren, auch das Chörchen der Lehrbuben, Abendkleidung, von der sich nur das Kostüm des Sachs mit Weste und historisierend gebauschten Hemdsärmeln abhebt. Albert Dohmen ist wohl nie besser gewesen als in der Partie des Schusterpoeten an diesem Abend. Was ihm an Atem für den Hymnus auf sein „liebes Nüremberg“ abgeht, ersetzen faszinierend eine unpathetische Diktion, sieghafte Töne und rhythmische Freuden.

Mit seinem halb szenischen Flirt bewegt sich das Paar Stolzing/Eva am Rand des Möglichen. Robert Dean Smith imponiert mit Kantabilität, während Edith Haller ein gesanglich steifes Preismädchen abgibt, kulinarisch unterstützt von Michelle Breedts Magdalene. Die witzigen und giftigen Dialoge mit Beckmesser verblassen, weil Dietrich Henschel, der geschätzte Mozartsänger, stimmliches Volumen schuldig bleibt. Im großen Ensemble prägen sich ferner ein Junger und ein Betagter ein: Peter Sonn gewinnt als David mit klarem Tenor und schöner Phrasierung viele Sympathien, Matti Salminen hat sie längst. Der berühmte Bass gibt sich die Ehre, den Nachtwächter zu singen. Sybill Mahlke

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