Kultur : Die eingekaufte Braut

Wie das Theater in Brandenburg an der Havel um sein Überleben kämpft

Frederik Hanssen

Trompetenfanfaren zerreißen den Geräuschteppich der Pausengespräche. Eine Piccoloflöte setzt ein, gefolgt von Trommel und Pauke, bahnen sich die Musiker ihren Weg durchs Foyer. „Meine Daamen und Herrrn“, schnarrt ein Zylinderträger in rot glitzernder Paillettenhose, „kommen Sie, staunen Sie! Weltattraktionen, die Ihnen die Sprache verschlagen, echte Indianer und ein tanzender Bär, jetzt gleich im großen Saal!“ Begeistert applaudieren die Besucher und strömen auf ihre Plätze, zum dritten Akt der „Verkauften Braut“. In Brandenburg an der Havel inszeniert Kay Kuntze Smetanas Eheanbahnungsoper als pièce à grand spectacle – und die Leute lassen es sich nur zu gerne gefallen.

In dieser geschundenen Stadt klingt der Eröffnungschor fast sarkastisch: „Warum sollen wir nicht froh sein?“ Zum Beispiel, weil das Theater hier nur noch eine leere Hülle ist. Vier Fünftel der Belegschaft sind seit der Wende weggespart worden. Trotzdem ist Brandenburg im Theaterverbund mit Potsdam (Schauspiel) und Frankfurt/Oder (Symphonik) weiterhin für die Oper zuständig. Um die vier geforderten Musiktheaterpremieren pro Saison zustande zu bringen, müsste Intendant Christian Kneisel seinen kompletten Produktionsetat einsetzen – denn außer den Brandenburger Symphonikern muss er jeden Mitwirkenden per Werkvertrag engagieren, vom Bühnenarbeiter bis zum Solisten. Bei Werken wie der „Verkauften Braut“ sind das 200 Personen. Weil sein Haus, das CulturCongressCentrum, in der Stadt aber der kulturelle Alleinversorger ist, hat Kneisel den Opernspielplan eingedampft, um einen Gastspielbetrieb mit Kabarett und Kammermusik, Lesungen, Rockkonzerten und Tanz aufrechterhalten zu können.

Da steigt die Erwartung an das einsame Highlight der Smetana-Inszenierung ins Unermessliche. Regisseur Kuntze weiß das und enttäuscht die lokalen Opernfans nicht. Überwiegend heiter geht es zu, nicht nur bei der Zirkus-Showeinlage im Foyer: Heiratsvermittler Kecal verhandelt mit Hans in der Sauna, zum ersten Finale regnet es Blütenblätter in den Saal. Wie man in wenigen Probenwochen aus einer zusammengewürfelten Truppe ein Ensemble formt, hat Kuntze als künstlerischer Leiter der Berliner Kammeroper gelernt, einer Off-Musiktheatergruppe, die sich mangels Dauerfinanzierung ebenfalls nur projektweise zusammenfindet. Wenn die männliche Dorfjugend dem fremden Eindringling Wenzel nach „Ballermann“-Art das Bier literweise eintrichtert, wird die Brutalität einer Gesellschaft bedrückend deutlich, in der Väter ihre Töchter verhökern. Dass Kuntze am Ende Marie mit dem Außenseiter Wenzel statt mit ihrem Verlobten Hans davonziehen lässt, wirkt allerdings interpretatorisch erzwungen, weil er den Sinneswandel der verkauften Braut zuvor szenisch nicht glaubhaft anzubahnen vermag.

Michael Helmrath, der seit 1999 als Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker immer wieder mit exquisiten Operninterpretationen verblüfft hat, trifft auch diesmal die Atmosphäre des Stücks genau, entwickelt den kernigen Lustspielklang ganz aus dem rhythmischen Puls und lässt den lyrischen Linien Raum zum Aufblühen. Den meisten Applaus aber heimsen zwei Sänger ein: Julia Henning, die das Liebessehnen der Marie mit leuchtenden Soprantönen auszumalen versteht (und selbst in den Puppenstuben-Kostümen von Irene Suhr hinreißend aussieht), sowie Heiko Reissig, der als quicker Wenzel den Idealtypus des Spieltenors verkörpert.

Weitere Aufführungen: 27. März sowie 29./30. April. Infos: www.brandenburgertheater.de

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