Kultur : Die Einkaufsgemeinschaft

25 Jahre Kulturstiftung der Länder: Ohne sie stünde es schlecht um das nationale Erbe. Auch im Fall Gurlitt kann sie helfen.

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Bis zu 600 Werke aus dem Schwabinger Kunstfund, den vom Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt gehorteten und gehüteten Schätzen, werden in diesen Tagen nach und nach auf der Internetplattform www.lostart.de veröffentlicht. Womöglich wird das für etliche Bilder Ortswechsel zur Folge haben – in die Hände von Erbengemeinschaften und von dort in zahlreichen Fällen in die Auktionshäuser.

Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem die Kulturstiftung der Länder (KSL) tätig wird. Ihr Eingreifen ist heutzutage so selbstverständlich, dass es kaum noch einer Erwähnung bedarf. 25 Jahre nach ihrer Gründung am 1. April 1988 ist das schöne Wort von der „Einkaufsgemeinschaft der Länder“ eine Selbstverständlichkeit geworden. Viele deutsche Museen und Archive haben mit ihrer Hilfe Erwerbungen tätigen können, die ansonsten außerhalb ihrer Möglichkeiten gelegen hätten. Am Freitag wird das Jubiläum gefeiert, in der Berliner Landesvertretung Baden-Württembergs: Ministerpräsident Kretschmann ist derzeit Vorsitzender des Stiftungsrats.

Die Kulturstiftung der Länder ist eine Stiftung privaten Rechts, mit Sitz in Berlin. Wegen ihres geringen Stiftungskapitals ist sie auf die Beiträge der 16 Bundesländer angewiesen. „Föderalismus in seiner schönsten Form“, wie ein von Generalsekretärin Isabel Pfeiffer-Poensgen gern aufgegriffener Euphemismus lautet: Alle Länder beteiligen sich, die Finanzausstattung kann nur einmütig geregelt werden. Der Jahresetat beträgt derzeit zehn Millionen Euro. Auf 16 Länder verteilt, ist das nicht viel; wegen der strukturellen Not der Länder sind Zuwächse in absehbarer Zeit auch nicht zu erwarten. Aber das macht nichts.

Das Zauberwort lautet Kofinanzierung: Seit 1988 bewegt die Stiftung mit begrenzten Mitteln weit größere Summen. Rund 160 Millionen Euro hat die KSL im Laufe eines Vierteljahrhunderts in die Waagschale geworfen und damit 1020 Erwerbungen ermöglicht, Kunstwerke, Archivalien, Objekte in einem Umfang von 600 Millionen Euro. Denn die Stiftung konnte ein hervorragendes Netz an Unterstützern knüpfen. Für institutionelle Geldgeber wie große Unternehmensstiftungen ist das Engagement der KSL wegweisend: Ein von ihr befürworteter Ankauf ist quasi mit einem Gütesiegel versehen. Für das begünstigte Museum oder Archiv bringt die Aussicht auf KSL-Gelder außerdem die Verpflichtung mit sich, nach Eigen- und Drittmitteln zu suchen, nach dem Grundsatz „Fördern und Fordern“.

Legendär sind Erwerbungen wie die des Rubens-Gemäldes „Pan und Syrinx“ von 1617 für die Museumslandschaft Hessen Kassel 2004 oder die Nibelungenhandschrift (um 1230), ein Kulturerbe, das die Badische Landesbibliothek Karlsruhe seit 2001 hüten darf. Einer der ersten von der KSL ermöglichten Ankäufe war das Manuskript von Kafkas Roman „Der Prozess“: Am 17. November 1988 wurde es bei Sotheby’s in London ersteigert, jetzt ist es erstmals im Deutschen Literaturarchiv Marbach ausgestellt. Bedeutende Ankäufe der jüngeren Zeit betreffen das Autograf der Diabelli-Variationen für das Bonner Beethoven-Haus (2009), den Lehmbruck-Nachlass für das Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg (2009) oder ein Konvolut von Originalfotografien Karl Blossfeldts für die Münchner Pinakothek der Moderne (2012).

Zu den Verpflichtungen, die mit einer KSL-Unterstützung einhergeht, gehört die Veröffentlichung der erworbenen Objekte. Die bedeutendsten Ankäufe sind in der Heft-Reihe „Patrimonia“ dokumentiert. Während in Frankreich die Pflege des patrimoine selbstverständlich ist, musste das nationale Kulturerbe hierzulande erst im öffentlichen Bewusstsein verankert werden. Man mag gar nicht daran denken, was in den 40 Jahren „alter“ Bundesrepublik vor der Einrichtung der Ankaufsagentur durch schiere Hilflosigkeit an Erbe verloren ging.

Gleich mehrere Notfälle haben die Gründung der KSL befördert. Da war 1978 die Versteigerung der Sammlung von Hirsch, eines 1933 von den Nazis vertriebenen Frankfurter Kaufmanns, aus der allein dank privater Initiative etliche Objekte in deutsche Museen gelangten. Fünf Jahre später war es das Evangeliar Heinrichs des Löwen, das auf einer Londoner Auktion ersteigert werden konnte und sich nun in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel befindet. Dort wird es im Dezember wieder zu sehen sein.

Die ebenfalls 1988 angekündigte Rücknahme der Dauerleihgabe von Antoine Watteaus „Einschiffung nach Cythera“ aus Schloss Charlottenburg durch die Hohenzollern mobilisierte zwar private Quellen, die ein Drittel der Kaufsumme in Höhe von 15 Millionen Mark aufbrachten. Aber zugleich zeigte sich, wie schwierig solche Spendenaktionen in einem Land mit etatistischer Kulturtradition sein können. 1987 kamen die elf Länder der Bundesrepublik überein, eine Stiftung zu gründen, „zur Förderung und Bewahrung von Kunst und Kultur nationalen Ranges“, wie es in der Satzung heißt. Man wollte nicht zuletzt die durch die NS-Aktion „Entartete Kunst“ in den Museen gerissenen Lücken wenigstens ansatzweise schließen, durch Rück- und Neuerwerbungen. 1991 schlossen die neuen Bundesländer sich an.

Gemeinsame Finanzierung durch mehrere Institutionen, das dauert gewöhnlich. Aber die KSL, klein und effizient, ist für kurze Entscheidungswege bekannt. Philipp Demandt, lange Zeit in der Stiftung tätig und mittlerweile Leiter der Alten Nationalgalerie, hat einmal am Beispiel eines Romantiker-Gemäldes geschildert, wie noch am Tag der Anfrage des interessierten Museums ein „namhafter Betrag in Aussicht gestellt“ werden konnte. Unter anderem, weil der Stiftungsvorstand Förderentscheidungen bis zur Höhe von 100 000 Euro selbstständig treffen kann. Der mit Vertretern der Bundesländer besetzte Stiftungsrat tagt zwei Mal im Jahr.

Zwei gewaltige Aufgabenfelder kamen in den neunziger Jahren hinzu. Zum einen die Beutekunst, die von der Roten Armee bei Kriegsende in die Sowjetunion verbrachten Trophäen. Mit dem „DeutschRussischen Museumsdialog“ betreibt die KSL das geduldige Bohren dicker Bretter – auch wenn der erhoffte Durchbruch bis heute auf sich warten lässt.

Zweitens rückte mit dem Washingtoner Abkommen von 1998 der Umgang mit „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut“ in den Vordergrund. Dass von Werken wie denen des Gurlitt-Funds jahrzehntelang nichts bekannt war, bildet dabei eine krasse Ausnahme. Die ursprünglichen Eigentumsverhältnisse vor allem bei Museumsstücken werden längst durch Provenienzforschung ermittelt. Die KSL und der Kulturstaatsminister unterstützen die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung, mit bislang 6,8 Millionen Euro. So konnte bislang in 128 geförderten Projekten die Herkunft von 80 000 Objekten in 61 Museen und von über 490 000 Büchern und Drucken in 18 Bibliotheken geklärt werden, wobei die Stiftung zugleich als Sachwalterin der Museumsseite auftritt. Parallel zur Rückübertragung an die rechtmäßigen Eigentümer prüft sie die Möglichkeit, die Werke durch Rückkauf in öffentlicher Hand zu belassen. Eine „faire und gerechte Lösung“, wie es im Washingtoner Abkommen heißt, erfordert diskretes Verhandeln – was im Falle Gurlitts kaum noch möglich sein dürfte.

Die Doppelaktion von Herausgabe und Rückkauf, also die nachträgliche Heilung eines unrechtmäßigen Zustands, kommt nun in hoher Zahl auf die Museen der neuen Bundesländer zu. Denn Ende 2014 erlischt der durch das Entschädigungs- und Ausgleichsgesetz von 1994 zugestandene, auf 20 Jahre befristete Nießbrauch. Das betrifft vor allem die noch zu Besatzungszeiten erfolgte und in der DDR sanktionierte Beschlagnahmung adeliger Privatvermögen.

Die Rückforderungen von Kunstwerken aus Museen und Dokumenten aus Archiven und Inventaren ganzer Schlösser werden die Kulturstiftung weiter beschäftigen. In den letzten 20 Jahren konnte vielfach erfolgreich verhandelt werden, wie im Falle des Weimarer Goethe- und Schiller-Archivs. Und bisweilen auch strittig wie bei den Forderungen der sächsischen Wettiner. Eine Erfolgsgeschichte war die teils durch Schenkung, teils durch Ankauf erwirkte Erwerbung von Rogier van der Weydens Tafelbild „Heimsuchung“ 1997 für 20 Millionen Mark. Es hängt im Museum der bildenden Künste Leipzig.

Als die Kulturstiftung der Länder im Frühjahr 1988 ihre Arbeit begann, war ihr Erfolg durchaus nicht gewiss. Anfängliche Eifersüchteleien der Länder, wichen jedoch schnell dem Bewusstsein gemeinsamer Verantwortung für das kulturelle Erbe. Die inzwischen 300 „Patrimonia“-Broschüren belegen, dass Institutionen jedweder Größe und Sammlungsausrichtung berücksichtigt werden konnten. Allein was die Stiftung für die Museen in den neuen Bundesländern tun könnte, die durch die deutsche Geschichte doppelt in Mitleidenschaft gezogen sind, ist ein Ruhmesblatt des Kulturföderalismus.

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