Kultur : Die Einsamkeit der Liebenden

KOMISCHE OPER Asmik Grigorian singt die Maria in Tschaikowskis Oper „Mazeppa“.

UWE FRIEDRICH

Bevor die Proben losgehen, hat Asmik Grigorian noch keine genaue Vorstellung von ihrer Rolle. Natürlich kennt sie die Noten und den Text auswendig, aber um beispielsweise die Maria in Tschaikowskis Oper „Mazeppa“ zu einem überzeugenden Charakter zu formen, braucht sie die Zusammenarbeit mit den anderen Sängern und dem Regisseur. „Ich bin ein Bühnentier. Erst in der praktischen Arbeit beginnt die Suche nach szenischen Lösungen. Ich kann mir zu Hause vieles ausdenken, was dann wegen der Vorstellungen der anderen nicht funktioniert. Deshalb gehe ich ganz offen in die Proben und lasse mich auf die neue Situation ein.“ So erklärt die litauische Sängerin, warum sie noch nicht viel über ihre Rolle sagen kann und will.

Auch nach der Premiere entwickeln Inszenierungen sich weiter, verändern sich, bekommen ein anderes Tempo, weil alle spüren, dass die Wirkung vor Publikum anders ist als auf der Probebühne. Dabei nimmt Grigorian die Zuschauer während der Aufführung kaum wahr: „Ich mag es auch nicht, wenn nach Arien applaudiert wird. Das reißt mich aus meiner Konzentration. Manche Rollen geben mir so viel Energie, dass ich hinterher kaum schlafen kann. Andere Rollen fordern viel Energie von mir, um die Spannung zu halten. Dabei können die einzelnen Aufführungen sehr unterschiedlich sein. Ich halte immer den Kontakt zu den Kollegen, um die Rolle lebendig zu erhalten. Die reine Wiederholung tötet jede Kunst!“

Auch in „Mazeppa“ geht es um die großen Themen Peter Tschaikowskis, um Sehnsüchte und eine unmögliche Liebe, um die kleinen und großen Fehler, mit denen wir uns selber das Glück verbauen. Der ukrainische Revolutionär Mazeppa verliebt sich in die viel jüngere Maria und verliert sie durch schicksalhafte Verwirrungen wieder. Selbstverständlich steckt in dieser Handlung auch einiges an opernüblicher Konvention, doch rührt das Stück auch an tiefe Emotionen, sagt Asmik Grigorian. „Ich fühle immer wieder eine große Einsamkeit in Tschaikowskis Opern. Wir kommen nackt auf die Welt und werden sie allein verlassen. Ich habe die Tatjana in ‚Eugen Onegin' und die Lisa in ‚Pique Dame' gesungen, und spüre eine ähnliche Verlorenheit auch bei Maria. Ich will das nicht platt psychologisch deuten, aber es liegt doch auf der Hand, dass der homosexuelle Peter Tschaikowski im restriktiven 19. Jahrhundert auch über seine eigene unerfüllbaren Sehnsüchte geschrieben hat."

Opernsängerin zu werden gehörte nicht von Anfang an zu den Herzenswünschen der Sängertochter Asmik Grigorian. Vater und Mutter waren umjubelte Stars an der Oper ihrer Heimatstadt Vilnius, sie wuchs sozusagen im Opernhaus auf. Neben der noch immer sehr lebendigen Volksliedtradition der baltischen Länder wurde sie also auch noch mit klassischer Musik beschallt. Da war es fast zwangsläufig, dass sich die Tochter zunächst von den Eltern absetzen wollte. „Ich wollte unbedingt ganz anders sein als meine Eltern. Aber dann habe ich meinen eigenen Weg zur Oper gefunden. Das Geheimnis besteht darin, sich für die ganz eigenen Energien der Musik Stücke zu öffnen. Dann entsteht der Rest von selbst.“

Die größte Neuerung an der Komischen Oper kommt der litauischen Sängerin sehr entgegen: „Mazeppa“ wird auf Russisch gesungen. Die Sängerin sieht die Berliner Diskussion um die Originalsprache allerdings sehr pragmatisch: „Die russischen Vokale sitzen weiter hinten in der Kehle, Deutsch gibt der Stimme einen anderen Fokus und die Möglichkeit, den Atem anders zu kontrollieren. Insofern ist das Singen auf Russisch nicht einfacher. Andererseits ist mir Russisch sehr vertraut und ich muss keine neue Fremdsprache lernen.“

UWE FRIEDRICH

Premiere 24.2., 18 Uhr.

Auch 2. und 8.3., 19.30 Uhr;

17.3., 18 Uhr; 30.3., 19 Uhr

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