Kultur : Die Einsamkeit der Magyaren

Ungarische Misere: Paul Lendvai beklagt verspielte Chancen und Hass in der Politik seiner Heimat

von
Vereint in Schwarz-Weiß. Foto: 50/laif
Vereint in Schwarz-Weiß.Foto: 50/laif

Seit den ungarischen Wahlen im vergangenen Frühjahr, die den konservativen Politiker Victor Orbán mit überwältigender Mehrheit zum Ministerpräsidenten machten, ist das Land im Karpatenbogen Gegenstand von besorgter Aufmerksamkeit. Denn die Wahl hat die politischen Verhältnisse radikal umgestürzt, überdies eine Partei ins Parlament gebracht, die ihren Erfolg mit der Hetze gegen Ausländer und revisionistischen Parolen errungen hat. Erlöst das Wahlergebnis – wie Orbán suggeriert – das Land aus einer langen, unübersehbar krisenhaften Entwicklung oder ist es deren vorläufig letzte Konsequenz? 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gibt es Anlass zu der Frage, was das Land, das im nächsten Jahr die Präsidentschaft der EU übernimmt, mit der damals gewonnenen Freiheit gemacht hat. Das Urteil des Publizisten Paul Lendvai fällt vernichtend aus. Sein Buch heißt: „Mein verspieltes Land“.

Lendvai ist nicht irgendwer. Der nach der Revolution von 1956 zum Österreicher gewordene Ungar hat seit Mitte der 60er Jahre mit seltener Kontinuität über sein Land berichtet. Kaum ein anderer hat das Bild des Landes das dem Beobachter hinter seiner geheimnisvollen Sprache immer ein wenig verborgen bleibt, für die Deutschen so geprägt wie er. Zudem betrifft seine Analyse ja tatsächlich einen Vorgang, der menetekelhafte Züge trägt: Wie das begabte Land von dem Hoffnungsträger, der es in den 70er und 80er Jahren war, zum Problemfall geworden ist – Lendvai spricht vom „Bahnbrecher unter den Reformern der kommunistischen Welt“ und dem „Schrittmacher des Wirtschaftsumbaus“, der zum „kranken Mann Mitteleuropas“ geworden ist.

Was sind die Gründe? Sie sind, folgt man Lendvai, offenbar nicht zu begreifen ohne die ganze Nachwendegeschichte aufzublättern, ja, ohne auf die ungarische Geschichte im vergangenen Jahrhundert zurückzugreifen. Einem „Systemwechsel der Halbheiten“ im großen europäischen Wendejahr 1989/90 – keine wirkliche Erneuerung, jähe Positionswechsel der einzelnen Gruppierungen – setzt sich fort in der Ablösung von rechten und linken, bürgerlichen und postkommunistischen Regierungen. Mit dem Resultat einer extremen Polarisierung, die Ungarn zu einem „Land ohne Dialogbereitschaft“ gemacht hat. Hält man sich an die Zitate, die Lendvai beibringt, so übersteigt die Erbitterung und Gehässigkeit der Auseinandersetzung bei Weitem das hiesige Schlammschlachtniveau.

Dazu kommen offenbar politische Galionsfiguren – nebst ihrem Parteienumfeld –, die die Wirkung von Explosivgeschossen haben. Die Sympathien Lendvais, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, gehören fraglos dem gescheiterten sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány, während er Orbán mit tiefem Misstrauen gegenübersteht. Der Kampf beider ist ein Kapitel, das kaum nachzuvollziehen ist. Einen „kalten Bürgerkrieg“ nennt Lendvai ihn, und tatsächlich ist er aufgeladen mit einem unglaublichen Ausbruch von Hass, Feindschaft und trüben Ressentiments. Am Ende, so Lendvai, habe Orbán gesiegt, weil er mit seinem Griff nach der Macht „ohne den Widerstand einer funktionierenden Zivilgesellschaft den weitverbreiteten Wunsch nach einer starken, ordnenden Hand“ erfüllte.

Ungarns Misere besteht, so scheint es, in einer unbewältigten Vergangenheit, die die Gegenwart in ihren Fängen hält. Hat dieser Mangel an Entschlossenheit zu rationaler Politik wirklich zu tun mit der im Europa von heute etwas abenteuerlich wirkenden, auch von Lendvai beschworenen „Einsamkeit der Magyaren“, die, mit ihrer einzigartigen Sprache und Geschichte, „seit der Landnahme um 896 der bestimmende Faktor in der ungarischen Geschichte geblieben“ ist? Tatsächlich hat es etwas Gespenstisches, wie sehr die Traumata der Geschichte weiterwirken und immer wieder bedient werden. Nach der Lektüre von Lendvais Buch hat man nicht den Eindruck, dass das Land dabei sei, sich davon freizumachen. Stattdessen bleibt es sich auf eine nicht geheure Weise treu.









– Paul Lendvai:

Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch.

Ecowin Verlag,

Salzburg 2010.

233 Seiten, 23,60 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben