Kultur : Die eiskalten Bengel

Im Kino: Thomas Arslans Thriller „Im Schatten“

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Ein Ding, das gar nicht schiefgehen kann, wird garantiert schiefgehen. Das ist Krimigesetz. Drei Minuten nur dauert der Überfall auf den Geldtransporter, und alles läuft nach Plan. Trojan und Nico sind Profis, sie nutzen die Sekunden, in denen sie zuschlagen müssen – den Augenblick, in dem der Fahrer die Tür öffnet, um seinen Kollegen hereinzulassen. Trojan und Nico erbeuten vier Geldkoffer, die sie im Hinterzimmer einer Tankstelle aufbrechen. Als sie das Geld gezählt haben, halten sie kurz inne. Es ist ein feierlicher Moment, wie bei der Weihnachtsbescherung. Die Scheine füllen einen ganzen Tisch. Aber das Geld wird kein Glück bringen. Zu viele wissen von ihm.

Thomas Arslans Film „Im Schatten“ besteht aus lauter Standardsituationen des Genres. Trotzdem entsteht daraus eine ganz neue Geschichte, die immer wieder überraschende Haken schlägt. Trojan ist ein Kämpfer, ein Berufsverbrecher, der sich keinem Chef unterordnet. Misel Maticevic – der Rotlicht-Pate in Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ – spielt ihn als eiskalten Engel in der Tradition von Alain Delon und Steve McQueen. Am Anfang besucht er einen Gangsterboss (Peter Kurth) in dessen Wohnung an der Berliner Friedrichstraße. „Schön, dass du wieder draußen bist. Willst du einen Drink?“, fragt der nervöse Boss. Trojan sagt nur: „Ich will meinen Anteil.“

Das sind Dialogzeilen, die auch in einem Scorsese-Mafiafilm oder in einer frühen „Derrick“-Folge vorkommen könnten. Ihre Banalität passt in die Beiläufigkeit, mit der Arslan erzählt. Es geht ihm weder um Psychologie noch um Action, sondern um Genauigkeit. Wenn Trojan im Kaufhaus Hemden bezahlt und nichts weiter passiert, als dass die Kassiererin die Hemden über den piepsenden Scanner schiebt, dann registriert die Kamera das mit derselben Aufmerksamkeit wie später Trojans Handgriffe beim Verstauen der Waffen für den Überfall. Es wird minutenlang geschwiegen in diesem Film, und minutenlang kann man – ähnlich wie in den kargen Melodramen von Christian Petzold – den Figuren dabei zusehen, wie sie im Auto von A nach B unterwegs sind.

Die Methode eines dokumentarisch anmutenden, in Wirklichkeit aber höchst stilisierten Realismus hatte Arslan schon in „Dealer“ oder „Der schöne Tag“ angewandt, die von deutsch-türkischen Jugendlichen handelten. Mit „Im Schatten“ ist ihm ein Meisterwerk des dramaturgischen Minimalismus gelungen, das seine Spannung ganz aus dem Atmosphärischen entwickelt. Der Film führt in eine Welt wortkarger Männer, von denen latente Bedrohlichkeit ausgeht. Hanns Zischler gibt einen jovialen Hehler, der aber auch seinen besten Freund verkaufen würde. Uwe Bohm ist ein korrupter Bulle, und Misel Maticevic misstraut allen, er wird zum gejagten Jäger. Nur eine Frau gibt es im Ensemble, Karoline Eichhorn. Sie ist Trojans Anwältin, die in die Rolle der Komplizin wechselt. In einer Liebesnacht träumen sie von einer gemeinsamen Zukunft irgendwo im Ausland, nach dem letzten Beutezug. „Wir könnten Schafe züchten“, schlägt sie vor. „Schafe züchten, warum nicht“, antwortet er. Doch sie ahnen, dass es für Gangster kein Happy End gibt. Christian Schröder

Arsenal, fsk, Hackesche Höfe, Kant

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