Kultur : Die Eleganz des Artisten

Der große Jazzpianist Oscar Peterson ist tot

Kai Müller

Im Jazz gehen Gegensätze oft eine mysteriöse Verbindung ein. Im Falle Oscar Petersons war es die enorme Leibesfülle, die so gar nicht zur filigranen Bewegungsartistik seiner Finger zu passen schien, wenn diese flink über die Tasten seines Pianos strichen. Wie aus dem massigen Körper all die perlenden Töne zu fließen vermochten, woher der Swing kam, der sie vor sich herzutreiben schien – es bleibt das Geheimnis dieses in jeder Hinsicht großen Mannes, dessen 60-jährige Bühnenkarriere ihn zu einem Säulenheiligen des Modern Jazz gemacht hat.

Dabei sah es anfangs gar nicht gut für Oscar Peterson aus. Der Sohn karibischer Einwanderer, 1925 im kanadischen Montreal geboren, wollte eigentlich Trompeter werden. Sein Idol hieß Louis Armstrong. Doch eine Tuberkulose-Erkrankung machte Petersons Traum zunichte, mit sieben Jahren verlegte er sich ganz aufs Piano. Wie er in seiner Autobiografie „A Jazz Odyssee“ schildert, hatte Art Tatum früh großen Einfluss auf ihn. Dessen „Tiger Rag“ beschämte ihn beim ersten Hören so sehr, dass er das Piano zwei Monate nicht anrührte.

Dennoch folgte er bald den Pfaden Tatums, der die kultivierte Anschlagstechnik weißer Konzertpianisten wie Arthur Rubinstein mit den Polyrhythmen des Jazz verband. Peterson wurde ebenfalls zum Perfektionisten, wobei er die „schulischen“ Fingersätze beliebig abwandelte und die technische Brillanz sich vor allem durch die Sauberkeit seines Spiels ergab. 1947 gründete er sein erstes Trio. Obwohl er in späteren Jahren auch als Solokünstler auftreten sollte und mit Dizzy Gillespie betörende Duo-Konzerte gab, blieb das Trio seine Domäne.

Oscar Peterson war ein Klassizist. Sein virtuoser Stil, der von der Spannung glasklarer Läufe – oft unisono mit beiden Händen gespielt – und harter Akkordattacken getragen wurde, änderte sich nie. Dass der elegante Musiker, der mit seidenem Einstecktuch zu spielen pflegte und zum Inbegriff des gebändigten Kolosses wurde, auch den Harlem-Pianisten viel verdankte, zeigte er nur gelegentlich. Swing war im Peterson-Kosmos mehr ein inneres Erlebnis, ein sublimes, vom Geschrei des Bebop wieder entrücktes Selbstgespräch, das niemals ins Schwafeln geriet. So mögen Petersons Akzente und Bögen zu konventionell gewesen sein, um über die Ära des Modern Jazz hinauszuweisen. Dennoch bleibt sein Einfluss auf die Entwicklung des „swingboppenden Mainstream-Pianos“ enorm. Er zählt neben Louis Armstrong und Ella Fitzgerald zu den bekanntesten Jazzmusikern überhaupt, spielte annähernd 200 Alben ein und wurde mit acht Grammys ausgezeichnet. Am Sonntag schlief Oscar Peterson in seinem Haus nahe Toronto friedlich ein – und wachte nicht wieder auf. Er wurde 82 Jahre alt. Kai Müller

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