Kultur : Die Elektrifizierung der Republik

GESTALTUNG

Bernhard Schulz

Immer noch gibt es unerforschte Einzelaspekte zur Geschichte des Bauhauses. So zeigt das Bauhaus-Archiv in einer Übernahme aus dem Leipziger Grassi-Museum von heute an die Ausstellung „bauhausleuchten? Kandemlicht!“, mit der das Berliner Museum – so die neue Direktorin Annemarie Jaeggi – „ein Erfolgskapitel des Bauhauses aufschlägt“ (Klingelhöferstraße 14, bis 30. Juli). Die vielzitierte Zusammenarbeit der Dessauer Gestaltungsschule mit der Industrie – nach Walter Gropius’ zündendem Slogan „Kunst und Technik – eine neue Einheit“ – blieb meist eher Wunsch denn Wirklichkeit; hier aber gelang sie einmal in nennenswertem Umfang. Die eingeführte Leipziger Leuchtenfabrik „Kandem“ ging 1928 einen Vertrag mit dem Bauhaus ein und produzierte fortan Entwürfe der Metallwerkstatt. In dem über 500 Produkte umfassenden Angebot machten die Bauhaus-Entwürfe zwar nur zwei Dutzend aus, erwiesen sich aber als ausgesprochen erfolgreich. Allerdings wurde nur ein einziger Entwurf, die auf eine Idee von Laszlo Moholy-Nagy zurückgehende Doppelzylinderleuchte von Marianne Brandt, unverändert produziert. Ansonsten hatten sich die Bauhäusler den Vorgaben der „Kandem“-Lichtingenieure zu fügen, die mit ihrer Klassifizierung von fünf grundsätzlichen Leuchtentypen den wissenschaftlichen Anspruch der Firma untermauerten. Die Elektrifizierung der Haushalte in den zwanziger Jahren schuf die Nachfrage nach funktionsgerechten Küchen- und Arbeitsleuchten, die „Kandem“ mit zeitlosen, meist jahrzehntelang kaum veränderten Produkten befriedigte. Die ansprechend gestaltete und von einem mustergültigen Katalog (Arnoldsche Verlagsanstalt, 24,80 €, im Buchhandel geb. 49,80 €) begleitete Ausstellung belegt im Übrigen, dass es mit dem unterkühlten Pathos der Funktionalität gestaltete Objekte auch außerhalb der Zukunftswerkstatt namens Bauhaus gab.

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