Kultur : Die Enden der Parabel

Simon Rattle legt mit den Wiener Philharmonikern einen epochalen Beethoven-Zyklus vor

Jörg Königsdorf

Er hat es doch wieder geschafft. Niemand, der damals, im Herbst 2001, mit dabei war bei jenem kunstfertig verunglückten Beethoven-Zyklus in der Berliner Philharmonie, hätte es Simon Rattle verübelt, wenn er einfach den Taktstock ins Orchester geworfen, sich auf dem Absatz umgedreht und ein „Ihr könnt mich mal . . .“ gerufen hätte. Und diesen heillos störrischen Traditionsverein Wiener Philharmoniker stehen gelassen hätte, diesen Verweigerern aus nonchalanter „Das haben wir noch nie so gemacht“-Trägheit. Einer wie Rattle jedenfalls hätte sich das erlauben können – und den Zyklus auch mit den Berliner Philharmonikern aufnehmen können (die das nur allzu gern getan hätten). Oder weshalb eigentlich nicht gleich einen echten Originalklang-Zyklus mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment produzieren, das ihm bei Mozart und Rameau so hingebungsvoll bis ins feinste Taktstockwippen folgt?

Doch Rattle blieb. Und arbeitete. Ein gutes halbes Jahr später, im April und Mai 2002, wiederholte er seinen Beethoven-Zyklus noch zweimal, einmal in London und einmal in Wien selbst. Das Ergebnis beweist, dass für das Entstehen von Kunst Zähigkeit und Beharrungsvermögen offenbar genauso wichtig sind wie Fantasie und kluge Ideen.

Das Allerheiligste

Der Wiener Zyklus liegt jetzt als Gesamtaufnahme auf fünf CDs bei der EMI vor: Was in Berlin noch bloße Absichtserklärung war, ist hier zur gültigen, ja epochalen Beethoven-Interpretation geworden. Epochal, weil hier nicht bloß die x-te Einspielung des sinfonischen Allerheiligsten vorliegt, sondern ein Modellfall für die Orchesterpraxis des 21. Jahrhunderts. Denn die Aufnahme ist zugleich exemplarisch für Rattles Ziel, die Erkenntnisse historischer Aufführungspraxis im Traditionsapparat Sinfonieorchester zu verankern – und die Enden der Parabel in der Unendlichkeit des Beethovenschen Sinfoniekosmos zusammenzuführen.

Rattle hat sich die Wiener ausgesucht, gerade weil sie als das konservativste Orchester der Welt gelten, gerade weil es bislang als ausgemacht galt, dass die trockene Spielweise und kleinteilige Phrasierung der Originalklang-Bewegung auf diesem glattpolierten Edelklangkörper nur hässliche Kratzer hinterlassen würde. Womit wir schon beim ersten verblüffenden Höreindruck wären: Natürlich klingen die Wiener so hinreißend wie seit eh und je, auch wenn durch die neue, inzwischen weltweit maßgebliche Beethoven-Ausgabe von Jonathan Del Mar all die großen romantischen Bindebögen fortgefallen sind. Und natürlich sind die wunderbar kantablen Bläser geblieben, hat der Streicherklang noch immer seine – jetzt allerdings umsichtig dosierte – Süße.

Was durchaus als Signal verstanden werden darf: Es geht Rattle schließlich nicht darum, Sinfonieorchester zu zweitklassigen Originalklangensembles zu machen, sondern vielmehr um die Formulierung eines modernen, historisch reflektierten Beethoven-Bildes, welches sich auch der Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts nicht verschließt. Liest man die Rattle-Biografie von Nicholas Kenyon (Henschel Verlag), stößt man – vor allem bei der „Eroica“ und der „Neunten“ – immer wieder auf Hinweise, wie sehr Rattles Beethoven-Bild nicht nur durch die Ideen von Harnoncourt & Co., sondern auch und immer wieder durch Furtwängler und Carlo Maria Giulini beeinflusst worden ist. Ein jahrzehntelanger Konvergenzprozess scheinbar völlig entgegengesetzter Interpretationsschulen, der über etliche, „vermutlich ziemlich langweilige Aufführungen“ (Rattle) führte, und der im Übrigen auch dafür verantwortlich sein wird, dass sich der Dirigent nicht schon eher dazu entschlossen hat, seine Beethoven-Sicht auch auf CD zu verewigen.

Womit wir beim zweiten, ebenso frappierenden Höreindruck wären: Mit dieser Aufnahme ist Rattle tatsächlich bis in jeden sinfonischen Einzelfall die Synthese aus dem großen romantischen Atem Furtwänglers und der gestischen Anschaulichkeit und vielstimmigen Belebtheit Harnoncourts gelungen: Die Tempi sind oft überraschend gemäßigt, bleiben um etliches hinter der quecksilbrig musikantischen Einspielung David Zinmans (Arte Nova), der überraschendsten der letzten Jahre, und sogar hinter dem vermittelnden Ansatz Abbados (DG) zurück. Sir Simon nimmt sich die Zeit, Klangräume auszuloten, Spannungsverhältnisse zwischen Themenblöcken zur Wirkung kommen zu lassen, das energetische Gefüge der sinfonischen Konstruktion mit all seinen gegenläufigen Energien aufmerksam zu verfolgen.

Die „verrückte“ Achte

Doch die Binnenspannung, die er mit seiner Hellhörigkeit erzielt, ist umso größer – Rattle macht in jeder agogisch prägnant gezeichneten Nebenstimme deutlich, dass Beethoven das dialogische Moment der klassischen Stimmführung nicht einfach über Bord warf, sondern immer wieder neuen, zusehends provokativen Spannungsverhältnissen aussetzte. Jede Note zählt – der Anfangsakkord der „Eroica“ etwa, jenes Fanal, mit dem musikalisch das 19. Jahrhundert beginnt, ist hier kein scharfkantiger Karatehieb wie bei Michael Gielen (Vox), sondern eine neue sinfonische Dimension, die ganz widerstreitende Bewegungen auslöst.

Rattles Beethoven blickt zurück auf Joseph Haydn (in den ersten beiden Sinfonien), blickt aber auch voraus ins 20. Jahrhundert: auf Gustav Mahler in der Neunten, auf Anton Webern in der „verrückten“ Achten, ohne dabei jemals das ganz spezifisch Beethovensche Idiom aus dem Ohr zu verlieren. Und zu den aberwitzig verknappten Gesten der Achten scheint ein schnurgerader Weg zu führen – von jenem fingerschnippenden Pizzicato, mit dem die Erste so wunderbar frech startet.

Womit wir beim letzten Punkt der Vereinigung von Gegensätzen angelangt wären: Obwohl Rattles Einspielung die neun Sinfonien mit absoluter innerer Folgerichtigkeit der Stilentwicklung nachvollzieht, hat gewiss noch keine Aufnahme den spezifischen Einzelcharakter der Werke stärker hervorgebracht: vom lautmalerischen Schlachtenlärm der Siebten über das pastellfarbene con-sordino-Idyll der „Pastorale“ bis hin zur abstrakteren, elegisch-heroischen Färbung der Fünften und dem launig persönlichen Abschluss mit Haydn in der Vierten. Jedes Werk besitzt seinen ganz unerwechselbaren Tonfall, mit jedem Werk, so spürt man bei Rattle, wollte Beethoven die Aufgabestellung Sinfonie von einer ganz anderen, neuen Seite anpacken.

Rattles Zyklus, soviel ist sicher, wird das Beethoven-Bild der nächsten Jahrzehnte prägen. Nachhaltig.

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