Kultur : Die endliche Geschichte

Jacques Rivette erfindet ein Traumpaar zwischen Diesseits und Jenseits

Gregor Dotzauer

Was sie zueinander treibt – sie wollen es nicht wirklich wissen. Woher sie kommen – bis auf die dringendste Neugier und ein paar eifersüchtige Nachfragen spielt es keine Rolle. Marie und Julien umkreisen einander in fast selbstgenügsamer Einsamkeit, mal näher, mal ferner, bis das Band zwischen ihnen zu zerreißen droht und sie wieder aus nächster Nähe übereinander herfallen. Sie (Emmanuelle Béart) eine scheue, stolze und störrische Schönheit, halb verschluckt von einem schweren Schlaf mitten im Leben. Er (Jerzy Radziwilowicz) ein Eremit mittleren Alters, verkapselt in sein mürrisches, dem Uhrmacherhandwerk gewidmeten Dasein. Ein unwahrscheinliches Paar. Mehr noch: ein unmögliches Paar. Denn Marie ist ein Gast aus dem Jenseits, eine Wiedergängerin, die aus der Ewigkeit zurückgefallen ist ins Pochen und Ticken der Endlichkeit.

Dabei lebt „Die Geschichte von Marie und Julien“ (Histoire de Marie et Julien) weniger von ihren fantastischen Elementen als von ihren alltäglichen. Jacques Rivette, ihr Regisseur, mag in mancher Hinsicht ein Alchimist und Obskurantist sein, die größten Geheimnisse stecken bei ihm im Konkreten. Und so bewegen sich Marie und Julien, umgeben von mysteriösen Todes- und Sehnsuchtsdriften, vielleicht auf undurchschaubaren Schicksalsbahnen. Zugleich sind sie bewusste Akteure ihrer schweigsamen Verstrickung, die immer wieder aufbricht in eine wild stammelnde, theatralisch aufgeputschte Passion. Und weil es mehr und mehr darum geht, den Tod zu besiegen, entwickelt sich ihre Geschichte zwangsläufig zu einer Liebesgeschichte.

In vier Teilen („Julien“, „Julien und Marie“, „Marie und Julien“ und „Marie“) entfaltet Rivettes zweieinhalbstündiges Kammerspiel von neuem den Traum eines Kinos, das dem Leben den Takt vorgibt – so wie die Sphären von Traum und Leben (und Tod) einander auch auf der Ebene der Fiktion inspirieren. Das Zentrum dieser demiurgischen Fantasie ist Juliens mit reparaturbedürftigen Uhren vollgestelltes Werkstatthaus: eine verwinkelte Villa, in deren Dachkammer sich Marie ein seltsames Gedenkzimmer einrichtet. Julien verlässt es nur, um Maries Fluchten ins Hotel auf die Spur zu kommen. Oder er trifft sich mit Madame X (Anne Brochet), einer Stoffhändlerin, die er wegen gefälschter Zertifikate erpresst und mit der Marie eine schmerzliche Erinnerung teilt.

Vor allem aber kommt „Die Geschichte von Marie und Julien“ durch ihre offen erotischen Szenen Rivettes altem Wunsch nach einem Kino der Körper näher als jeder andere seiner Filme in den letzten Jahren, sei es „Va savoir“, „Secret Défense“ oder „Die schöne Querulantin“, sein erste Leinwandbegegnung mit Emmanuelle Béart. In „Jacques Rivette, le veilleur“ (Der Nachtwächter), einem Porträt seiner früheren Assistentin Claire Denis für die Reihe „Cinéma de notre temps“, erklärt Jacques Rivette, dass er anders als François Truffaut und Jean-Luc Godard nie Gesichter habe filmen wollen. Es sei ihm ein Gräuel, Körper kinematografisch zu zerstückeln. Ihre Faszination liege für ihn in ihrer Gesamtbewegung. Das stimmt selbst für ihn natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Kino bedeutet nun einmal Zerstückelung, Zerstörung von Dauer, Montage – meist im Bemühen, im gleichen Moment all das wieder unsichtbar zu machen. Rivettes Bekenntnis – ganz gegen seine Überzeugung, die Zeit habe ihre Dichte und Geschwindigkeit verloren – illustriert so auch seine Leidenschaft für die Langsamkeit: als Versuch, Schnitte so lang wie möglich hinauszuzögern.

„Die Geschichte von Marie und Julien“ wirkt wie die meisten Filme von Rivette wie eine Schöpfung aus dem Nichts, ohne jede Zitierwut. Aber das Gegenteil trifft zu. Die Natürlichkeit des Erzählens und die stille Poesie der Bilder (Kamera: William Lubtchansky) verbergen in Wahrheit ein hochsynthetisches Kino: stofflich im Schatten von Mythen und romantischen Schauermärchen, vom Wahrnehmungstempo her im Gefolge von Antonioni, durchtränkt von Rivettes ständigen Seitenblicken auf das Urkino von Griffith oder Dreyer.

Das Schönste an der „Geschichte von Marie und Julien“ ist aber, dass sie auch als ein herrliches Stück Schauspielerkino mit der Chemie eines ungewöhnlichen Paares funktioniert. Wie Jerzy Radziwilowicz gedankenverloren seine Katze Nevermore krault oder wie plötzlich dunkle Stimmen aus Emmanuelle Béart sprechen – davon kann man gut und gerne ein paar Tage leben.

In Berlin ab Donnerstag als OmU im Broadway, fsk und den Hackeschen Höfen

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