Kultur : Die entführten Kellerkinder

Spielzeit Europa: Stéphane Braunschweig inszeniert „Tage unter“ – ein norwegisches Horrorstück.

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„Ich. Ich habe nichts. Bin nichts. Bis jetzt. Ich hatte einmal. Ich war etwas. Aber nicht jetzt.“ In diesen knappen, wenig bis nichts sagenden Worten stellt sich „Besitzer“ vor. Besitzer ist die Hauptfigur im Stück „Tage unter“ des Norwegers Arne Lygre, der bestimmte Artikel ist dem Mann wohl verloren gegangen, wie auch dem Restpersonal dieser Versuchsanordnung für vier Personen: „Frau“, „Mädchen“, und, oho, „Peter“. Ja, es raunt hier sehr weltgültig durch den Keller, den Lygre sich zum Schauplatz eines Abstiegs in die Dunkelkammer der menschlichen Seele erkoren hat. In einem Haus, weit von anderen Häusern entfernt, spielt sich das Drama ab. In einem Stil, weit von guten Stilen entfernt. Und jenseits von Sinn und Verstand obendrein.

Der französische Starregisseur Stéphane Braunschweig hat „Tage unter“ als deutschsprachige Erstaufführung für die Spielzeit Europa inszeniert – mit nur der Hälfte der ursprünglich geplanten Vorstellungen, was aber kein Verlust ist. Nicht mal die Premiere im großen Haus an der Schaperstraße war ausverkauft, der Schlussapplaus ungefähr zwei Minuten lang. Danach: ratlose Gesichter im Foyer. Dabei war immerhin der große Udo Samel mal wieder in Berlin zu erleben, aber der stand als Besitzer bei aller mimischen Finesse bald auch auf verlorenem Posten.

Seine Figur entführt Drogensüchtige, um sie in einem schalldichten Heimverlies gewaltsam zu therapieren und hernach in die Eigenverantwortung und Freiheit zu zwingen – wer nicht spurt, dem droht der Verlust von Fingern und Zehen. Bei „Frau“ (Claudia Hübbecker) hat diese Methode schon Wunder gewirkt, die fühlt sich als glühender Besitzer-Fan „nicht gefangen“, sondern „behütet“, was man als fortgeschrittenes Helsinki-Syndrom deuten könnte. Bloß kommt man hier mit Psychologie nicht weiter. Lygre betont auch, sein Stück sei lange vor den Fällen von Natascha Kampusch und Josef Fritzl entstanden. Um jeden weiteren Realismusverdacht zu zerstreuen, lässt er die Figuren beständig in der dritten Person die eigenen Handlungen kommentieren: „Frau betrachtet Besitzer“, sagt da zum Beispiel die Frau, was Lygre als „Hyperrepliken“ bezeichnet. Ach Gott.

Regisseur Braunschweig, dessen Inszenierung im Januar ans koproduzierende Düsseldorfer Schauspielhaus wandert, lässt das Stück im eigenen Bühnenbild aus klaustrophobischer Waschbetonwand mit fensterloser Mauernische werkergeben seinen Lauf nehmen. Die weiteren entführten „Mädchen“ (Bettina Kerl) und „Peter“ (Daniel Christensen) erweisen sich als renitent, was Besitzer das Herz bricht. Er stirbt einfach und ist weg, die Zurückgelassenen spielen dann bis Feierabend noch ein bisschen Existenzialismus-Pingpong. Wie auch in die einsilbigen Stücke von Jon Fosse kann man allerhand große Themen in diese bedeutungsschwangere Blase projizieren. Oder man lässt es.

Eine an Höhepunkten arme Saison der Spielzeit Europa neigt sich dem Ende zu. Andrea Breth zeigt noch als Gastspiel ihrer „Zwischenfälle“ vom Wiener Burgtheater, die Hofesh Shechter Company präsentiert einen personalstarken Tanzrockabend. Programmprofile sehen anders aus. Die Hoffnungen ruhen jetzt auf dem künftigen Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, in dessen Team als Interimskuratorin Frie Leysen und anschießend Matthias von Hartz die Spielzeit Europa verantworten. Unterirdischer als mit „Tage unter“ kann es kaum werden. Patrick Wildermann

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