Kultur : Die Entwicklung der Langsamkeit

Moritz Schuller

Von den Fußballspielern, die 90 Minuten vor aller Augen hin- und hergerannt waren, ist keiner zu sehen. Das Stadion ist voller Zuschauer, der Rasen ist leer. So lange, wie das Spiel dauerte, hat der Fotokünstler Michael Wesely sein Bild im Münchner Olympiastadion belichtet, so lange, bis das, worauf es ankommt, gar nicht mehr zu sehen ist. Die Spieler sind auf der Fotografie unsichtbar, weil sie zuviel herumgelaufen waren. Und so ist die Moral der Langzeitbelichtungen auch verblüffend elementar: "Der Mensch", sagt Michael Wesely, "ist flüchtig."

Die bekannteste Serie von Wesely zeigt den Bau des Potsdamer Platzes. Selbst Stein und Beton scheinen sich hier zu verflüchtigen. Inzwischen hängen die festgehaltenen Zeitabläufe im Münchner Lenbachhaus, dem Kunstmuseum Bonn und im Museum of Modern Art in New York. Im Frühjahr wird der Verfechter der Langsamkeit an der Biennale in Sao Paulo teilnehmen.

Etwa zehn Minuten hätte einer der Fußballspieler auf einer Stelle verharren müssen, damit er bei einer so langen Belichtungszeit auf dem Fotopapier Spuren hinterlässt. "Ich will Bilder zeigen, auf denen die langsamen Prozesse sichtbar werden." Für ihn, und das sagt er auch so, hat das fast eine moralische Bedeutung. Teil dieser Abkehr von der reinen Abbildung ist die Rückbesinnung auf die ursprünglichste Fototechnik, die Lochkamera. Wie die Camera Obscura funktioniert die selbstgebaute Lochkamera ohne Linse - eine Kiste, vorne ein Loch, auf der Rückwand das Fotopapier. Die Linse sei lediglich eine Erfindung, um kürzere Belichtungszeiten zu schaffen, erklärt Wesely. Je länger der Abstand zwischen Loch und Rückwand der Kiste, desto flacher der Winkel: Eine kurze Kiste funktioniert wie ein Weitwinkelobjektiv.

"Die Fotografie", sagt der 1963 geborene Wesely, "hat sich lange über den Moment definiert. Was wichtig war, war die Genauigkeit der Details und des Moments." Der Höhepunkt dieser Fotografie liege jedoch schon hinter uns, der war auf dem Foto erreicht, auf dem die Pistolenkugel aus dem Apfel herausgeschossen kam. Das war der ultimative Moment. Wesely ist dagegen ein Fundamentalist des Sehens. Wie Gene Hackmann, der in Coppolas "Dialog" dem Hören auf der Spur ist, oder wie Jean-Baptiste Grenouille in "Das Parfum" experimentiert er und versucht, die technischen Möglichkeiten seiner Fotografie zu erweitern. Als gäbe es das Ziel, die Welt ununterbrochen belichten zu müssen. Gerade hat Wesely eine Aufnahme fertiggestellt, die über drei Jahre lief, und ein noch längeres Projekt ist bereits angelaufen: Über die nächsten vier Jahre werden acht Kameras den Umbau des Museums of Modern Art in New York aus verschiedenen Perspektiven dokumentieren.

Weselys Serie "American Landscapes", die zurzeit in der Galerie Fahnemann zu sehen ist, reduziert die Welt auf ganz andere Weise: "Los Angeles from Mulholland Drive" (1999, Unikat, 12 300 Euro) zum Beispiel zeigt zunächst nichts als einige farbig-verwaschene horizontale Striche. Auch bei diesen Aufnahmen ist die Technik sehr einfach: Statt durch ein Loch lässt Wesely hier das Licht durch einen horizontalen Schlitz auf das Fotopapier fallen. Vertikale Formen bilden sich so kaum ab, jeder Baum, jedes Hochhaus wird überlagert von den starken horizontalen Lichteinflüssen. "Alles wird auf einen Farbklang reduziert", sagt Wesely. "Die Fotos treffen keine direkten Aussagen über die Landschaften: zwar stimmen Farben und die horizontale Einteilung, aber es gibt keine Gegenstände." Wie bei den Langzeitbelichtungen surren auch hier Form und Farbe, Bewegung und Geschichte in einem Bild zusammen. Was Wesely verlangsamt und verdichtet, bleibt als eine Suche nach Vollendung sichtbar. So machen auch die wunderbar elementaren Strichbilder aus dem amerikanischen Westen deutlich, worum es Wesely geht: das abzubilden, was Bestand hat.

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