"Die Erdbeeren von Antons Mutter" von Katharina Hacker : Schnee im Kopf

Katharina Hackers neuer Roman "Die Erdbeeren von Antons Mutter": Die progrediente Demenz einer älteren Frau steht im thematischen Mittelpunkt.

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Als Tilman Jens im Februar des vergangenen Jahres ein Buch über die Demenz-Erkrankung seines Vaters veröffentlichte, „Demenz. Abschied von meinem Vater“, waren die Meinungen darüber sehr geteilt. Von einem „denunziatorischen Buch“ sprachen die einen, von „Vatermord“ gar, andere wiederum bewunderten den Mut und die Konsequenz von Tilman Jens und erkannten an, dass er an eines der wenigen verbliebenen Tabus in unserer Gesellschaft gerührt hätte.

Tatsächlich wird auch die deutschsprachige Gegenwartsliteratur von demenz- oder alzheimerkranken Figuren nicht gerade bevölkert, sind diese Erkrankungen wie überhaupt die Pflege älterer Menschen ein selten gewählter Topos. Man merkte da schon auf, als eine Schriftstellerin wie Annette Pehnt sich dieses Themas annahm und ihren 2006 erschienenen Roman „Haus der Schildkröten“ unter anderem in einem Altenheim ansiedelte; oder die Kritikerin Klara Obermüller ebenfalls 2006 eine Anthologie herausgab, für die sie jüngere Autoren und Autoren wie Peter Stamm, Ulrike Draesner, Inka Parei oder Arno Geiger um Geschichten über Demenz und Alzheimer gebeten hatte („Es schneit in meinem Kopf“).

Insofern ist es eine kleine Überraschung, wenn die 43-jährige, seit ihrem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Habenichtse“ eher als „Stimme ihrer Generation“ wahrgenommene Berliner Schriftstellerin Katharina Hacker die progrediente Demenz einer älteren Frau in den thematischen Mittelpunkt ihres neuen Romans stellt. „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ heißt der Roman, und ebenjene Mutter von Anton, der Mitte vierzig ist und als Arzt in Berlin arbeitet, spürt täglich bedrohlicher die Anzeichen ihrer Erkrankung. „Sie nahm sich vor, etwas aufzuschreiben. Denn sie merkte, wenn sie etwas vergessen hatte. Sie wollte sich konzentrieren und atmete ruhig. Entweder drehte sie sich dahin, wo sie vorher gewesen war, oder sie blieb im Gegenteil unbewegt stehen. Sie versuchte aufzulisten, was zu dem Verlorenen führen würde. Ihre Gedanken glitten nicht ab, sie stolperte nicht, es war eher, als berührte sie etwas, das nachgab und sich dabei auflöste.“

Die Erdbeeren sind das Motiv, das Hackers Roman bis zum Ende durchzieht. Sie stehen symbolhaft für die Demenzerkrankung von Hilde Weber. Diese vergisst die Erdbeeren rechtzeitig im Frühjahr anzupflanzen und hat Angst, ihrem Sohn keine Marmelade mehr aus dem niedersächsischen Calberlah nach Berlin schicken zu können. Als ein Bekannter aus ihrem Dorf die Erdbeeren nachpflanzt und diese tatsächlich noch reifen, werden sie von Schnecken vernichtet. Von „Besiegten“ und „verlorenem Kampf“ ist dann die Rede, was natürlich gerade auch für den Kampf gilt, den Hilde Weber führt. Und den Anton und seine in Amerika lebende Schwester Caroline plötzlich führen müssen, als sie erkennen, dass ihre Mutter (und nicht zuletzt auch ihr Vater) krankheitsbedingt ihrer Hilfe bedarf.

Katharina Hacker gelingt es in ihrem vielstimmigen Roman sehr gut, die Ebene der vergesslichen, sich in ihrem Alltag nicht mehr zurechtfindenden Eltern mit jener ihrer in der Mitte des Lebens stehenden Kinder ineinanderzuschieben. Anton, Caroline und die anderen stellen sich die große Frage nach dem Lebenssinn und die nicht ganz so große nach dem, was jetzt, da sie die vierzig überschritten haben, noch kommt. Dann aber werden sie damit konfrontiert, dass mit der Pflege der Eltern auf einmal eine neue, ganz andere Aufgabe auf sie wartet.

„Die Erdbeeren von Antons Mutter“ schließt an Hackers erst vor einem halben Jahr veröffentlichten Vorgängerroman „Alix, Anton und die anderen“ an (siehe Tagesspiegel vom 24.11. 2009), verzichtet glücklicherweise aber auf formale Experimente („Alix, Anton und die anderen“ enthielt zwei nebeneinanderherlaufende Textblöcke). Die Vielstimmigkeit hat darunter nicht gelitten: Antons Familie und seine neue Liebe Lydia, ebenfalls eine Ärztin, mögen die Hauptprotagonisten sein. Doch mehr und mehr hält Katharina Hacker auch die Kamera auf zwei Bekannte aus Lydias früheren Leben, merkwürdigerweise zwei ehemalige Fremdenlegionäre. Deren Innenleben widmet sie sich mit derselben sprachlichen und emotionalen Hingabe wie etwa dem von Anton oder Hilde, was wie schon im Fall der vietnamesischen Familie aus „Alix, Anton und die anderen“ einen scharfen, nicht immer nachvollziehbaren Kontrast ergibt.

Trotzdem imponieren gerade die Passagen auf dem Land, die Introspektionen von Antons Mutter. Auch mit allein poetischen Mitteln lassen sich die Demenz und die Folgen für die Betroffenen wie für ihre familiäre Umgebung umfassend beschreiben – dass das wie schon bei Pehnt oder Obermüller für nicht so viel Aufsehen sorgt wie Tilman Jens mit dem Buch über seinen prominenten Vater, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

Katharina Hacker: Die Erdbeeren von Antons Mutter. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 175 Seiten, 17, 95 €.

Hacker liest am Fr., 21.5., 20 Uhr, im Literaturhaus in der Fasanenstraße daraus vor

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