Kultur : Die Erde ist doch bewohnbar

Peter Konwitschny und Ingo Metzmacher entdecken an der Hamburger Staatsoper das Utopische in Richard Wagners „Meistersingern“

Frederik Hanssen

Das gibt es in Hamburg noch: Entrüstungsstürme am Premierenabend. Hier klingt das goldene Zeitalter deutscher Theaterkultur immer noch nach, hier werden Produktionen tatsächlich zum Stadtgespräch, hier versammelt sich tout Hamburg in Erwartung eines Skandals. Und die Dame im kleinen Schwarzen mit der frisch gekämmten Fuchsstola raunt dem Gatten beim Schlussapplaus zu: „Jetzt kommt’s gleich.“ Gemeint ist das Buh-Gewitter. Denn das brandet auch bei Peter Konwitschnys jüngster Tat auf – obwohl es zunächst gar nicht danach aussah.

Der Regisseur, den die Feuilletons als genialen Musiktheater-Exegeten feiern, der unerbittliche, leidenschaftliche Analytiker, hat die hanseatische Großbourgeoisie bislang noch mit jeder der sieben Inszenierungen, die er an der Alster herausgebracht hat, zur Weißglut gereizt. Diese „Meistersinger von Nürnberg“ aber sehen mit ihren historisierenden Kostümen nun doch recht manierlich aus.Ja, mögen sich die Herren im nachtblauen Zweireiher gesagt haben, jetzt hat auch der Konwitschny endlich Vernunft angenommen.

Bis zum Finalbild präsentiert der Regisseur eine geradezu konventionell gemachte Komödie, in der es nur Sympathieträger gibt. Vor allem die ernsthaften, kunstsinnigen Zunftmeister liegen dem Interpreten am Herzen: „Wo gibt es heute noch Menschen, die so intensiv über unsere Traditionen nachdenken?“ fragt Konwitschny in der angenehm unprätentiös aufgemachten Publikumszeitschrift. In Hamburg!, möchte man antworten. Dort, wo seit Jahrhunderten Bürgerstolz und Repräsentationsbedürfnis aufeinander treffen, kunstfördernd aber auch herausfordernd. Wagners Geschichte vom verliebten Junker, der die altehrwürdigen Regelbewahrer mit seiner Spontanität in Verwirrung stürzt, könnte hier und heute spielen: Was für ein Gegenwind bläst dem Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher an der Elbe entgegen, wenn er sich für Zeitgenössisches einsetzt? Wie vehement wird hier jeder vermeintliche Falschparker bekämpft, auf der Straße wie im Theater? Die „Meistersinger“ passen zu Hamburg – ebenso wie Peter Konwitschny mit seinen zwei Seelen in der Brust, mit seiner Verehrung für alle, die bereit sind, Überliefertes zu pflegen, und seinem Drang, nichts davon als unveränderlich zu akzeptieren.

Das einzige Problem des Abends liegt zunächst in der musikalischen Balance. Ingo Metzmacher dirigiert die „Meistersinger“ genauso, wie Konwitschny sie inszeniert: in leichtem Konversationston, aus dem Geist der Spieloper, ganz ohne Pomp, im Vorspiel geradezu ekstatisch heiter. Und doch ist das Orchester immer zu laut, leidet die Textverständlichkeit, wird Jürgen Sachers agiler, leichtstimmiger David untergebuttert, lässt sich John Treleaven als Stolzing zum Dauerforte verleiten. Wahrscheinlich liegt es an Johannes Leiackers Bühnenbild, jenem kleinen Bretterpodest, das im Dunkel der Riesenbühne wirklich aussieht wie die Spielstätte einer fahrenden Komödiantentruppe – und das bei aller optischen Überzeugungskraft den Stimmklang leider in allzu viele Richtungen entweichen lässt.

Die Regie aber schreitet konsequent voran, mit virtuoser Personenführung. Sixtus Beckmesser, Stolzings Konkurrent um die schöne Eva (allerliebst: Anja Harteros), wird nicht wie sonst üblich als Karikatur des Spießers ausgestellt, sondern darf intellektuelle Schärfe zeigen. Hans-Joachim Ketelsen scheut nicht vor stimmlicher Hässlichkeit zurück, pariert jede Attacke mit ätzender Ironie. Umso menschlicher erscheint neben ihm Hans Sachs. Wolfgang Schöne, gerade erst dem Krankenbett entkommen, singt und spielt bewundernswert prägnant. Dieser Schuster ist kein weltkluger Zyniker, sondern ein einsamer Witwer, der sich die bitteren Tränen nicht versagt, wenn er sich Eva endgültig aus dem Kopf schlagen muss, der aber auch von seinem Glauben an die Kraft der Kunst nicht lassen will.

Nachdem in der „Prügelfuge“ das Bühnen-Nürnberg in Flammen aufgegangen ist, nachdem Sachs beim „Wahn“-Monolog auf ein Luftbild der zerbombten Stadt gestarrt hat, sinkt das Schreckensszenario unter den innigen Klängen des Quintetts plötzlich sachte in sich zusammen. So lange wir die Kunst noch haben, bleibt die Erde doch bewohnbar, behauptet der Regisseur: „Die Musik, die Wagner schreibt, kann nur ein Mensch schreiben, der im Innersten überzeugt ist, dass sie uns alle retten kann.“

Also wird die Komödie nun zum Zauberspiel. Die Festwiese ist wirklich eine Wiese: Bühnenportalhoch ragen Grashalme empor, die die Sänger plötzlich winzig wie Ameisen erscheinen lassen. Richard Wagner, Hans Sachs und Peter Konwitschny träumen gemeinsam vom Sängerwettstreit, bei dem das Neue siegt, weil das Volk intuitiv die Qualität des Zeitgemäßen schneller erkennt als die Akademiker, die sich erst mühsam vom lieb gewonnenen Kanon lösen müssen.

Hier gibt es in der Hamburgischen Staatsoper noch Szenenapplaus, wenn sich statt volkstümlich tanzender „Mädel von Fürth“ quietschbunte Insekten auf der Tanzfläche drehen. Hier beklatscht das Publikum noch die eigene Wiedererkennungsfreude, wenn die Meister auf der Festwiese mit dem kompletten Wagnerschen Personal aus allen übrigen Opern im Schlepptau auftauchen: Lohengrin und Wotan, Tristan, Isolde und die Rhein-Töchter, alle im trashigen Uraufführungs-Outfit, feiern mit den Bewohnern der fiktiven Musenresidenz Nürnberg das Fest des fröhlichen Fortschritts.

Den letzten, konsequenten, mutigen Schritt wollen die Hamburger dann allerdings nicht mehr mit Peter Konwitschny wagen. Wenn Hans Sachs zur Ode auf die „heil’ge deutsche Kunst“ ansetzt, wird Wolfgang Schöne von seinen Sängerkollegen gestoppt. Die Musik im Orchestergraben bricht ab, die Meister treten aus ihren Rollen, auf der Bühne entspinnt sich eine Diskussion über Wagners politische Einstellung. Dass der Bayreuther Meister sich hier gegen Stolzings Ich-AG wendet, dass er, der Komponist der „Zukunftsmusik“, alle Künstler vor Traditionsverachtung warnt, dass er dafür plädiert, nationales Selbstbewusstsein aus der Fortentwicklung des eigenen künstlerischen Erbes zu schöpfen und nicht aus militärischer Stärke – so weit kommt Peter Konwitschny in seiner Argumentation gar nicht mehr. Der erregte Saal lässt ihn und seine Protagonisten nicht ausreden, wüste Beschimpfungen prasseln auf die Bühne, bis Ingo Metzmacher schließlich via Mikrofon das Orchester zum Weiterspielen auffordert: „Freunde, wir wollen die Sache doch bitte zuende bringen.“ „Heil“ jubelt der Chor an der Rampe, die letzten Takte glänzen prachtvoll auf, dann gehört der Saal den Buh- und Bravo-Rufern.

Eigentlich hatte Konwitschny bei diesen „Meistersingern“ die Rezeptionsgeschichte ausblenden wollen: „Man darf ein Werk nicht mit seiner Wirkung verwechseln.“ Letztlich aber kann er, will er ihr doch nicht ausweichen. Dass er in seinem Spiel der mehrfach gebrochenen Ebenen einen brechtschen Entzauberungstrick anwendet, ist nur folgerichtig. Er braucht ihn, um sich reinen Herzens bekennen zu können zu diesem utopischen Stück, das die Versöhnung von Vergangenheit und Zukunft feiert. Denn Konwitschnys Werksicht ist die Frucht seines Leidens an der Spaßgesellschaft und seiner Liebe zu dem, was er ererbt von seinen Vätern. Die Hamburger haben das nicht verstanden. Noch nicht.

Weitere Aufführungen am 7.,13.,17.,21. und 27.11. sowie 1.12. Tickets: 040/356868.

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