Kultur : Die Erde ist ein fremder Planet

Nicolaus Schröder

Regisseure sind fragwürdige Interpreten des eigenen Werks. Als Steven Spielberg 1982 beim Festival in Cannes "E.T." als seinen persönlichsten Film bezeichnete, hätte das europäische Publikum darin die etwas verlegene Antwort eines US-Regisseurs erkennen können, der von einer gigantischen Kampagne ablenken will. Nicht zuletzt die Vermarktung der Titelfigur machte "E.T." damals zur kommerziell erfolgreichsten Produktion aller Zeiten. Aber kann ein Kinderfilm mit einem pekinesengesichtigen Wesen als Held überhaupt ein biographisches Selbstzeugnis sein?

Nun, da der der Film nach 20 Jahren wieder ins Kino kommt, beharrt der Regisseur weiter auf seiner Einschätzung. Dabei ist die Geschichte vom Jungen, der ein außerirdisches Wesen in seinem Zimmer aufnimmt, um es vor der Entdeckung zu bewahren, schlichtes Handwerk. Als Identifikationsfigur fällt das unansehnliche und sprachunfähige Wesen aus. Diesen Part muß sein Finder, der zehnjährige Elliot (Henry Thomas) übernehmen. E.T. s telepathische Energie macht den Jungen zum Sprachrohr der Einsamkeit und Verzweiflung des Weltraumbewohners. Elliot, der vaterlose Held, und sein elternloser Freund aus dem All werden zu Brüdern im Geiste.

"E.T" markiert mit der Konzentration auf das Trauma der Kindheit schon früh ein Zentralmotiv in Spielbergs Werk. In "Die Farbe Lila" (1985) fokussiert er die Handlung auf die leidvolle Kindheit der Hauptfiguren. Die tägliche Erfahrung des Rassismus ist in seiner Adaption des Südstaaten-Romans von Alice Walker nur zweitrangig. In "Das Reich der Sonne" (1987) wird der kindliche Held von seiner Mutter getrennt. In "Hook" (1991) werden die Kinder entführt, und der Vater muss in einer kindlichen Phantasiewelt um sie kämpfen. In "Schindlers Liste" (1993) beobachtet Schindler ein kleines Mädchen, das allein in einem - in dem Schwarzweißfilm kolorierten - roten Mantel vor SS-Leuten flieht. Später entdeckt Schindler den roten Mantel des Mädchens wieder, das Opfer eines Massakers wurde und erkennt seine Mission. In "A.I." (2001) schließlich wird das Roboter-Kind von seiner menschlichen Adoptivmutter in einem finsteren Märchenwald ausgesetzt - und sein sehnlichster Wunsch ist es, ein richtiger Mensch zu werden, damit es von seiner Mutter geliebt werden kann.

Die Traumata der Misshandlung, Vereinsamung, Vernachlässigung, des Elternverlusts tragen Spielbergs Charaktere wie ein Brandmal. Rettung verspricht kein omnipotenter Held, sondern nur der Rückzug in eine Kinderwelt mit verzauberten Kreaturen und einfachen, Erwachsenen nicht mehr vermittelbaren Regeln. Gerade sie lösen alle Konflikte. Das regressive Moment solcher Lösungen, die zu gutmenschelnden und in ihrem Pathos kaum mehr erträglichen Bildern führen können, gehört zum Kino Steven Spielbergs wie die Mächte des Bösen zur Weltsicht amerikanischer Präsidenten.

Auch wenn Spielberg die E.T.-Neuauflage digital so retuschiert hat, dass aus Waffen Funkgeräte und - als Reaktion auf den 11. September - aus dem Halloween-Kostüm eines Jungen, der als Terrorist Erwachsene erschrickt, ein Hippie-Outfit wurde, bleibt die Welt in seiner Perspektive ein Schreckensort. Hier können nur noch Kinder helfen - und vielleicht noch amerikanische Präsidenten.

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