Kultur : Die Erfindung der Kindheit

Harald Martenstein

Astrid Lindgren ist gestorben, mit 94 Jahren. Kaum jemand zweifelt daran, dass sie die wichtigste Kinderbuchautorin unserer Zeit ist. Wie viele Menschen in Europa gibt es, die ohne ihre Bücher aufgewachsen sind? Sie schrieb schon lange nicht mehr, denn sie war fast blind und sehr schwach. Ein paar Mal in ihrem langen Leben hat die Dichterin Astrid Lindgren sogar politisch etwas bewirkt, und einmal hat sie einen kolossalen finanzpolitischen Wutanfall bekommen, bei dem ganz Stockholm wackelte. Sie hat es geschafft, dass man in Schweden das Kupieren von Hunden verboten hat, das Abschneiden der Schwänze. Und sie ist aus der sozialdemokratischen Partei ausgetreten, als sie mehr Einkommensteuer bezahlen sollte, als sie überhaupt Einkommen hatte. Genau 102 Prozent Steuern. Jedes Kind kann sehen, dass so etwas Quatsch ist. Das entsprechende Gesetz wurde geändert. Die Regierung stürzte, nicht nur ihretwegen, aber immerhin.

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Astrid Lindgren war eine Bauerntochter mit vielen Geschwistern aus Smaland, Südschweden. Ihre Eltern waren weder arm noch reich. Die Mutter ist sehr streng gewesen, sehr puritanisch, den Vater liebte sie deshalb etwas mehr. Das Kind arbeitete auf dem Feld, sogar am Tag seiner Konfirmation. Abends aber saß die Familie lange beisammen, man erzählte einander lustige oder traurige Geschichten. Das ist die Quelle, aus der sie später schöpfen wird. Die Literatur von Astrid Lindgren klingt wie eine gesprochene Erzählung. Ihr Erfolg ist ein Triumph des Ländlichen, der Tradition, in einer Welt der großen Städte und der literarischen Avantgarden.

Astrid besucht die höhere Schule. Sie liest. Am liebsten: die Surrealisten, Dickens, Strindberg. Sie beginnt zu schreiben. Eines Tages: die Revolte. Sie schneidet sich die Haare ab und beschließt, Männerkleidung zu tragen. Mit 17 beginnt sie ein Volontariat bei der Lokalzeitung, kurz darauf wird sie schwanger. Der Vater? Unbekannt. Großer Skandal. Astrid Lindgrens Jugend ist vorbei, sie verlässt Schweden in Schimpf und Schande, bringt ihren Sohn in Dänemark zur Welt, arbeitet als schlecht bezahlte Sekretärin beim schwedischen Automobilklub, heiratet, bekommt ein zweites Kind. In dieser Zeit beginnt sie, Leserbriefe und Artikel zu verfassen, in denen sie unter dem Einfluss des englischen "Summerhill"-Pädagogen A. S. Neill für eine freiere Erziehung kämpft. Der FDP-Vorsitzende Westerwelle hat sie nach ihrem Tod eilig zur "Liberalen" erklärt. Ganz falsch ist das nicht.

Erst mit 37 Jahren wagt sie sich an ihr erstes Buch. Das zweite, "Pippi Langstrumpf", hat sie ihrer Tochter erzählt, bevor sie es aufschrieb. Es erscheint 1945 nur unter großen Mühen. Der Verlag lehnt das Manuskript zunächst ab, ihm ist die Geschichte zu wild, zu anarchistisch. Das Buch habe sie unter dem Einfluss des Krieges geschrieben, sagte sie später. Man dürfe es durchaus als ein Plädoyer für eine freie Gesellschaft und gegen autoritäres Denken lesen. In "Pippi Langstrumpf" gibt es sogar eine Figur, die "der starke Adolf" heißt. Die deutsche Ausgabe wurde vom Literaturkritiker der "Welt", der die Geschichte offenbar richtig verstand, als "rohe Groteske" verrissen.

Mit "Pippi Langstrumpf", der Geschichte vom wilden Mädchen, das ohne erwachsene Belehrungen auskommt, beginnt Astrid Lindgrens Aufstieg zur meist geliebten Kinderbuchautorin des Jahrhunderts und zu einer der produktivsten. Ungefähr hundert Bücher und Theaterstücke werden folgen - die "Kinder von Bullerbü", "Kalle Blomquist", "Madita", die "Kinder aus der Krachmacherstraße", "Ferien auf Saltkrokan". Die Erziehung verändert sich, ungefähr so, wie sie es in ihren Artikeln gefordert hat. Das gesamte Bild des Kindes und die Vorstellung von Kindheit verändert sich radikal in den fast hundert Jahren ihres Lebens, durch die Psychoanalyse, durch Summerhill und andere Reformer. Astrid Lindgren schreibt die Literatur dazu. Ihre kleinen Helden sind selbstbewusst wie Pippi, frech wie Michel, sie kämpfen für ihr Glück. Meistens sind es rebellische Bücher. Manchmal sind sie melancholisch, sogar idyllisch, aber nie süßlich. Engagierte Literatur, ein Schlüsselwort der großen ästhetischen Debatten des Jahrhunderts - hier in ihrer Variante für Kinder. Und trotzdem. Astrid Lindgren würde man eines Tages vergessen, wenn sie nicht mehr wäre als das.

Neben der Rebellion steht die Sehnsucht. Das ist ihr zweiter Antrieb. Wie viele zart fühlende Rebellen gibt es schon? Astrid Lindgren sehnt sich zurück nach ihrer Kindheit, die sie als schönste Zeit ihres Lebens empfunden hat. In jedem ihrer Bücher versucht sie, die Tür zu diesem verlorenen Paradies noch einmal einen Spalt weit zu öffnen. Sie ist aber nicht verbittert. Sie will nicht zeigen, dass die Welt schlecht ist. Sie ist ein glücklicher Mensch. Das macht sie so unwiderstehlich.

In ihrem großen Werk lassen sich drei Grundmodelle unterscheiden, mit drei verschiedenen Heldentypen - erstens das einsame, starke Kind in einer Abenteuergeschichte, wie Pippi, zweitens das glückliche Kind mit heiler Familie, wie Michel, in einer Humoreske oder einer Idylle. Drittens die Märchenromane, in denen Kinder um die Zuneigung ihrer Eltern kämpfen müssen - zum Beispiel in "Mio, mein Mio" oder in ihrem letzten großen Roman "Ronja Räubertochter". Die Märchenromane sind wohl ihre besten Bücher. Mit Ronja kommt sie Anfang der achtziger Jahre noch einmal auf einen Pippi-Langstrumpf-Charakter zurück: eine Pippi Langstrumpf, die an der Schwelle zur Pubertät steht und sich zwischen ihren Eltern und einem Jungen entscheiden soll. Ein Mädchen, das versucht, heil über die Brücke zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein zu kommen.

Das Spektrum ihrer Themen und ihre stilistischen Möglichkeiten ist breit. Sie ist, anders als die "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling, nicht auf ein Genre festgelegt. Die Liebe allerdings ist in jedem ihrer Bücher die Voraussetzung für kindliches Glück. Aber die Sehnsucht nach elterlicher Nähe und dem Gefühl der Geborgenheit steht immer im Widerspruch zu der Lust, die Welt zu erobern und frei zu sein. Das ist bei den Kindern im Verhältnis zu ihren Eltern genauso wie später, bei den Erwachsenen, im Glück oder Unglück der erwachsenen Liebe. Große und kleine Menschen müssen den gleichen Widerspruch aushalten, und von der Geburt dieses Widerspruchs in den ersten Lebensjahren handelt fast jedes Astrid-Lindgren-Buch.

Viele Vorwürfe, die heute gegen die "Harry Potter"-Bücher formuliert werden, sind vor ein paar Jahrzehnten gegen Astrid Lindgren erhoben worden. Auch Lindgren war der Ansicht, dass sie über alles schreiben darf. Verboten ist nur die Langeweile. Die Angst, die Grausamkeit und der Tod gehörten dazu. Die Kinderliteratur handelt von nichts anderem als die Erwachsenenliteratur, sie hat die gleichen Rechte. Sie muss nur präziser sein. Wie viele mythische und religiöse Motive sich trotzdem in den Unterströmungen ihren Romanen nachweisen lassen, hat sie selber am meisten erstaunt. Sie hat sich über ihre Interpretatoren immer gern lustig gemacht. Sie versteckte ihre literarische Bildung gern. Ich schreibe Kinderbücher, weil ich nichts anderes kann - diese Lügengeschichte erzählte sie oft. Ich denke nicht groß nach dabei. Ein gutes Buch sei für sie ganz einfach eines, bei dessen Lektüre man lachen oder weinen kann. So feierte sie den gesunden Menschenverstand. Der Literatur-Nobelpreis sei nichts für sie, viel zu aufregend, viel zu viel Trubel.

Eine bescheidene Bauerstochter, die gut erzählen kann - so möchte sie in Erinnerung bleiben. In ihren letzten Tagen sang sie Lieder mit allen, die sie besuchen kamen.

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