Kultur : Die Erfindung der Vogelperspektive

Anfänge eines Großdenkers: Richard Powers’ Debütroman „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

Marianna Lieder

Ein Jahr nach seiner Gen-Reportage „Buch Ich Nummer Neun“ erscheint nun Buch Nummer eins von Richard Powers auf Deutsch. „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ heißt sein Debütroman von 1985. Die Grundinspiration lieferte August Sanders Fotografie „Jungbauern, Westerwald“ von 1914. Powers hat mehrfach den Eindruck beschrieben, den die auf dem Bild gezeigten drei Männer im Sonntagsstaat auf einer matschigen Landstraße einst auf ihn machten. Der namenlose Icherzähler, der in den Roman einführt, wird durch den Anblick aus seinem Alltagsbewusstsein gerissen. Zu diesem semifiktionale Bericht fügt sich die Geschichte des jungen Technik-Redakteurs Peter Mays: Auch er bekommt ein bestimmtes Bild nicht mehr aus dem Kopf. Mit der Unbeholfenheit des modernen Mannes jagt er dem Ewigweiblichen hinterher, seit er es in Gestalt einer Doppelgängerin der Theaterikone Sarah Bernhardt erblickt hat. Schließlich erweckt Powers das Sander-Foto zum Leben und fingiert die Biografie der drei Bauern, die sich nach dem Tanzfest im Nachbardorf auf ihren Weg machen – in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs.

Die drei Erzählstränge vernetzen sich, durch verwirrende Verwandtschaftsverhältnisse und Ähnlichkeiten verschwimmen die Charaktere. Neben Sander, Bernhardt und ihrem Double aus den achtziger Jahren hat auch Henry Ford einen folgenschweren Auftritt. Hinzu kommen Exkurse in die Physik und die Erkenntnistheorie, essayistische Einschübe zu Kultur- und Technikgeschichte. Darüber, wie die Welt sich seit der Verbreitung von Fotografie und Film verändert hat, wird ebenso reflektiert wie über das Verhältnis von Beobachter und Gegenstand allgemein, über den Historiker, der bei der Darstellung der Geschichte nicht ohne ein Minimum an subjektivem Revisionismus auskommt, und über den Autobiografen als Improvisationskünstler seiner Identität.

Als „Porträt des 20. Jahrhunderts“ lobte die amerikanische Kritik das Buch, als das Jahrhundert noch nicht an sein Ende gelangt war. Mittlerweile liest es sich wie die Skizze zum literarischen Potenzial des damals 28-jährigen Programmierers, wie das Urdokument seiner Erzähler-DNA, dessen Verheißungen umstandslos zu entschlüsseln sind, weil sie sich ein Vierteljahrhundert und neun Romane später bewahrheitet haben. In „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“ unternahm Powers erstmals das für seine Prosa charakteristische Wagnis, theorielastige Weltbeobachtung ins Narrative zu übertragen. Romane als Kopfgeburten: Stellenweise ist das überdeutlich zu merken – etwa an der Überambitioniertheit, mit der sich Powers an Benjamins Kunstwerkaufsatz entlanghangelt, um seinen Gedankengang abzusichern. Etwas streberhaft auch, wie er Marcel Proust, Charles Péguy, Max Planck und Heisenberg zitiert, repetiert und variiert, um schließlich kokett damit zu drohen, alles im metafiktionalen Nirwana kollabieren zu lassen.

Dennoch ist hier unverkennbar ein interdisziplinärer Großdenker am Werk, ein Universalist und blitzwacher Chronist der Wissensgesellschaft, der sich der Frage widmet, wie sich das menschliche Bewusstsein mit der Überforderung durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt arrangiert. In späteren Werken hat Powers diese Problematik geschmeidiger durchgespielt, ob nun in Zusammenhang mit den Entwicklungen auf dem Gebiet der virtuellen Realitäten wie in „Schattenflucht“ oder der künstlichen Intelligenzforschung wie in „Galatea 2.2“.

Möglichkeiten, mit denen der Umgang erst noch erlernt werden muss, liefert für Powers aber vor allem die Genetik – ein Wissenszweig, mit dem er sich lange vor seinem smart-analytischen Selbsterfahrungsbericht für „GQ“ befasste. So ging es bereits in „The Gold Bug Variations“ von 1991 um Strukturanalogien zwischen Musik und Molekularbiologie. Und in dem 2009 erschienen Roman „Das größere Glück“ ist die Heldin ein genetischer Sonderfall, gesegnet mit der Anlage zu unzerstörbarer Zufriedenheit.

Powers beeindruckt in seinem ersten Roman, wenn er Gegenwart und Vergangenheit im Panoramablick überblendet, wenn er aus der Vogelperspektive die Welt erklärt. Seine Figuren scheint er dabei allerdings aus dem Auge verloren zu haben. Wie Strichmännchen brechen sie unter dem theoretischen Ballast zusammen, den ihr Autor ihnen aufbürdet. In ihrer angestaubten Zünftigkeit erinnern die Dialoge der drei Jungbauern stellenweise an Heimatfilme aus der deutschen Wirtschaftswunderzeit. Und die resignierten Witze von Mays, dem Technik-Redakteur mit dem Bernhardt-Spleen, in denen der Zeitgeist der Achtziger zum Ausdruck kommen soll, sind zwar an Thomas Pynchons Sinn fürs Absurde geschult, beschäftigen den Leser aber nach Art einer Denksportaufgabe, anstatt ihn zu belustigen.

Dieser Makel ist nicht nur der Anspannung des Debütanten geschuldet. Im Vergleich mit dem intellektuellen Gehalt seiner Romane fallen Plot und Charaktere bei Powers fast immer enttäuschend aus.

Richard Powers: Drei Bauern auf

dem Weg zum Tanz.

Roman. Aus dem

Amerikanischen von Henning Ahrens.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 461 S. , 22,95 €

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