Kultur : Die Erfindung des Alters

LITERATUR

Jörg Plath

Das Ideal des Alters ist seit der Antike die Jugend. Die letzten Jahre sollen mit jugendlicher Frische vergehen und dann freundlich enden. Eine Variation akzeptiert Schopenhauer gleichwohl: „Von der Venus entlassen, wird man gern eine Aufheiterung beim Bacchus suchen.“ An schönen Zitaten aus der Literatur zum Thema fehlt es in dem schmalen Buch „ Das Alter. Ein Traum von Jugend “ der emeritierten Literaturprofessorin Hannelore Schlaffer nicht. Das Alter als eigene Lebensphase ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Es entsteht zugleich mit der Kindheit, und Kinder und Großeltern werden in ihrer Machtlosigkeit Komplizen. Cicero dagegen pflegte auch als Sechzigjähriger noch staatspolitische Ambitionen, und ausgefallene Zähne vermochten seinen Anspruch nicht zu relativieren. Wer die damals gefährlichen ersten Jahrzehnte überstanden hatte, konnte keinen Anspruch auf Schönheit erheben, hatte sich aber als zäh erwiesen.

Nachdem die Wertschätzung der Jugend von Michel de Montaigne etabliert worden war, wandelte sich das Bild von der Pyramide, die im Laufe eines Lebens überschritten wird, zur aufwärts strebenden Kurve, die wie in der Ökonomie keine Stagnation kennen darf. Männern bietet sich zur Verjüngung eine neue, jüngere Frau an. Ihren Gattinnen bleibt lediglich das Nachsehen, zuweilen auch das Refugium des Alters: der Geist. Nur am Rand streift Hannelore Schlaffer die Gegenwart. Lieber stützt sie sich auf die Literatur und reiht Zitat auf Zitat aneinander. Viel zu selten tritt zwischen ihnen die hervorragende Essayistin und Feuilletonistin hervor (Hannelore Schlaffer: Das Alter. Ein Traum von Jugend. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2003. 110 Seiten, 15 €).

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