Kultur : Die Erfindung des Himmels

Ironie und Religion: Vor 150 Jahren starb Heinrich Heine in Paris. Die Zeitgenossen beschimpften ihn als Blasphemiker

Kerstin Decker

Heute morgen um fünf Uhr, vor 150 Jahren, stirbt in einer Seitenstraße der Champs Elysées in Paris ein deutscher Dichter. Seine Frau Mathilde ist nicht da oder schläft. Papagei Cocotte, um dessen Gesundheit man noch kurz zuvor ernsthaft fürchten musste, geht es gut. Für die meisten ist Heinrich Heine ohnehin längst tot. Denn wenn einer schon seit so vielen Jahren stirbt wie er und nun endlich damit fertig ist, registriert man das eher mit Tadel: War ohnehin kein ganz zuverlässiger Mensch. Hat gebummelt bis zum Schluss.

In der Tat war Heinrich Heine einer der ungewöhnlichsten Sterbenden der Weltgeschichte. Im Neujahrsbrief 1856 an die Mutter in Hamburg zeigt er ihr die „Unverschlimmerung“ seines Gesundheitszustandes an. Zu einer solchen pechschwarzen Direktheit hat er sich ihr gegenüber noch nie hinreißen lassen. Manche Zeitgenossen vermuteten, eine Teufelszunge wie er hat gar keine Mutter. Falsch! Nicht viele Mütter besitzen einen so zärtlichen Sohn wie diese Betty Heine in Hamburg: „Unsere ganze Verwandtschaft besteht freilich nur darin, daß Du eine alte, weitläuftige Mutter von mir bist, aber Du bist zugleich eine so erzbrave Frau und ein so liebes altes Mausel ...“ Wenn er an seine Mutter schreibt, unterschreibt der sterbende Mann, der lange schon Heinrich heißt, noch immer mit Harry, mit dem Namen, den er von seinen Eltern hat. Heinrich, das war sein Zugeständnis an eine Zeit, in der aus jüdischen Harrys nichts werden konnte, aus christlichen Heinrichs schon eher. Rein theoretisch. Praktisch nicht. Advokat, Diplomat, Professor, ja sogar eine Professur in Sarmatien hätte er genommen. Aber niemand hat ihn gewollt, nicht mal Sarmatien. Auf dem Totenbett zieht er Bilanz: Es ist nichts aus mir geworden, nichts als ein Dichter.

Seinen letzten Brief auf Erden unterzeichnet er aber nicht mit Harry, sondern mit „Dein Gänserich I, König der Vandalen“. Schiller und Goethe wären auf solche Selbstvorstellungen nie gekommen. Und ist es nicht irgendwie unpassend? Für einen, nunja, großen Dichter? Sterbende sind nur ganz selten witzig. Aber er ist Heinrich Heine. Er ist ein höflicher Mensch. Der Gänserich-Vandalen-Brief ist für seine letzte Geliebte, die Mouche, die Bettgefährtin seines letzten Jahres. Bettgefährtin bedeutet: Er liegt im Bett und sie sitzt davor, liest ihm vor, schreibt, was er diktiert und dann reden sie. Mathilde, Heines Frau, weicht dem Mädchen aus. „Dein Gänserich I, König der Vandalen“? – Gerade Nächststehenden, wie einer Geliebten, sollte man schlechte Nachrichten wie die vom eigenen Ableben in einer möglichst gewinnenden Form überbringen.

Diese gewinnende Form ist verantwortlich für das Hauptmissverständnis des Autors: Dem ist nichts ernst. Der spricht so leicht, aber darf man denn leicht vom Schweren sprechen, gar vom Heiligen? Heine, der große Unpassende, noch immer. Dabei erkennen wir sofort: Wie gut der zu uns passt! Der ist so witzig – fast wie wir. Wir leben in einem ironischen Zeitalter. Und Heine war der erste Großironiker. Ironie ist die Kunst, sich nicht von den Dingen erschlagen zu lassen, nicht mal vom Heiligen, sondern alles mit Abstand zu betrachten, auch das, zu dem man gar keinen Abstand hat. Die Dinge von allen Seiten sehen, auch von denen, die sie gar nicht von sich zeigen wollen. Heine, der Zeitgenosse. Zeitgenosse ist nicht jemand, der zufällig auch gerade lebt, sondern Zeitgenosse ist jemand auf Augenhöhe der Problematik seiner Zeit – und damit mancher späteren.

Heine war einer der frechsten Dichter, oder sagen wir: Er war der erste der frechen Dichter, und Deutschland hatte damals mit Heine ungefähr dieselben Probleme wie der Islam mit ein paar dänischen Karikaturen. Deutschland rief zum Dschihad gegen Heines Humor. Es gibt keine Ironie auf noch ungebrochen-religiösem oder soeben restauriertem religiösen Boden. Da gibt es nicht einmal das Lachen. Er, Heine, habe das Christentum in seinen religiösen Gefühlen gekränkt? Man kann darüber erst reden auf einem Boden jenseits der Religion – der romantische Antiromantiker Heinrich Heine hat diesen Boden vorbereitet wie vor ihm nur die Aufklärung. Also, und bisher fast unentdeckt: Heine, der Religionsphilosoph.

„Nazarener“, das war sein Wort für Juden und Christen gleichermaßen, denn es war doch noch immer derselbe urjüdische Gott, an den die Christen glaubten, und Heine durchschaut ihn wie kein Zweiter: „Ich glaube, dieser gottreine Geist, dieser Parvenü des Himmels, der jetzt so moralisch, so kosmopolisch und universell gebildet ist, hegt noch ein geheimes Mißwollen gegen die armen Juden, die ihn noch in seiner ersten rohen Gestalt gekannt haben und ihn täglich in ihren Synagogen an seine ehemaligen obskuren Nationalverhältnisse erinnern. Vielleicht will es der alte Herr gar nicht mehr wissen, daß er palästinensischen Ursprungs und einst der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gewesen und damals Jehova geheißen hat.“ – Für heute gefragt: Will Allah nicht auch seinen göttlichen Stammbaum verleugnen, jedenfalls im Bewusstein seiner Gläubigen, die so sehr feind sind dem Volke, das ihn zuerst kannte? All das steht nicht etwa in einer Abhandlung zur Religionsphilosophie, sondern ist eingestreut in den allerleichtesten Anfang eines Romans: „Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski“. Dass alle Religion menschengemacht ist – allein dieser einfachste Gedanke schien damals wie heute unzumutbar. Die Atheisten haben aus dieser Einsicht den leichtsinnigen Schluss gezogen, dass Religion überhaupt Humbug ist. Diesen Schritt wird Heine nie mitgehen, dazu hat er den „Autor des Himmels“ (Heine) immer viel zu ernst genommen. Ernst genug, um mit ihm als Autor unter Autoren zu reden. Das ist der Gestus des Spätwerks, den man als „religiöse Wende“ missverstanden hat. Es gibt keine „Wenden“ bei Heine; er ist als Typus zu Damaskus-Erlebnissen strukturell unfähig. Alle Töne sind immer schon da, nur werden aus Haupttönen irgendwann Nebentöne und umgekehrt.

Heine hat kein Hauptwerk, wenn wir vom „Wintermärchen“ einmal absehen. Heine hat nicht einmal einen Roman. Der „Schnabelewopski“ ist nämlich keiner, genauso wenig wie der „Rabbi von Barachach“. Es sind nur Anfänge. Heine-Romane bestehen grundsätzlich aus Anfängen.

Gott und Goethe waren der Meinung, dass man grundsätzlich nur in Welten leben sollte, die man selbst erschaffen hat. Darum gibt es neben Gottes Universum noch das Goethesche Universum. Heine wäre gern dort eingezogen. Er, der Hellene, diesseitig und entfaltungsstolz. Aber er konnte ja nicht einmal Schiller werden, den er liebte für seinen freien Geist. Er konnte nicht die Wirklichkeit überrennen im Namen einer moralischen Unbedingtheit. Man hört es an seiner Stimme. Heine spricht wie jemand, der sich auf die Welt einlassen muss, wie sie ist. Auf die Liebe, wie sie ist. Der an ihr leidet, der sie durchschaut. Das ist seine Modernität. Das macht ihn uns zum Zeitgenossen. Das bringt die scharfen, eiskalten Risse in die so einfachen, warmen Lieder. Das ist der Heinesche Temperatursturz in der Literatur. Und der ist irreversibel.

Ja, er wäre gern ein Revolutionär, manchmal, und er hat kein Talent zum Revolutionär-Sein. Dazu weiß er zu viel. Er ist ein Beobachter, ein Flaneur. Seine seismographische Sensibilität registriert die kleinsten Beben der Wirklichkeit. Die moderne Welt schafft das Allgemeine, indem sie das geschichtlich Besondere entmächtigt. Genau das spürt auch der Islam von heute. Um vieles an den Religionen ist es vielleicht nicht schade, aber um ihre Zärtlichkeits-Innenräume, um ihre Poesiekerne, um ihre Erfahrungskokons doch. Jeder Dichter weiß das. Keiner hat die „Dialektik der Aufklärung“ so seismographisch scharf registriert wie dieser Jude Heine aus Düsseldorf. Zum Schluss spricht er nur noch mit der Mouche und mit Gott. Gottes Spott lastet schwer auf mir, sagt Heine. Er kann nicht an ihn glauben. Das, was denkt, ist etwas anderes als das, was fühlt. Doch der Autor des Himmels zieht auch einen Vorteil aus den langen nächtlichen Zwiesprachen mit dem Autor des „Wintermärchens“. So lange Heine mit ihm redet, existiert er. Der Sterbende hält den Autor des Himmels in der Hand. Kann sein, Gott ist ihm dafür dankbar.

Von Kerstin Decker ist erschienen: Heinrich Heine – Narr des Glücks. Biographie. Propyläen Verlag, Berlin 2005. 448 Seiten, 22 Euro.

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