Kultur : Die Erfindung des Peking-Menschen

Gedächtnis-Kultur in China und Deutschland: ein Symposium im Berliner Haus der Kulturen der Welt

kaspar renner

Woran sich Menschen erinnern, bestimmt das kulturelle System, in dem sie sich bewegen – während ihre Erinnerung zugleich das kulturelle System prägt. Aus dem Gedächtnis einer Kultur wird nicht nur verständlich, wie sie ist, sondern auch, wie sie glaubt, gewesen zu sein und wie sie sein will. In diesem Sinn stand der von Aleida Assmann geprägte Begriff des „kulturellen Gedächtnisses" im Zentrum eines Symposions mit Wissenschaftlern und Künstlern aus China und Deutschland im Haus der Kulturen der Welt.

Die These des Sozialpsychologen Harald Welzer, Deutschland leide unter „memorymania", in China herrsche dagegen eine „Erinnerungsallergie“, polarisierte das Podium. Tatsächlich klingt die Losung Mao Tse-Tungs, dass „weiße Blätter sich am besten beschreiben lassen“, wie ein Gegenentwurf zu Freuds Modell des „Wunderblocks“. Und lässt sich die Kulturrevolution nicht als „strukturelles Äquivalent“ zum Holocaust begreifen, wie Lydia Haustein vorschlug?

Die Kulturrevolution war der paradoxe Versuch einer Aufklärung durch Vergessen. Ihren Bruch mit der konfuzianischen Tradition setzte der Sinologe Michael Lackner ironisch mit dem Merkzettel in Beziehung, den Kant sich nach der Entlassung seines Haushälters schrieb: „Der Name Lampe muss vergessen werden." In der Gegenwart ist es nun die verdrängende Kulturrevolution selbst, die verdrängt wird. Wo heute die kommunistische Partei von damals an der Macht ist, verwirklicht sich die Vision George Orwells: „Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“. Die Generation von 1966 wird in verbrecherische Rotgardisten und heldenhafte Landflüchtige gespalten, führte die Sinologin Nora Sausmikat aus: Im Gegensatz zur NS-Vergangenheit sind Täter und Opfer in China oft nur ein Diskursprodukt.

Neben Amnesie und Manipulation der jüngeren Geschichte betreibt der chinesische Staat eine Verlängerung der Frühgeschichte ins Mythische, so Lackner. Diese Tendenz gipfelt in anthropologischen Forschungen zum Peking-Menschen, welche die Wiege der Menschheit nach China verlegen sollen. Gleichzeitig übertrumpft der parteigesteuerte Medienapparat selbst die „Guido-Knoppisierung“: Die Geschichts-Seifenoper „Auf dem Weg zur Republik" wurde in 60 Folgen für 60 Millionen Zuschauer ausgestrahlt. Die Protagonisten der großen nationalen Niederlagen, des sino-japanischen Kriegs 1895 und des Boxeraufstands 1900/1901, werden von Landesverrätern in tragische Helden umgewertet: Kaiser Guangxu fleht vor einer Ahnenikone um Vergebung, bis ihr die Tränen kommen, Staatsminister Li Hung-Chang verteidigt sein Volk so ritterlich, dass ihm selbst Feldmarschall von Waldersee Respekt zollt. Die Glorifizierung von Chinas kaiserzeitlicher Vergangenheit fällt mit einer merkwürdigen Faszination für das wilhelminische Reich zusammen.

Dass das kulturelle Gedächtnis immer auch ein Bildergedächtnis ist, an dem die Kunst arbeiten kann, hat schon Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas gezeigt. Aber gibt es in China kritische Künstler, die Geschichtserzählungen in Frage stellen, wie Gerhard Richter mit seiner „Mustang“-Reihe zur Bombardierung Dresdens? Mit Zhang Dali und Wang Qingsong waren zwei bildende Künstler vertreten, auf die das Verdikt einer „frei gewählten Amnesie“, das der Journalist Zuo Jing über die jüngste Künstlergeneration fällte, nicht zutrifft. Zhang Dali legt Verdrängungsprozesse im kulturellen Gedächtnis frei, indem er zum Zweck der Propaganda retuschierte Fotografien, etwa des Mustersoldaten Lei Feng, ihrem Original gegenüberstellt. Wang Quingsong entrückt Geschichte verkörpernde Arbeiter- und Soldatenskulpturen ihrer Monumentalisierung, indem er sie mit wirklichen Menschen nachstellt. Trotz der repressiven Zensurpolitik sind diese Bilder auch in China zu sehen, so der Kurator Hou Hanru, allerdings nur als Teil der ewig gleichen Embleme des Konsums: in Hochglanzmagazinen.

Das kulturelle Gedächtnis globalisiert sich also in West wie Ost. Allerdings nicht gemäß Jeffrey Alexanders Vorstellung eines moralischen Gedächtnisses der ganzen Menschheit, in dem Holocaust wie Kulturrevolution aufgehoben wären. Vielmehr scheinen sich ihre Gegensätze im Zuge der Kommerzialisierung aufzuheben.

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