Kultur : Die Eroberung des Himmels

Der Bildhauer Richard Serra macht mit seiner „Promenade“ den Pariser Grand Palais zum Erlebnis

Bernhard Schulz

Um das Werk Richard Serras hat es in früheren Jahren manche Auseinandersetzung gegeben. Ob in New York oder in Kassel, die gewaltigen – und für das Auge durchaus auch gewalttätigen – Stahlskulpturen wurden nach Protesten von verstörten Anwohnern abgeräumt. Nicht ganz unähnlich in Paris, wo die zweiteilige Arbeit „Clara Clara“ 1983 am Ende des Tuileriengartens aufgestellt, doch nach Beendigung der anlassgebenden Retrospektive des Künstlers im Centre Pompidou wieder entfernt wurde.

Nun ist „Clara Clara“ zurückgekehrt, wobei über die Dauer der diesmaligen Aufstellung Schweigen herrscht. Betretenes, möchte man annehmen, schmückt sich die französische Kulturpolitik doch gerade damit, Richard Serra für eine große Installation in der riesigen Halle des Grand Palais gewonnen zu haben, unter dem Reihentitel „Monumenta“ Bestandteil der in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindenden frühsommerlichen Veranstaltungsreihe.

Serra hat stets den öffentlichen Raum gesucht, ja ihn oft genug mit seinen Arbeiten überhaupt erst geschaffen. Für Paris hat er den Titel „Promenade“ gewählt, der so sehr zum Selbstbild dieser Stadt passt, wenn auch längst nicht mehr zu ihrer hektischen Jetztzeit. Fünf jeweils 17 Meter hohe und vier Meter breite Stahlplatten erheben sich in die luftige Höhe, ja den Himmel unter dem schier unüberschaubaren Glasdach, das sich bis zu 45 Meter hoch über den Boden reckt. Sie säumen die Längsachse des streng symmetrischen Gebäudes; dergestalt, dass diese gedachte Linie tatsächlich beschritten werden kann. So kommt der promeneur, der Spaziergänger, den stählernen Riesen ganz nahe. Die aber stehen nicht gerade. Sie beugen sich vielmehr, mal zur Mittellinie hin, mal von ihr weg; ein klein wenig nur, doch genug, um den Betrachter zu verunsichern. Dazu bedarf es nicht einmal des Wissens, dass die Stelen trotz ihrer jeweils 74 Tonnen Gewicht nicht fundamentiert sind, sondern unter ihrer eigenen Last auf zwei in den Boden eingelassenen „Füßen“ balancieren.

Beim Versuch, Klarheit über die Gesamtdisposition dieses Werkes zu gewinnen, muss der Betrachter feststellen, dass es keinen einzigen Fleck in dem riesigen, mehr als 13 000 Quadratmeter Grundfläche messenden Gebäude gibt, von wo aus alle fünf Stahlplatten mit einem einzigen Blick zu erfassen wären. Stets bleibt eine Platte fast gänzlich verdeckt. Das Umwandern der lakonischen Stahlplatten bewirkt eine umfassende Raumerfahrung; sowohl der eisernen Halle selbst, als auch der Beziehung der fünf, aus der Ferne trotz ihrer 17 Meter Höhe zu bescheidenen Zeichen schrumpfenden Platten zur umgebenden Hülle.

Es gehe ihm nicht um „Objekte“, erläutert Serra im Gespräch, sondern um die „Vertikalität“ des Raumes. Als er das Grand Palais zum ersten Mal betrat, fand gerade die Pariser Kunstmesse statt – mit unzähligen kleinen Messeständen, die den Raum in einem geradezu absurden Missverhältnis zustellten und zugleich wegen seines immensen Luftraumes hilflos offen ließen. „Mein erster Gedanke war, diesen Raum auszuleeren“, sagt der 68-jährige, kräftig-untersetzte Bildhauer, dessen Lebenswerk sich mit bewundernswerter Konsequenz über vier Jahrzehnte hinweg entwickelt hat.

Es geht ihm um das Erlebnis seines Werkes, um die dadurch bewirkteErfahrung: „Die Leute werden ihre private Erfahrung innerhalb eines öffentlichen Raumes machen, eines Raumes mit zahlreichem Publikum. Die Besucher werden also nicht nur ihre eigene Erfahrung machen, indem sie herumgehen, sondern zugleich die Erfahrung anderer Menschen, die ebenso herumgehen wie sie selbst.“

Oberfläche und Farbe der Stahlskulpturen werden zu selten beachtet. Doch der Besuch des Grand Palais zwingt geradezu, sich dieser Aspekte anzunehmen. Anders als im geschlossenen Museumsraum spielt das Tageslicht hier eine enorme Rolle. Die ungefiltert einfallenden Sonnenstrahlen bringen das Rostrot des rohen Walzstahls optisch zum Glühen, während die Schattenseite in tiefem Schwarz versinkt. Das reiche Farbenspiel der Oberfläche lässt daran denken, dass Serra als Maler unter dem Einfluss des Abstrakten Expressionismus begonnen hat, ehe er sich 1965 ganz der Skulptur verschrieb und bald darauf, 1968, den Stahl als Werkstoff entdeckte.

Im Unterschied zu vielen seiner Arbeiten, die das Unübersehbare, am Ende gar Ausweglose einer Raumerfahrung thematisieren, die den Betrachter in gewundene oder sich verengende Wege locken, hat die Pariser „Promenade“ das Unbestimmte, Selbstbestimmte eines Raumes zum Thema. Der Spaziergänger ist frei, die fünf in gleichen Abständen von 100 Fuß aufgestellten Platten von Ferne zu umkreisen, sich ihnen zu nähern oder gar den nur beim Blick von der Mittelachse sich auftuenden, geraden Durchgang zu wählen. Während Serras Skulpturen oft bedrängen und bedrücken, befreien sie hier zur Erfahrung von Raum „an sich“. Serras Installationen sind nicht-narrativ; sie erzählen nichts, sie stellen nichts dar. Sie gewähren Erfahrungen; durchaus nicht allein des Verstandes – wie der Minimal Art oft vorgehalten wird –, sondern ebenso der Sinne.

Und, vielleicht am schwierigsten: die Erfahrung von Zeit als Bestandteil von Skulptur. Selten ist Serra dem japanischen Garten so nahe gekommen wie mit der Riesenarbeit „Promenade“. Sein Aufenthalt in der alten Kaiserstadt Kyoto 1970 hat, wie er selbst sagt, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Auch die scheinbar wahllos verteilten Steine im Sandmeer des Zen-Garten Ryoan-ji von Kyoto lassen sich nie mit einem einzigen Blick erfassen. Sie bedürfen des geistigen Nachvollzugs; mithin eines Zeitaufwandes, der im paradoxen Gegensatz steht zu der vermeintlichen Zeitlosigkeit gerade dieses, 1450 geschaffenen Gartens.

Erstaunlich ist, dass Serra sich mit seinen tonnenschweren Arbeiten der japanischen Reduktion und Vergeistigung gewissermaßen von der anderen Seite her nähert. Er spricht von „Gewicht“ als seinem eigentlichen Material. Doch je länger man die Pariser Stelen betrachtet, desto leichter wirken sie. Die „Promenade“ ist schwerelos wie ein Spaziergang im Sonnenglanz.

Paris, Grand Palais, Av. Winston Churchill, bis 15. Juni. Mo und Mi 10-19, Do-So 10-23 Uhr, Katalog 10 €.

Richard Serra, geb. 1939 in San Francisco, finanzierte sein Studium durch Arbeit im Stahlwerk. Seit 1968 schafft er Stahlskulpturen. Eine davon steht vor der Philharmonie in Berlin.

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