Kultur : Die Eroberung des Himmels

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Von Ulf Meyer

Zwei Millionen Architekten gibt es auf der Welt, fünftausend sind in dieser Woche in Berlin. Fünf Tage lang verwandelte der 21. Weltkongress der Architektur das ICC in ein „Haus der Baukulturen der Welt“. Prominent vertreten waren Experten benachbarter Professionen: Soziologen, Stadt- und Regionalplaner, Ingenieure, Historiker, Publizisten und Politiker ebenso wie Bauherren. Von ihnen stammten einige der interessantesten Vorträge. Die Projekte, an denen Architekten weltweit arbeiten, sind denkbar unterschiedlich: Während in Industrieländern der Umgang mit Brachen, Verfall, sinkenden Bevölkerungszahlen, schrumpfenden Städten und einer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich im Vordergrund steht, lässt das rasante Wachstum den Kollegen in der Dritten Welt keine Atempause.

Als Thema hatten die Veranstalter, die „Union Internationale des Architectes“ (UIA) und der Bund Deutscher Architekten, „Architektur als Ressource“ vorgegeben und damit wohl hauptsächlich umweltverträgliches Bauen propagieren wollen – ein bekanntes, aber dringliches Thema. Bedenkenswert die Fundamentalkritik von Tay Kheng Soon aus Singapur, dem es gelang, trotz starker Worte nicht ins Missionarische abzudriften. Er verlangt in seiner massenpsychologischen Deutung des kapitalistischen Wachstumswahns eine „neue Theorie des Kitsches“, den er treffend als „Narkosemittel der Modernisierung“ beschreibt. Nur die Verkitschung der eigenen Geschichte biete die nötige „angenehme Anästhesie“, in deren Folge überall auf der Welt Hochhäuser mit Lokalkolorit und geschmacklose, stereotype Wohnsiedlungen im „mediterranen Stil“ entstünden. Wenn die Architektur nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wolle, dürfe sie sich die Politik nicht aus der Hand nehmen lassen, so Soon in seinem beeindruckenden Appell an die Architekten, „aus dem Kokon der Architektur auszubrechen“.

Zwei Milliarden Stadtbewohner

Der Kongress hatte mit einem Schluckauf begonnen: geringere Teilnehmerzahlen als erwartet, Gerüchte über Misswirtschaft bei den Organisatoren und logistische Problemchen hatten das Gelingen fraglich werden lassen. Für einen Moment stellte sich die Frage, ob derartige Mammut-Tagungen nach internationalem Proporz noch zeitgemäß sind; wem sie nützen, wenn sich Interessierte wegen der hohen Eintrittspreise nicht beteiligen können. Doch spätestens am dritten Kongresstag besserte sich die Stimmung. Speziell die zahlreichen, kleineren Foren an den Nachmittagen boten gute Gelegenheit, in Gruppen konzentriert den Werkberichten von Kollegen an anderen Enden der Welt zu lauschen. Von der städtischen Erneuerung an der brasilianischen Atlantikküste über das Bauen in Südaustralien und die Wasserwirtschaft in den argentinischen Pampas reichte der Radius. Bei diesem Referate-Puzzle herrschte bisweilen eine Atmosphäre wie bei einer internationalen Sommerakademie.

Mit der „Urban 21“-Konferenz, die vor zwei Jahren in Berlin veranstaltet wurde, hatte die Architekturkonferenz nicht nur den Ort, auch das Hauptthema gemein: die Stadt. Schon heute gibt es über zwei Milliarden Stadtbewohner, Tendenz schnell steigend. Mehr als die Hälfte von ihnen wohnt in Slums. Auf allen Kontinenten entstehen Megacities in leeren Landschaften, die alles andere als nachhaltig sind. Daniel Biau aus Nairobi erinnert daran, dass „arme Städter, nicht Architekten die Metropolen der Welt bauen“. Die Welt sei immer weniger eine Gemeinschaft von Staaten, immer mehr ein Netzwerk der Riesenstädte, die als wirtschaftliche Motoren ganzer Regionen weiterhin nötig sind. „Architektur als Ressource“ bedeutet jedoch auch, den Gebäudebestand zu nutzen, statt abzureißen und neu zu bauen. Das gebietet die Sparsamkeit und fördert das Sediment einer kulturellen Identität. Denkmalschutz und Wirtschaftlichkeit stehen sich keineswegs immer im Weg. Geschichtsträchtigkeit kann im Gegenteil zum Verkaufsschlager werden. Über 730 Orte hat die Unesco als Weltkulturerbe geschützt, der Touristenstrom kurbelt die lokale Wirtschaft kräftig an. Besonders beliebt sind Baudenkmale unter Unesco-Schutz als Reiseziel bei zahlungskräftigen Japanern, die selbst völlig unsentimental mit ihrem baulichen Erbe umgehen.

Dass die Bewahrung des Baubestandes ein Erfolgsrezept ist, mögen Planer aus anderen Regionen der Welt anders sehen. Die gnadenlose Modernisierung bis hin zur Geschichtslosigkeit und aseptischen Atmosphäre einer ganzen Stadt, wie Singapur sie beispielhaft praktiziert, hat den Stadtstaat zum Erfolgsmodell eines ganzen Kontinents gemacht. Von einem ganz anderen Umgang mit der Geschichte in einer Stadt, in der der Denkmalschutz-Gedanke lange Allgemeingut ist, spricht die britische Germanistin Janet Ward, die an der University of Nevada unterrichtet: Im vielleicht mitreißendsten Referat des ganzen Kongresses stellt sie polemisch die These auf, dass Berlin nun reif sei, als Motiv für ein Themenhotel in Las Vegas ausgewählt zu werden. Denn angesichts der epidemischen Geschichts-Nostalgie in Berlin, die mittlerweile sogar das Schloss wieder erstehen lassen wolle, erfülle Berlin alle drei Kriterien für einen amerikanischen Themenpark: Nostalgie, Exotik und der Traum von einer großen Zukunft.

Las Vegas an der Spree

Der Arbeitstitel für dieses „Verbrechen an der Authentizität“: „Vegas on the Spree“. Der Nachbau des Schlosses als Spielkasino und Hotel am Strip von Las Vegas verspreche großen Erfolg, so Ward. Schließlich sei das Guggenheim-Museum in Las Vegas besser besucht als das Original in New York. Die Wüstenstadt ist eine der letzten Metropolen der westlichen Welt mit kontinuierlichem Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum.

Angesichts der überproportional großen Zuhörerschaft aus Osteuropa hatten die Veranstalter zu Recht ein Thema aufs Programm gesetzt, vor dem sich viele Architekten immer noch gerne drücken: den Plattenbau. Der Umgang mit den industriellen Großsiedlungen am Stadtrand wird Planer von Ostberlin bis Wladiwostok noch über Jahre beschäftigen, und Berlin hat die Chance, zum „Kompetenzzentrum Plattenbau“ zu werden, wie es der Berliner Stadtplaner Bernd Hunger nennt. Dem Verfall der Plattenbausiedlungen sei mit „gleichzeitiger Aufwertung und Abriss“ zu begegnen. Nur wenn Wohnungen und Infrastruktur parallel verbessert werden, ist der Niedergang der schrumpfenden Ministädte aufzuhalten. Der polnische Architekt Romuald Loegler aus Krakau betonte, dass die ehemals verhassten Symbole des kommunistischen Regimes als Notwendigkeit für die nächsten Jahre akzeptiert werden müssen. Gerade weil die Siedlungen weitgehend ohne Architekten entstanden seien, sind heute Architekten nötig, um sie behutsam zu erneuern – ein gutes Beispiel für „Architektur als Ressource“.

Eine Neuigkeit beim Berliner Architektenkongress war die große Begleitmesse „PlanCom“, auf der sich die nationalen Architektenverbände ebenso präsentierten wie Hersteller, die den angereisten Architekten aus aller Welt deutsche Fassaden und Bautechnik verkaufen wollen.

Das steht bisweilen jedoch im krassen Gegensatz zu den Intentionen des Kongresses. Architektur gehört in die Stadt und nicht in Messehallen oder Galerien. Der nächste UIA-Kongress findet 2005 in Istanbul unter dem Motto „Großer Basar der Architekturen“ statt. Berlin hat eine Vorlage für die dortige Diskussion gegeben: Während es zur Schonung der natürlichen Ressourcen keine Alternative gibt, sollte man an der Ressource Architektur nicht sparen – so der Tenor des 21. Weltarchitekturkongresses in Berlin.

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