• „Die Eroberung von Ismail“ von Michail Schischkin: Mit allen postmodernen Wassern gewaschen

„Die Eroberung von Ismail“ von Michail Schischkin : Mit allen postmodernen Wassern gewaschen

Michail Schischkins Debüt „Die Eroberung von Ismail“ ist nun auf Deutsch erschienen. Es geht um viel, vermutlich alles. Und irgendwie auch nichts. Eine mühsame Lektüre.

Tobias Schwartz
Verwirrung ist sein Hobby. Der 1961 geborene russische Schriftsteller Michail Schischkin reflektiert die Zeit nach Zusammenbruch der Sowjetunion - mit einem postmodernen Durcheinander.
Verwirrung ist sein Hobby. Der 1961 geborene russische Schriftsteller Michail Schischkin reflektiert die Zeit nach Zusammenbruch...Foto: © Evgeniya Frolkova

Alles beginnt mit einer Zugfahrt. Man kennt das aus russischen Romanen wie Dostojewskis „Idiot“ oder Tolstois „Kreutzersonate“. Menschen begegnen sich im Abteil und kommen miteinander ins Gespräch. Im Fall von Michail Schischkins Debütroman „Die Eroberung von Ismail“, der jetzt nach seinen viel gepriesenen Romanen „Venushaar“ und „Briefsteller“ auf Deutsch erscheint, ist es eine Schmalspurbahn, die durch die „triste baschkirische Finsternis“ rollt. Natürlich schneit es. Im letzten Wagen sitzen Weles und Perun, eigenartige Typen, der eine nach dem Gott der Erde, der andere nach dem Gott des Donners benannt. Sie sprechen über alles und nichts. Das Thema einer Gerichtsverhandlung steht im Raum, in der ein Advokat einen Freispruch für eine Mörderin erringt, obwohl sie sogar gestanden hat.

Seine Abschweifungen entwickeln durchaus Charme

Von der ersten Seite an merkt der Leser, dass es um ziemlich viel geht, vielleicht um alles. Vom Weltgericht ist die Rede, von der Rettung der Menschheit sogar. Es fallen Namen wie Shakespeare, Goethe und Kant. Was folgt, ist verwirrend. Die Handlungsfäden laufen auseinander. Klar, es gibt den Provinzanwalt Alexander Wassilijewitsch, einen Beschützer der „Erniedrigten und Beleidigten“ als Protagonisten, dazu Episoden aus dem Leben eines gewissen Michail Schischkin, der die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion reflektiert – von seinem Domizil in der Schweiz aus, wo der 1961 geborene Autor seit 1995 tatsächlich lebt. Plötzlich spielt sich alles im alten Athen ab, dann wieder im biblischen Ägypten. Irgendwann wartet Schischkin mit Chören auf. Dabei entwickeln die Abschweifungen mitunter Charme, doch leider ist die Lektüre überwiegend mühsam – selbst wenn man davon ausgehen darf, dass die Verwirrung bei einem mit allen postmodernen Wassern gewaschenen Autor wie Schischkin beabsichtigt ist.

Michail Schischkin: Die Eroberung von Ismail. Roman. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlagsanstalt, München 2017. 512 Seiten, 26,99 €.

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