Kultur : Die erste Entlassung Nach der Party: Als die Kündigungswelle

auch die Dreißigjährigen erfasste, waren die wenigsten darauf vorbereitet. Eine Betroffene erzählt

Stefanie Flamm

Man sah ihnen an, dass sie viel Zeit darauf verwandt hatten, so normal wie möglich zu wirken. Keiner von ihnen trug das branchenübliche Schwarz, nur zwei waren im Anzug gekommen. Die anderen lümmelten, als würden sie bloß einen kleinen Betriebsausflug antreten, ungebügelt und in Sommersachen in der Bahnhofshalle herum. Ein Kollege hatte sich den Kopf rasiert, aber nicht das Gesicht, eine Kollegin trug Strandschuhe zum Sommerkleid, die andere hatte sich im Farbtopf vergriffen und vergessen, den Hals einzuschmieren. Sie selbst sah so aus, wie man aussieht, wenn man sich dreimal umgezogen hat und dann, mit irgendetwas am Leib, aus dem Haus gerannt ist. Ihre Füße steckten, so viel weiß sie noch, in unfassbar biederen, braunen Schuhen, die an den Rändern schon aus dem Leim gingen. Das war ihr unangenehm, aber sie wollte das auch nicht überbewerten.

„In Frankfurt wird es bestimmt schwül“, sagte einer der Kollegen. „Bestimmt“, sagte sie. In Frankfurt standen „betriebsinterne Umstrukturierungen“ an, die ihre Anwesenheit „wünschenswert“ machten, aber doch nicht so dringlich zu sein schienen, dass man ihnen deshalb rechtzeitig einen Flug gebucht hätte. „Sie fahren mit der Bahn“, hatte die Frau ausrichten lassen, die sie untereinander die „Herausgeberin“ nannten, weil sie so etwas war wie das Medium für die Launen ihres gemeinsamen Chefs.

Sie hatte sich in den vergangenen Wochen daran gewöhnt, dass der Umgangston von Tag zu Tag schriller wurde, dass Konferenzen gelegentlich im Eklat endeten und man ihrer Beilage ganz allgemein mit weniger Wohlwollen begegnete als dazumal. „Ach, die Spielwarenabteilung“, hatte erst vor ein paar Tagen eine Kollegin von der Weltwirtschaft im Fahrstuhl gehöhnt, und auch außerhalb des eigenen Hauses gab es mittlerweile genug Leute, die nur darauf warteten, dass bei ihnen endlich die Lichter ausgingen. Doch als ein sehr netter, ihrer Beilage sehr wohlgesonnener Kollege von der Konkurrenz sie kürzlich nach dem Mittagessen gefragt hatte, wie es denn jetzt um sie stehe, hatte sie geantwortet: „Wenn es schlecht um mich steht, weiß ich es nicht.“ Sie wollte es auch nicht wissen.

Das große „Wir“

Sie war 31 Jahre alt, kinderlos und selten krank. Sie arbeitete wahrscheinlich mehr, als jede Gewerkschaft erlaubt, und war bereit, für einen schönen Auftrag jederzeit den Urlaub sausenzulassen. Sie aß gerne, ging gelegentlich in Clubs und fuhr Taxi, wenn sie keine Lust hatte, auf den Bus zu warten. Sie besaß eine schöne Wohnung, aber fast keine Möbel. Sie hatte sich einmal am Neuen Markt verspekuliert, zweimal Kunst gekauft, aber noch nie ihren Lohnsteuerjahresausgleich gemacht. Geld interessierte sie nicht mehr, seitdem es reichte, und Besitztümer waren etwas für Menschen mit Deklassierungsängsten und für alte Leute. Etliche aus der Generation ihrer Eltern behaupteten sogar, Leute wie sie hätten noch nie ein ernsthaftes Lebensproblem oder eine existentielle Krise bewältigen müssen. Als die eigentlichen Gewinner der Wiedervereinigung seien sie vielmehr aus einer unbeschwerten Jugend mehr durch Zufall in die dringend renovierungsbedürftigen Institutionen der alten Bundesrepublik gerutscht und seither damit beschäftigt, dort ein bisschen an den piefigen Nachkriegsfassaden herumzuschmirgeln. Sie wusste, dass das so nicht stimmte, aber sie hatte sich auch nie gegen solche Zuschreibungen gewehrt.

Seit sie zwanzig war, musste ihre Generation als Folie herhalten, vor der alte Rechnungen beglichen und neue Fronten errichtet wurden. Doch hätte sie alles geglaubt, was über Leute ihres Alters geschrieben wurde, hätte sie sich wie eine Flakhelferin in einem großen Krieg der Generationen fühlen können, in dem die Jüngeren sämtliche Glaubensbekenntnisse der Nachkriegszeit zu Klump gehauen hatten, um auf den Trümmern ein vulgärliberales Wahngebilde zu errichten, das den Alten aber gar nicht gefiel, weshalb sie die Sozialbeiträge, die die Jungen aus ihren coolen Großraumbüros abführten, ungeniert in der Toskana verprassten. Und obwohl das alles reichlich wenig mit ihr zu tun hatte, genoss sie es doch, Angehörige einer Generation zu sein, um die so viel Aufhebens gemacht wurde. Sie waren Optionalisten und wurden bald Wirklichkeitsmenschen, die sich mit dem schönen Leben zufrieden gaben, weil sie nicht daran glaubten, jemals das richtige zu finden. Wenn man ihnen daraus einen Vorwurf machte, wurden sie schnell ungehalten. Einer ihrer ersten Texte handelte von einem Generationen-„wir“, das sich wütend gegen ein großes, fremdes „Ihr“ zur Wehr setzte, weil „wir“ einfach nicht verstanden, was „ihr“ von uns wollt. Das war vor sechs Jahren und ihr altes „Wir“ längst in einer neuen Form der Corporate Identity aufgegangen.

Seit etwa drei Jahren arbeitete sie in einem Medienunternehmen, das nach innen zwar noch immer Züge eines sozialistischen Staatsbetriebs trug, nach außen jedoch eine große, fast unheimliche Integrationskraft entfaltete. Insourcing, nicht Outsourcing, lautete hier die Devise, nach der peu à peu – von den Poplinken über die Postmodernen bis hin zu den Neoliberalen und Technikjüngern – jede nur denkbare weltanschauliche Fraktion inkorporiert und durch ein ausgeklügeltes Privilegiensystem zusammengeschweißt wurde. Wer länger als zwei Wochen in diesem postpolitischen Orden arbeitete, begann Gleichaltrige zu siezen, schrieb nie mehr „tumultartig“, sondern „tumultuarisch“, sagte nicht „Guten Tag“, sondern „Ich grüße Sie“ und unterzeichnete seine Briefe fortan „mit besten“, nicht „mit freundlichen“ Grüßen. Auf Außenstehende muss das gewirkt haben, als hätten sie da drinnen alle eine Vollmeise, aber das war ihnen egal. Sie lebten in der Postmoderne der Postmoderne, wo Salonbolschewisten und Radikalreformer beim Mittagessen über den Weltfrieden diskutierten, weil es jetzt eh nicht mehr so darauf ankam, wo man stand. „Sie sollen hier Spaß haben“, hatte es in ihrem Einstellungsgespräch geheißen; für sie klang das wie: Herzlich willkommen im Paradies.

Damals begannen die Jahre, von denen es hinterher heißen sollte, es seien fette gewesen: Die Zeitungen waren mit derart vielen Anzeigen gesegnet, dass sie fast nicht mehr in einen handelsüblichen Briefkasten passten, die New Economy blühte, „Nemax 50“ zog an, viele ihrer Freunde, die sich bis dahin gegenseitig beim Durchwurschteln zugeschaut hatten, gelangten endlich in Lohn und Brot. Also zogen sie los, die eigene Stadt als exemplarischen Ort der Gegenwart neu zu „erfinden“. Methodisch mit einem Bein im Feuilleton der zwanziger Jahre, mit dem anderen im Boulevard, streiften sie durch Straßen und Gassen und hielten, vom Treppenhaus bis zum weggeworfenen Tetrapack, alles fest, was ihnen irgendwie bedeutsam vorkam. „Unser Erfolgskonzept besteht darin, dass wir einfach nur machen, was uns selbst interessiert“, sagten sie, und treue Leser honorierten diese im Journalismus unübliche Form der offensiven Subjektivität. Viele wurden sogar zu Fans. Doch wenn sie heute eine Zeitung von damals in der Hand hält, kommt es ihr vor, als lese sie in einem Tagebuch, in dem man alte Bekannte wiederfindet, aber nicht mehr erkennt.

Der Mythos

Es ist alles sehr weit weg, fast wie hinter Glas. Die Ausrufezeichen, die großen Gesten und die eigenartige Ironie, die immer dann ins Spiel kam, wenn sie keinen anderen Zugang zu einem Thema fanden. Auch die Kampagnen und Manifeste, die sie gelegentlich druckten, meinten sie nie ganz ernst; die Lanze, die sie einmal für die PDS brachen, war in erster Linie Provokation. Aber sie liebten nun einmal das Uneindeutige, sie waren schließlich keine Politiker, sondern Moderatoren des Stadtgesprächs. Ihre Stärke lag in der Beobachtung, nicht in der Analyse, und als solche passten sie gut in eine Epoche, die in der Art, wie jemand seinen Krawattenknoten band, schon ein Charaktermerkmal sah. Doch vor jedem Ereignis, dem man mit einer rein phänomenologischen Sicht nicht beikam, hatten sie kläglich versagt. Nach dem 11. September überließen sie ihre kleine lustige Beilage sogar bereitwillig den Altvorderen, die sich von Berlin aus noch einmal bei den Amerikanern für die Luftbrücke bedankten. Doch als ein Freund sie fragte, ob es sein könne, „dass euer Konzept langsam nicht mehr in unsere Zeit passt“, wurde sie böse. Sie hatte in den letzten Tagen niemanden getroffen, dessen Konzept in diese Zeit passt. Alles, was gesagt und geschrieben wurde, hatte sie schon vor Urzeiten gehört und gelesen – Wende, Stunde null, Krieg der Systeme, drohende Weltwirtschaftskrise. Sie fühlte sich manchmal wie in einem alten Film, in den man ein paar neue Figuren hineingeschnitten hatte, um die Gefechte von einst noch einmal zu schlagen. Das Problem war nur: Die Dreißigjährigen spielten in diesen Szenarien zum ersten Mal seit über zehn Jahren keine Rolle mehr. Man brauche, hieß es, jetzt Leute mit Erfahrung. Unternehmen kürten Pensionisten zu Direktoren, in der eigenen Zeitung schrieben plötzlich Menschen, von denen sie überhaupt nicht gewusst hatte, dass die dort noch arbeiteten. Aber es sollte noch fast ein Jahr dauern, bis sie begriff, dass ihre Beilage doch nur das Bastardkind eines orientierungslosen Feuilletons gewesen war, das sich, jetzt, wo die Zeiten härter wurden, wieder auf die eigene Familie konzentrieren wollte. Die große Zeitungskrise erreichte sie nur als Abstraktion, auf Meldungsgröße zusammengeschrumpft.

Noch an dem Tag, als die rüde Aufforderung aus Frankfurt kam, hatte sie von früh bis spät an einer umfänglichen Sozialreportage gebastelt. Darin ging es um Obdachlose und bitterarme Menschen, die in einer Kleiderkammer nach Markenklamotten suchten, weil eine konventionelle Erscheinung der beste Panzer gegen die inquisitorischen Blicke der Bürger ist. „Die Fassade bricht zuletzt“, stand darüber. Morgens, am Bahnhof, hielt eine Kollegin ihr nun die eigene Schlagzeile unter die Nase. „Wenn es hart kommt, können wir uns das ja an die Brust heften.“ Wenn es hart kommt? Für einen ganz kurzen Moment dachte sie wieder an ihre ollen Schuhe, das löchrige Make-up der einen Kollegin und die stoppeligen Gesichter der Männer. Aber sie glaubte noch immer nicht, dass es wirklich hart kommen würde. Keiner von ihnen glaubte das. „Vielleicht werden jetzt doch die Dienstwagen abgeschafft“, sagte einer der Kollegen, als sie schon gemeinsam im Zug saßen. Und so fuhren sie dahin, ein bisschen nervös, ein bisschen angespannt, aber durchaus willens, sich den Tag nicht verderben zu lassen – ein neunköpfiges Selbstbetrugskommando mit einem Sammelfahrschein nach Frankfurt am Main.

Als sie am Nachmittag wieder in Berlin ankamen, stand vor ihren Büros ein Fernsehteam, drinnen wartete ein Häuflein kalkbleicher Pauschalisten, die schon wussten, was man ihnen in der Zentrale überbracht hatte: „Sie sind jetzt ein Mythos.“ Daraufhin hatten gut zweihundert Kollegen, die sehr froh waren, kein Mythos zu sein, applaudiert. Irgend jemand wollte wissen, ob sie noch Fragen hätten, ein anderer, ob sie Lust hätten, mit in die nächste Konferenz zu kommen. Die meisten aber schauten durch sie hindurch, als wären sie schon gar nicht mehr da. Abends, vielleicht war es auch schon nachts, als sie zusammen mit A. und einem gemeinsamen Freund in einem thailändischen Restaurant saß, hatte sie diese Geschichte schon so oft erzählt, dass sie sich sicher war, noch nie in ihrem Leben derart gedemütigt worden zu sein. „Wahrscheinlich ist es beim ersten Mal am schlimmsten“, meinte A., der von der ganzen Situation ziemlich überfordert war. Der gemeinsame Freund aber schüttelte nur den Kopf. „Nein“, sagte er. „Es ist immer dieselbe Scheiße.“

Kündigungen mögen in einer Erwerbswelt, die langsam aus den Fugen gerät, an der Tagesordnung sein, aber sie vollziehen sich für die Betroffenen fast immer wie Naturkatastrophen. Es gibt offenbar keine Kulturtechnik, kein Ritual, keine Regeln, oft nicht einmal Erfahrungswissen, auf das man sich stützen könnte. Kündigungen sind ein Tabu, aus Sicht der Betroffenen sind sie ein Wortbruch, aus Sicht des Unternehmens eine Zumutung. Wer Leute entlässt, gesteht vor sich und der Welt, in einer tiefen Krise zu stecken, und das ist natürlich unangenehm. Deshalb versteckt der Chef sich in solchen Situationen gerne hinter seinem Chef. Der wiederum beruft sich auf die Geschäftsführung, die ihrerseits aber sofort vor dem Arbeitsrecht, der Weltwirtschaft und dem Terrorismus in Deckung geht, bis es den Anschein hat, als habe Osama bin Laden höchstselbst die Entlassung erwirkt. Und man könnte vermutlich jeden einzelnen der 7000 Journalisten, 15 000 Werbefachleute und 11 000 Unternehmensberater fragen, die allein in Berlin in den letzten Jahren gekündigt wurden, jeder würde wahrscheinlich sagen, dass es nicht gut gelaufen ist.

Die Resozialisation

Auch sie empört sich bis heute darüber, wie verdruckst ihre Entlassung vonstatten ging. Die Frage ist allerdings, ob es ihnen damals wirklich lieber gewesen wäre, wenn man ihnen aufrichtig ins Gesicht gesagt hätte: Wir stecken in großen Schwierigkeiten, die wir zum Teil selbst zu verantworten haben, und kündigen deshalb diejenigen, die sich am wenigsten wehren können – die Dreißigjährigen. Sie lagen also wieder einmal im Trend. Nur, dass sie diesmal keine Verbündeten hatten, sondern Leidensgenossen. Trotzdem erging es ihnen wohl besser als den alten, lang gedienten Arbeitern, die, wenn die Tore ihrer Fabriken schließen, noch einmal kurz ihre Helmut-Schmidt-Mütze lüpfen und dann für immer in der Statistik verschwinden. Ein großes mediales Blues-Orchester begleitete sie fast bis zu den Toren des Arbeitsamtes. Und sie wurde das ungute Gefühl nicht los, ihre, jetzt leider gescheiterte Generation solle bloß neue Gesichter für ein altes Phänomen liefern.

Und, was machen Sie jetzt? „Ich höre mit dem Rauchen auf“, lautete ihre Standardantwort. „Das nächste Mal sagst du einfach, ich verwalte meine Güter, dann fragt garantiert keiner mehr weiter“, meinte Freund S. Aber dazu hatte sie damals nicht das Ego. Sie hielt es nicht gut aus, wenn die Türen ins Schoss fielen, weil die „Gekündigten“ über den Gang liefen. Wenn man ihr sagte, sie sei noch jung. Sie habe einen Freund, der Geld verdiene. Und außerdem wisse sich doch, dass sie gut sei. Sie wusste leider gar nichts mehr. Manchmal saß sie abends zu Hause und blätterte durch ihre alten Artikel. Altpapier, dachte sie. Drei Jahre, drei Ordner. Alles, worauf sie sich einmal verlassen hatte, stürzte zusammen. Es war widerlich. Seither wundert sie sich nicht mehr.

Denn wer einmal dabei war, als ein ganzer Betriebszweig abgewickelt wurde, weiß, warum sozial schwache Gegenden und solche mit hoher Arbeitslosigkeit so schnell verwahrlosen. Eine Entlassungswelle versetzt sogar ein Unternehmen, das für seine gepflegten Umgangsformen bekannt ist, in den zivilisatorischen Ausnahmezustand. Von einem auf den anderen Tag werden sämtliche Abmachungen gekündigt, die Menschen miteinander eingehen, um sich das Arbeitsleben nicht zur Hölle zu machen. Latente Feindschaften werden zu offenem Krieg, Kollegen, die einander nie mochten, hören auf, sich zu grüßen, andere bieten sich gegenseitig wieder das „Sie“ an. Türen knallen, Tränen fließen, E-Mail-Konten werden geknackt, Sündenböcke gefunden. „Ich weiß nicht, ob ich Sie vorlassen darf“, sagte der Pförtner, als sie ein paar Tage später noch einmal ins alte Büro kam, um die Post abzuholen. „Der hat doch ein Statusproblem“, sagt sie abends zu A. „Du hast auch ein Statusproblem“, sagt A. „Dafür hält sie sich aber gut“, sagte der gemeinsame Freund. Er war der einzige aus ihrem Bekanntenkreis, der schon lange keine Arbeit mehr hatte. Sie war sehr froh, dass es ihn gab. Am liebsten traf sie sich mit ehemaligen Kollegen. Sie waren immer ein gutes Team gewesen, jetzt hatten sie eine gemeinsame Geschichte. Als sie einmal bis zum Frühstück auf einer Dachterrasse zusammen saßen, stellten sie sich vor, wer sie in drei, vier Jahren sein würden. „Mutter dreier Kinder“, sagte sie. Doch in Wirklichkeit fehlte ihr jegliche Fantasie, sich auch nur vorzustellen, anders zu leben, als bisher. Sie tat sogar alles, um ihr altes Leben, so gut es ging, am Laufen zu halten. Und am Anfang lief ihr persönliches Resozialisationsprogramm besser, als sie gedacht hatte. Bisweilen hatte sie sogar den Eindruck, ihre Branche habe sich vorgenommen, für diesen einen Sommer noch besonders gut auf Leute wie sie aufzupassen. Man versorgte sie mit Aufträgen, schickte sie auf Reisen. Doch dann kam der Herbst, mit dem Herbst kamen neue rote Zahlen, und als sie Mitte September in Berlin-Schönefeld aus einem klapprigen Aeroflot-Flugzeug stieg, wusste sie zum ersten Mal nicht, was sie in den nächsten Wochen tun sollte. Sie ließ ihre Tasche noch eine Ehrenrunde auf dem Gepäckband drehen, ging dann zu Fuß die dreihundert Meter bis zur S-Bahn-Station und wartete eine halbe Stunde auf den nächsten Zug. Sie hatte jetzt viel Zeit. So muss sich die Arbeitslosigkeit anfühlen, dachte sie. Es war kein schönes Gefühl.

Stark gekürzter Vorabdruck aus Kursbuch 154 „Die Dreißigjährigen“. Rowohlt.Berlin, 200 S., das in diesen Tagen erscheint.

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