Kultur : Die erste Liebe, ein Wunder

Zu Maos Zeiten: der zarte Film „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“

Christina Tilmann

Man verfällt vielleicht nicht gerade auf Balzac, wenn es darum geht, eine junge Frau zu verführen. Flaubert ja, Stendhal auch, diese feinfühligen Beobachter der erwachenden Liebe. Aber der realistischere Balzac? Für die chinesische Schneiderin im Bergdistrikt Yong Jing jedoch ist genau das der Reiz: Die Schilderung aus dem Paris des 19. Jahrhunderts inspiriert sie so sehr, dass sie beginnt, chinesische Uniformen nach europäischen Mustern zu verändern. Und von Balzacs Romanheldin Ursula Mirouet lernt sie, dass sie selbst verantwortlich ist für ihr Leben.

Mit dieser Botschaft ist Daj Sijies Roman „Balzac und die chinesische Schneiderin“ zum Bestseller geworden. Erst in Frankreich, dann in Deutschland, mit mehr als 300000 Exemplaren. Nur in China gibt es das Buch nicht, in dem der seit 15 Jahren in Frankreich lebende Regisseur von seiner Jugend zu Zeiten von Maos Kulturrevolution erzählt. Auch die Dreharbeiten, die in Daj Sijies Heimat im Sichuan-Gebiet stattfinden sollten, wurden erst spät genehmigt. In China wird man diesen Film, der mit chinesischen Schauspielern (hervorragend) besetzt und von französischen Produzenten finanziert wurde, kaum zu sehen bekommen.

Dabei ist es keine bittere Anklage, keine harsche Mao-Kritik, die Daj Sijie übt. Er, der selbst drei Jahre lang zur Umerziehung aufs Land verbannt wurde, hätte dazu jeden Grund gehabt: 20 Millionen Chinesen wurden in den Siebzigerjahren aufs Land geschickt, 20 Millionen Intellektuelle, Oppositionelle, Kinder von Ärzten, Professoren, Lehrern und Künstlern, die zehn Jahre mit harter Arbeit verbrachten. Daj Sijie jedoch sieht im Rückblick vor allem die Komik im Zusammentreffen zweier Welten: der bürgerlichen Städter und der illiteraten Bauern. Er erzählt eine absurde, wunderbar leichte Komödie, in deren Herz die Tragödie steckt. Und er erzählt, auch sentimental, von Jugend, Liebe und der Macht der Literatur. Die erste Liebe ist selbst in einer Diktatur ein Wunder – auch wenn man, statt zu studieren, zu lesen und zu musizieren, Kübel voll Dünger über Hunderte von Stufen schleppen muss.

Es ist das Paradies, und es ist die Hölle, in die die Studenten Luo Ming (Chen Kun) und Ma Jianling (Liu Ye) verschickt werden. Eine einsame Gegend im Sichuan-Gebiet, jenseits aller Zivilisation – aber von atemberaubender landschaftlicher Schönheit. Wer hier lebt, kennt die Schönheit jedoch nicht: Man blickt beim Gehen starr auf den Boden, um nicht zu stolpern, nutzt den romantischen Bergsee zum Waschen, und das „Auge des Himmels“, eine spektakuläre Felsformation, ist bloß eine Ortsbezeichnung. Man kennt keine Bücher, keinen Wecker, kein Kino. Auch die Geige, die Ma von Zuhause mitgebracht hat, entgeht nur knapp der Zerstörung: Erst als der gewitztere Luo einer Mozart-Sonate den Titel „Mozart sehnt sich immer nach dem Großen Vorsitzenden Mao“ verleiht, ist auch der Dorfvorsteher zufrieden.

Mit solchen Tricks retten sie ihr Leben. Sie bekommen den Auftrag, im Nachbarort einen nordkoreanischen, kommunistischen Film zu sehen, und erzählen bei ihrer Rückkehr so lebendig davon, dass aus dem Lehrfilm plötzlich ein Liebesfilm wird. Sie finden einen Koffer voll verbotener westlicher Literatur und nehmen die kleine Schneiderin mit ins Land der Fantasie. Sie lesen und träumen und lieben gemeinsam. Eine Jules-undJim-Konstellation: Ma und Luo, der Romantiker und der Draufgänger. Und im Zentrum die namenlose Schneiderin, Kumpel, Muse, Traumbild – und doch nur Anlass für eigentlich eine Freundschafts-Geschichte. Als die Schneiderin erwachsen wird, zerbricht auch die Freundschaft zwischen Ma und Luo. Die Zeit der Umerziehung war, zum Glück, nur eine Episode. Und auch die erste Liebe hält nicht ewig. Jeder der drei Freunde geht seinen Weg. Und nur die Erinnerung bleibt – ein Leben lang.

Die traurigste Pointe jedoch schreibt die Wirklichkeit. Maos Kulturrevolution mag lange vorbei sein, als Daj Sijie sein Alter Ego Ma nach Jahren im französischen Exil noch einmal in das Land am „Auge des Himmels“ zurückkehren lässt, auf der Suche nach der Liebe seiner Jugend. Er findet ein Volk, das Abschied nimmt. Denn jenes unglaublich schöne, in jahrhundertelanger Arbeit mühevoll kultivierte Land, in das die beiden Studenten geschickt wurden, existiert heute nicht mehr. Der Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtsekiang hat es völlig überflutet.

Ab Donnerstag im Capitol., Cinema Paris, FT Firedrichshain und Neuen Off.

– Weitere F ilmkritiken auf Seite 32

0 Kommentare

Neuester Kommentar