Kultur : Die erste Milliarde

Goldene Zeiten: Was die Christie’s-Rekordauktion in New York über den Kunstmarkt verrät

Matthias Thiibaut

Hätte Julius Schoeps nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht und durch seine Restitutionsforderung in letzter Minute die Versteigerung von Andrew Lloyd Webbers Picasso-Porträt des absinthvergessenen Fernández de Soto verdorben, hätte Christie’s die halbe Milliarde spielend geschafft. So waren es nur 491 Millionen Dollar. Eine satte Leistung, auch wenn der Dollar nicht mehr ist, was er einmal war. Sotheby’s hatte am Abend zuvor in seiner Prestigeauktion 238 Millionen Dollar eingenommen. Zusammen mit den Contemporary-Auktionen der kommenden Woche wird der New Yorker Kunstmarkt im November spielend die Ein-Milliarden-Hürde nehmen.

Nichts an diesem Superergebnis ist unvorhergesehen oder irrational. Was den Kunstkäufern, die ihre Gebote aus einer abgedunkelten „Skybox“ bei Christie’s unerkannt in den Saal telefonierten, beim Nachschieben der Millionen Schweißtropfen auf der Stirn trieb, war die Spannung, nicht die Sorge ums Geld. Die Kunstpreise folgen nicht den Zuckungen irrationalen Begehrens, sondern einem gut eingespielten Investitionskalkül. Der Markt wächst. Geld ist vorhanden. Die Nachfrage lockt das Beste auf den Markt und das gute Angebot stachelt die Nachfragelust der Käufer weiter an.

Es gab in New York schon einmal eine solche Rekordwoche. Im Mai 1990 verkauften Sotheby’s und Christie’s in einer Woche Kunst für knapp 700 Millionen Dollar – fast das Niveau dieser Woche. Die Stars waren damals Renoirs „Au Moulin de la Galette“ (78 Millionen Dollar), Kandinskys Abstraktion „Fugue“ (21 Millionen Dollar), van Goghs „Porträt Dr. Gachet“ (82 Millionen Dollar). Anders war, dass 57 Prozent der Bilder von Japanern gekauft wurden. Nicht steinreiche Kunstenthusiasten, sondern Buchhalter, die von Konzernherren geschickt wurden. Heute zahlen die Milliardäre mit eigenem Geld und kommen aus der ganzen Welt.

Der neue Marktschub begann mit Picassos „Garcon à la pipe“. 2004 durchbrach er die 100-Millionen-DollarGrenze. Auch dieser Picasso war übrigens einst Besitz des jüdischen Bankiers Paul Mendelssohn-Bartholdy, dem Vorfahren von Julius Schoeps. Doch 204 beließ er es noch, ohne die Gerichte anzurufen, bei melancholischen Vermutungen, beim damaligen Verkauf 1936 sei vielleicht nicht alles richtig zugegangen.

Dann kam im Frühsommer 2006 Klimts „Goldene Adele“ aus der Restitutionsmasse Bloch-Bauer. Der New Yorker Museumsgründer Ronald Lauder, der in dieser Woche wohl auch die 38 Millionen Dollar für Kirchners Straßenszene bereitstellte, zahlte 134 Millionen Dollar. Zwar handelte es sich um ein verschwiegenes Privatgeschäft, aber man stellte sicher, dass die Welt davon erfuhr. Operateure des Kunstmarkts wissen, dass solche Preise das ganze Feld nach oben ziehen.

Vor ein paar Wochen hatten Hotelbesitzer Steve Wynn und der Fondsmanager Steven Cohen bereits einen Preis von 139 Millionen Dollar für Picassos „Le Rêve“ vereinbart. Es wäre ein neuer Rekord gewesen – hätte Wynn nicht einen unglücklichen Schritt getan und mit dem Ellbogen ein Loch in die Leinwand gestoßen. Dann sickerte durch, dass Hollywood-Produzent David Geffen ein Jackson Pollock Drip Painting „No. 5, 1948“ für 140 Millionen Dollar verkaufen konnte.

Das alles stärkte den Mut für die Kunstschwemme dieser Woche. Dies waren keine Ausreißerpreise wie 1990. Große Kunst kostet heute wirklich so viel. Für Leute wie Geffen, der mit 4,4 Milliarden Dollar Vermögen auf Platz 140 der Weltreichenliste steht, oder den Kosmetikerben Ronald („Estée“) Lauder mit seinen 2,7 Milliarden ist der Kauf eines solchen Superbilds, wie wenn sich ein normaler Millionär einen Porsche kauft.

Teuer sind nicht nur die restituierten Bilder, die lange unerreichbar schienen und umso größeres Begehren wecken. Aber sie stellten diesmal einen besonders respektablen Block. Neben dem Kirchner gab es vier weitere Klimts aus dem Bloch-Bauer-Nachlass: „Adele II“, eine Wiener Straßenszene von bürgerlich distanzierter Vornehmheit, stellt mit 87,9 Millionen Dollar den offiziellen Auktionsrekord für Klimt. Dessen Landschaft „Birkenwald“ kostete 40 Millionen Dollar, und Klimt-Käufer Lauder ließ, um seine neuesten Erwerbungen zu finanzieren, eine Schiele-Landschaft versteigern, die 22 Millionen Dollar brachte. Wenn das etwas enttäuschend war, brachte eines seiner Schiele-Aquarelle, eine hinreißend verdrehte Aktzeichnung, den Rekordpreis von elf Millionen Dollar.

Wirklich angetrieben wird der Markt aber mit Material der neunziger Jahre. Sotheby’s Hauptlos war das beste Beispiel. Ein Cézanne-Stillleben der besten Qualität, das der New Yorker Kunsthändler Acquavella 2000 in London für 18 Millionen Dollar ersteigerte und nun für knapp 37 Millionen Dollar weiterreichte. Modiglianis „Fils du Concierge“ kostete 1997 nur 5,8 Millionen Dollar. Jetzt zahlte die Zürcher Händlerin Doris Ammann 31 Millionen Dollar. Christie’s hatte den besten Gauguin, den man seit 1989 kaufen konnte: „Mann mit Axt“ wurde mit 40 Millionen Dollar marktgerecht bewertet. Die Sultanfamilie von Brunei hatte das Bild in den Achtzigern bei dem Händler Beyeler erworben. Sogar van Goghs liebevoll gemaltes Paar Arbeiterstiefel verdoppelte in sieben Jahren fast den Preis: 1999 kam es zuletzt auf den Block für 4,8 Millionen Dollar. Nun wird es seinen neuen Besitzer für knapp neun Millionen Dollar an die Härte des Lebens erinnern.

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