Kultur : Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Christiane Peitz

Manchmal zittert sie ein wenig. Unendlich sanft tastet sie alles ab, was in ihre Nähe kommt, und schwebt wie im Gleitflug zwischen Menschen und Gegenständen hindurch. So geschmeidig wie William Lubtchanskys Kamera ist sonst keine. Ihre liebevolle Aufmerksamkeit wünschte man sich für den eigenen Lover. Wie sie das macht, bleibt ihr Geheimnis: Sie verschönert, ohne zu beschönigen - und sei es den Anblick einer hässlichen, französischen Industriestadt. Und sie macht aus Otar Iosselianis "Montag Morgen" einen heiteren Sonntagsspaziergang. Wer diesen Film nicht heiteren Herzens verlässt, der hat keins.

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Wie alle anderen Werke Iosselianis lebt auch dieses von der Freiheit des Blicks, der zärtlich-ironischen Beiläufigkeit einer Bildersprache, die fast ohne Worte auskommt. Ein Hund bellt, eine Frau singt, ein Fahrraddynamo sirrt - meist sind es drei Dinge, die sich auf der Tonspur zum Konzert der Geräusche und Stimmen vereinen. Genau wie die Kamera: In einem Fenster erblickt sie eine Hand mit Zigarette, im nächsten einen Mann, der eine Decke ausschüttelt, im dritten Kinder, die auf ein Boot hinunterspucken, dem sie daraufhin durch Venedigs Kanäle zu folgen beginnt.

Ein Reisefilm also, dessen Geschichte schnell erzählt ist. Vincent (Jacques Bidou), Fabrikarbeiter in jener hässlichen Industriestadt, lebt mit seiner Familie auf dem Land. Er ist den Alltagstrott satt, geht auf Reisen und kehrt am Ende nach Hause zurück. Nicht dass er etwas Besonderes erlebt: Carlo (Arrigo Mozzo), mit dem er sich in Venedig anfreundet, fährt am Morgen auch in einem Vorortzug zur Arbeit in die Fabrik und raucht wie all seine Kollegen eine schnelle Zigarette vor dem mit großen Nichtraucherschildern verzierten Werkstor. Das Gleiche hat Vincent jeden Morgen in Frankreich getan. Aber hier wie da machen Iosseliani und Lubtchansky etwas ganz Besonderes daraus: Wenn diese Bilder Musik wären, hieße ihr Komponist Erik Satie.

Eigentlich kennt man sie längst, die tausend kleinen Geschichten und Typen, die der georgische Filmemacher mit Pariser Adresse zum Tableau fügt. Da ist Narda Blanchet, die alte Schlossherrin in "Jagd auf Schmetterlinge", diesmal als Großmutter auf Spritztour im Alfa Romeo. Da sind die Wunderlinge und Kauze, wie der hagere Briefträger (Christian Cabollet), der die Post mit einem Dampfgerät öffnet und mit dem Bügeleisen wieder verschließt. Da sind seltsame Tiere (ein Krokodil im Gemüsegarten!) und der heilige Georg, den Vincents Sohn mit einem Schnurrbart und dem freundlichsten Drachen der Welt auf die Wand in der Dorfkirche malt. Die geizigen Neureichen mag er im Gegensatz zum verarmten Adel überhaupt nicht; ebenso zieht er die tüftelnden Kinder den keifenden Ehefrauen vor, die den Männern das Rauchen und das Trinken verbieten.

Dabei ist das Trinken so wichtig, schon allein wegen des Gesangs. Wenn der Dorfkinderchor hingegen ganz nüchtern den Gefangenenchor aus "Nabucco" anstimmt, ist von Freiheit nicht viel zu hören. Der gute alte Iosseliani: Er ist und bleibt ein Feind der Moderne.

In Venedig tritt er übrigens selbst in Erscheinung. Als Marquis hat er sich in seinem Palazzo am Canal Grande hemdsärmelig auf das Sofa geflezt. Aber als sich Vincent ankündigt, der Sohn seines alten Freundes, wirft er eine wundersame Lügenmaschine an. Zieht einen purpurroten Samtrock über, versteckt einen CD-Player auf dem Flügel und setzt mit der Fernbedienung Klaviermusik in Gang, als sein Gast die Gemächer betritt. Nur die drei letzten Akkorde spielt er selbst, wegen der Glaubwürdigkeit. Bei so viel Selbstironie verzeihen wir ihm sogar sein böses Bild von den Frauen, die den Männern immer den Spaß verderben.

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