Kultur : Die Erwachsenen sind verrückt

Ein ungehaltener Satiriker: zum 80. Geburtstag des ewigen Bestsellers Ephraim Kishon

Katrin Hillgruber

Wer kennt sie nicht: Freund Jossele, „die beste Ehefrau von allen“, den Theaterkritiker Kunstetter, der vergeblich gegen eine missratene Leberwurst klagt, oder auch den Presslufthammer-Narr Blaumilch, der mitten in Tel Aviv eine Straße aufreißt und damit die Stadt zu aberwitzigen Verwaltungsakten treibt, die schließlich in der Genehmigung des „Blaumilchkanals“ gipfeln.

Ephraim Kishons satirisches Stammpersonal ist seit den sechziger Jahren fester Bestandteil des (west-)deutschen Kulturguts, woran die Übersetzungen von Friedrich Torberg, dem Erfinder der „Tante Jolesch“, maßgeblichen Anteil hatten. Als Wiener besaß er das Sensorium für Kishons mitteleuropäischen Humor, den dieser in die orientalische Szenerie Israels verpflanzte. „Lieben Sie Kishon?“ fragte die ARD 1976 in zwanzig Folgen. Wie Heinz Sielmann und Bernhard Grzimek durch das Fernsehen zu Instanzen für die Erläuterung der Fauna wurden, nahm Kishon – neben Loriot – diese Funktion bei der Analyse des Bestiarium Humanum ein.

Kishons „Familiengeschichten“ ist nach der Bibel das meistverkaufte hebräische Buch der Welt. Vor allem seinen unzähligen jungen Lesern hat er die Augen für das absurde Treiben der Erwachsenen geöffnet. Nichts, so lehrte er uns, ist wie es scheint: Hässliche Kindermädchen verwandeln sich in Sexgöttinnen, Väter kollabieren als Schwimmlehrer, Bürokraten sind tendenziell wahnsinnig, und US-Präsident Nixon fürchtete nichts mehr als Golda Meirs überdimensionale schwarze Handtasche, glaubt man der Satirensammlung „Salomos Urteil, zweite Instanz“.

„Wir sind ein kleines Land, das in seiner Umgebung lauter Feinde und in der Ferne nur äußerst zurückhaltende Freunde hat“, erläutert der unermüdliche Botschafter Israels, „deshalb müssen wir von Zeit zu Zeit überraschende Maßnahmen ergreifen. So haben wir in bedrängter Lage eine 74-jährige Großmuter als Ministerpräsidentin eingesetzt und schicken sie zu den Führern der freien Welt. Die sollen dann sehen, wie sie mit der alten Dame fertig werden.“

Ephraim Kishon, der am 23. August 1924 in Budapest als Ferenc Hoffmann zur Welt kam, ist mittlerweile selbst ein alter, ziemlich ungehaltener Herr. Von großen Teilen des hiesigen Kulturbetriebs wird er als „rechts“ geschmäht, und nun auch noch das lästige Jubiläum: „Alle tun so, als ob der 80. Geburtstag mein größter Erfolg wäre“, beschwert sich der Humorist, der sich diese zwiespältige Berufsbezeichnung auf seine Weise einverleibt hat.

In der „Bild am Sonntag“ beklagte er, dessen 43 Millionen verkaufte Bücher zu drei Vierteln in Deutschland abgesetzt wurden, die anhaltende Judenfeindlichkeit. Zwei Kämpfe seines Lebens habe er verloren, sagt der diplomierte Bildhauer: gegen die moderne Kunst und gegen den Antisemitismus.

Bei Autofahrten in seiner zweiten Wahlheimat, dem Kanton Appenzell, hört der überzeugte Zionist, der dem Holocaust mehrfach nur knapp entkam, bevorzugt Hitler-Reden. Mit der Parodie „Mein Kamm“ gewann er bereits 1947 den ungarischen Romanwettbewerb. „Dr. Kaltenbrunner“ hieß sein geliebtes schweres Motorrad aus österreichischer Produktion, mit dem er nach seiner Flucht aus Ungarn im Kibbuz vorfuhr. Das alles zeugt von einer lebenslangen negativen Fixierung, die sich in bitteren Aphorismen Luft macht: „Die Juden sind ein lästiges Volk. Wenn sie allerdings nicht so lästig wären, dann wären sie vielleicht kein Volk mehr.“

Versöhnen könne er sich mit dem Alter nicht, sagt Ephraim Kishon im besten Kampfesalter, höchstens einen Waffenstillstand erreichen. Massel Tov!

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