Die Erzählungen der Chassidim : Neuauflage von Martin Buber

Der Religionsphilosoph als Anarchist: 50 Jahre nach seinem Tod erscheinen die chassidischen Erzählungen von Martin Buber neu.

Jakob Hessing
Mystiker des Du. Martin Buber 1957 in Jerusalem. Foto: bpk / Werner Braun
Mystiker des Du. Martin Buber 1957 in Jerusalem. Foto: bpk / Werner BraunFoto: bpk / Werner Braun

Noch vor dem Ersten Weltkrieg wurde er zur geistigen Autorität des deutschen Judentums und begleitete es bis in die ersten Jahre des Naziregimes – bis er 1938 nach Palästina auswanderte. Martin Buber, 1878 in Wien geboren und am 13. Juni vor 50 Jahren in Jerusalem gestorben, verbrachte seine Kindheit in Galizien und in der Bukowina. Dort sah er die Spätform eines chassidischen Gemeindelebens, das seine ursprüngliche Kraft schon verloren hatte und ihn dennoch tief berührte. „Wohl ist die legendäre Größe der Ahnen in den Enkeln geschwunden“, schreibt er 1918 über seine Eindrücke, aber es „vermag das angeborene Leuchten ihrer Stirn nicht zu verdunkeln“.

Dann nimmt er das Studium der Philosophie und Germanistik, der Kunstgeschichte und Psychologie auf, kommt mit anderen Welten in Berührung. „Nicht den Chassidim allein war ich damals entfremdet“, schreibt er später über seine Anfänge als selbstständiger Denker, „sondern dem ganzen Judentum.“ Vielleicht ist es diese zeitweise Entfremdung, die ihn schließlich befähigte, das assimilierte deutsche Judentum wieder an seine verlorenen Wurzeln heranzuführen. Er selbst hat die Krise erfahren, und deshalb ist es auch keine Orthodoxie, die er lehrt. Im Gegenteil: Religion versteht er als Rückbindung der Zerstreuten an ein altes Zentrum, das in seiner Verschüttung eine Bindekraft ausstrahlt.

Diese Kraft will er wieder freisetzen, und dabei unterwirft er sich keiner Autorität. Buber ist ein Anarchist, er lässt weder den Machtanspruch der Rabbiner gelten noch das Vorrecht Theodor Herzls, die Ziele des Zionismus zu bestimmen. Früh tritt er der jüdischen Nationalbewegung bei, versteht sie aber als ein theokratisches, nicht als realpolitisches Phänomen. Noch im jungen Staat Israel wird er später Ben Gurions Machtpolitik kritisieren und stets kompromisslos für einen Frieden mit den Arabern eintreten.

Martin Buber formuliert eine Philosophie der wahren Begegnung

Buber lebt in ständiger Opposition zu unserer täglichen Welt, zu ihren falschen Ordnungen und ihrem geistigen Zerfall. Mit seinem Denken will er ihm entgegenwirken. 1923, in „Ich und Du“, formuliert er eine Philosophie der wahren Begegnung. Sie verlangt nach einem Ich und einem Du, wir aber leben in einer Welt des Es, in der wir uns gegenseitig instrumentalisieren und deshalb fremd bleiben müssen.

Als Antwort auf diese Entfremdung beschreibt Buber eine in ihrem Zentrum zusammengehaltene Gemeinde, in der „die Beziehungen der Menschen zu ihrem wahren Du, die Radien, die von all den Ichpunkten zur Mitte ausgehn, einen Kreis schaffen.“ Er entwirft ein Ideal, und unschwer ist jenes Zentrum wiederzuerkennen, nach dessen Bindekraft er als Religionsphilosoph immer suchte.

Aber sie lässt sich nicht in Begriffen, sondern nur in Bildern vermitteln, in Figurationen von Kreisen und Radien und einer Mitte, in der das Göttliche wohnt. Ohne die Kunst seiner vom Expressionismus geprägten Sprache ist Bubers Philosophie nicht zu denken, und nicht zufällig hat er sich fast 50 Jahre lang bemüht, seiner Wahrheit in einer Sammlung von Geschichten Ausdruck zu geben.

Kritiker werfen Buber Verfälschung des Chassidismus vor

So ist auch sein großes Werk „Die Erzählungen der Chassidim“ (1949) entstanden, und der Zürcher Manesse-Verlag tut gut daran, sie mit einem informativen Nachwort des Judaisten Michael Brocke jetzt neu aufzulegen. Die jüdische Erweckungsbewegung, die im 18. Jahrhundert entstand, hatte ihn schon früh fasziniert. Die geschwundene Größe der Ahnen erkannte er noch in den spätgeborenen Enkeln, im „angeborenen Leuchten ihrer Stirn“. Es ist die Sprache der Begeisterung, in der er von ihnen erzählt, und Gelehrte wie Gershom Scholem warfen ihm deshalb vor, er habe das historische Phänomen des Chassidismus verfälscht.

Buber nahm ihre Kritik lächelnd hin. An das Schrifttum der Chassiden trat er nicht als Forscher heran und nicht als Übersetzer, der es deutschen Lesern vermittelte, sondern als Nacherzähler, der es bewusst auch umdichtete. Im Vorwort bezeichnet er seine Vorlagen als „ungefüge Masse fast ungeformten Materials“ und deutet an, dass die Erzählungen, die er uns vorlegt, sein eigenes Werk sind: „Bilder“ von Zaddikim, von begnadeten geistigen Führern, denen es vergönnt war, ihre Gemeinden um ein göttliches Zentrum zu einen.

Baalschemtow entging der Sünde - im Gegensatz zu Adam

Es sind Erzählungen von einer idealen Welt, wie er sie in „Ich und Du“ philosophisch begründet. Buber weiß, dass in unserer noch unerlösten Welt auch die Gnade der Zaddikim befristet war, und in der langen Einleitung beklagt er den Niedergang, den der Chassidismus später genommen hat. Aber er hält die Augenblicke einer Größe fest, die uns als Wegweiser dienen mögen, und auch hier, wie in allen religiösen Bewegungen, steht der größte dieser Augenblicke am Anfang.

Der Gründer des Chassidismus, Israel Ben Elieser von Mesbiž (1700–1760), wurde Baalschemtow genannt, der Herr des guten Namens: des Gottesnamens, mit dem er die Welt für eine Weile ins Lot brachte. Er soll ein einfacher Mann gewesen sein, der sich erst spät als Berufener offenbarte, und viele Legenden ranken um ihn. Doch schon die erste, mit der Martin Buber sein Buch eröffnet, enthält alles bereits im Kern. „Es heißt, die Seele des Baalschemtow sei einst, als alle Seelen in der Adams versammelt waren, in der Stunde, da er am Baum der Erkenntnis stand, geflohen und habe nicht von der Frucht des Baums gegessen.“

Adam, der paradiesische Urmensch, enthielt alle Menschenseelen in sich. Dieses Motiv der jüdischen Mystik, der Kabbala, verknüpft sich hier mit der chassidischen Legende: Nur Baalschemtow entging dem Sündenfall, nur er blieb eine reine Seele, in der die Erlösung ihr Zeichen setzt.

Martin Buber: Die Erzählungen der Chassidim. Neuausgabe mit Register und Glossar. Nachwort von Michael Brocke. Manesse Verlag, Zürich/München 2014. 784 Seiten, 29,95 €.

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