Kultur : Die Euphorie des Anfangs

Panorama der Berliner Nachkriegsgeschichte: Eine Ausstellung feiert die Fotografin Eva Kemlein

Christian Schröder

Der Artist in der Himmelskuppel: furchtlos. Über halb zerstörte Stufen ist er fast bis zur Spitze des Funkturms hinaufgeklettert, seine Hände umklammern einen Stahlträger, mutig hat er Schwung genommen. Nun steht er Kopf. Unter ihm klafft ein Abgrund von 120, 130 Metern. Im Hintergrund die Hallen des Messegeländes und zerbombte Wohnhäuser. Auf der Rückseite ihres Bildes hat die Fotografin notiert: „Der Artist Bert Holt. Nach einem Auftritt im Friedrichstadtpalast ein Solo für die Kamera.“ Berlin 1947. Die Stadt liegt noch in Trümmern, aber längst hat ein neuer Alltag begonnen. Ein schwindelerregender Moment.

Für Eva Kemlein war der April 1945, in dem die Rote Armee Berlin eroberte, buchstäblich das Datum einer Befreiung. Die Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie aus Charlottenburg hatte die letzten drei Jahre des Krieges gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Schauspieler Werner Stein, in wechselnden Verstecken überlebt. Bis zum Berufsverbot für jüdische Journalisten 1935 hatte sie als Bildreporterin gearbeitet. Ihre Leica-Kamera konnte sie durch die Illegalität retten. Russische Offiziere schenkten ihr ein Fahrrad, darauf fuhr Kemlein durch die Stadt und fotografierte, was ihr auffiel. „Es ist fast unbeschreiblich, mit welchen Gefühlen man nach den Jahren der Illegalität wieder an die Arbeit heranging“, erzählte sie später. „Man war frei. Man durfte wieder da sein und sich zeigen.“ Als am 21. Mai 1945 die erste Ausgabe der von den Sowjets lizenzierten „Berliner Zeitung“ erschien, enthielt das Blatt ein Bild von Kemlein. Es zeigte einen Zeitungsverkäufer mit umgebundener „BZ“-Händlerschürze. Die Initialien standen zwar eigentlich für die „BZ am Mittag“ der Vorkriegszeit, passten aber auch zum Neuanfang.

Eva Kemlein, die im vergangenen August kurz nach ihrem 95. Geburtstag gestorben ist, war eine hochproduktive Fotografin. Zu ihrem Nachlass, den das Berliner Stadtmuseum noch zu ihren Lebzeiten übernommen hatte, gehören rund 300 000 Aufnahmen. Eine aus 300 Fotos bestehende Auswahl dieses Schatzes präsentiert das Museum nun im Kunstforum der Volksbank. Es ist ein beeindruckendes Panorama der Berliner Nachkriegsgeschichte. Kemlein war eine Grenzgängerin. Die überzeugte Kommunistin lebte in der Künstlerkolonie am Ludwig-Barnay-Platz in Wilmersdorf, arbeitete aber hauptsächlich im Ostteil der Stadt. Über den Schauspieler Ernst Busch, ihren Nachbarn in Wilmersdorf, kam sie in Kontakt mit Bert Brecht. Die Modellinszenierungen seiner Stücke am Berliner Ensemble wurden für die Fotografin zu einer Art Erweckungserlebnis. Zu seinen Proben, erinnerte sie sich, sei sie gegangen „wie zum Kirchgang“. Eine Festanstellung bei einer Fotoagentur gab sie 1950 auf, um als freie Theaterfotografin zu arbeiten. Fortan sollte es kaum eine Inszenierung an einer Ostberliner Bühne geben, die nicht von Kemlein dokumentiert wurde. Auch in den Westberliner Theatern hat sie fotografiert, allerdings nur sporadisch. Ihre letzte Arbeit: Fotos von Robert Wilsons „Caligari“-Version am Deutschen Theater von 2002.

Fünfzig Jahre Berliner Theatergeschichte. Helene Weigel marschiert als „Mutter Courage“ neben ihrem mit Stiefeln behängten Planwagen über die Bühne des Berliner Ensembles (1949). Der junge Heiner Müller steckt sich bei der Probenarbeit eine Zigarette an, ein spitzgesichtiger Intellektueller mit Schmetterlingsbrille (1958). Corinna Kirchhof und Edith Clever in der kunstsonnendurchfluteten Holzgutshauspracht von Peter Steins „Drei Schwestern“ an der Schaubühne (1984). Corinna Harfouch, kahlrasiert und in Naziuniform, reitet auf einem Holzpferd durch Frank Castorfs Volksbühnen-Groteske „Des Teufels General“ (1996). Kemleins Fotos, technisch nicht immer brilliant, zeigen die Theaterszenen in strengem Schwarz-Weiß. Viele Aufführungen, die sie festgehalten hat, gelten als Höhepunkte der Berliner Bühnenkunst. Aber es sind die Dokumente einer vergänglichen Kunst, wirklich interessant nur für Eingeweihte.

Die Entdeckung dieser Ausstellung sind Kemleins Reportagen aus dem Trümmer-Berlin. In den Innenstadtbezirken war im Bombenkrieg mehr als die Hälfte aller Gebäude zerstört worden. Auf jeden Einwohner Berlins entfielen im Schnitt 30 Kubikmeter Trümmermasse. Kemlein zeigt die Mühsale, aber auch die Aufbruchseuphorie der Stunde Null. Trümmerfrauen bergen Backsteine aus Schutthalden, einige haben ihre Haare kunstvoll hochgesteckt und tragen Sonnenbrillen, sie trotzen der Tristesse mit modischer Eleganz. In einem Hinterhof warten Stahlhelme darauf, zu Kochtöpfen verarbeitet zu werden. Vor der Siegessäule im Tiergarten wird Gemüse angebaut. Jugendliche prahlen mit den Ami-Zigaretten, die sie auf dem Schwarzmarkt ergattert haben. Rasender Lebenshunger, ein panisches Idyll.

Eva Kemlein führte ein abenteuerliches Leben. Mit ihrem Ehemann, von dem sie sich später trennte, fuhr sie 1933 auf dem Motorrad nach Griechenland und blieb vier Jahre dort. Im Krieg verteilte sie unter Lebensgefahr antifaschistische Flugblätter. In der Ausstellung ist ein Film zu sehen, der sie mit 91 Jahren beim Interview in ihrer Wohnung zeigt. Sie trinkt Kaffee aus Bollhagen-Geschirr und raucht „Club“-Zigaretten mit einer Zigarettenspitze. Ihren Cockerspaniel hat sie, eine Erinnerung an Griechenland, „Ouzo“ getauft.

„Eva Kemlein – Ein Leben mit der Kamera“, Kunstforum der Volksbank, Budapester Str. 35, bis 3. April, tgl. 10–18 Uhr.

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