Kultur : Die europäische Lüge

Heute erhält der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Eine Hommage

Richard Chaim Schneider

Wir waren verabredet, um miteinander ein halbstündiges Fernsehinterview zu machen. Eine Aufzeichnung, in „Echtzeit“. Das heißt, nichts wird geschnitten. Eigentlich Routine. Aber der Tag unseres Interviews war der 12. September 2001.

Wie fast alle Menschen standen auch wir unter dem Schock des Anschlags auf die Twin Towers. Genau 24 Stunden danach sollte Peter Esterházy über sein opus magnum sprechen, das gerade in Deutschland erschienen war: „Harmonia Caelestis“, ein 921 Seiten dicker Roman über die Familie des Schriftstellers, die vielleicht berühmteste, einst reichste Adelsfamilie Mittelosteuropas. Esterházy, der Name ein Synonym für Ungarn und Symbol für ein Stück europäischer Geschichte. Und obwohl uns beiden an jenem 12. September so gar nicht der Sinn nach einem Interview stand, wurde das Gespräch vor den Kameras spannend, vielleicht sogar exemplarisch.

Denn dieses in jenem Augenblick vermeintlich nur anachronistische Interview über Werden und Vergehen der Esterházys durch die Zeitläufte der Alten Welt entpuppte sich als Beschwörung einer Ära, die mit dem Einsturz der beiden Türme in der Neuen Welt noch einmal vergangen war. Ein Zurück gab es ja schon seit dem Zweiten Weltkrieg und dem Kommunismus nicht mehr. Nun aber schien es so, als gäbe es auch kein optimistisches „Weiter“ mehr.

Das monströse Attentat in New York hatte schlagartig auch die Zeitläufte in Budapest und Wien und Berlin umgeknickt, umgeleitet. Hatte der Kommunismus dafür gesorgt, dass Peter Esterházy nicht mehr in den Genuss des sagenhaften Vermögens seiner Familie kam, so verwandelte der islamistische Terror das Gespräch über einstige Größe der abendländischen Kultur zwischen Karpaten und Alpen, durch den Namen Esterházy kongenial verkörpert, in eine besondere Geisterfahrt. Größe und Fall.

Jedenfalls hatte Peter Esterházy, der morgen in friedloser Zeit in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält, sein grandioses Werk im richtigen Augenblick veröffentlicht, diese Beschwörung von Sein und Zeit ungarisch-österreichischer Weltbedeutung: in „Harmonia Caelestis“ in der Figur seines Vaters verdichtet. Jeden männlichen Esterházy nennt der Dichter „Mein Vater“.

Eine Hommage an den leiblichen, echten Vater und zugleich ein wunderbar simpler Trick, Ereignisse und Menschen aus mehreren Jahrhunderten durcheinander zu wirbeln und zusammenfallen zu lassen – die „Harmonie des Himmels“ kennt keine Schranken des Realismus und schon gar nicht die des sozialistischen Realismus, der die Realität, die Wahrheit, um die es Esterházy stets geht, letztendlich sowieso nicht adäquat widerspiegeln könnte. Der Autor spielt also mit Zeit und Raum, mit Personen und Begebenheiten, ganz wie es ihm beliebt. Und natürlich, wie so oft schon in früheren Romanen, überträgt er dieses inhaltliche Spiel in die textliche Ebene mittels der „Intertextualität“, wie Philologen das willentliche und spielerische Klauen und Benutzen von Texten anderer Schriftsteller nennen.

Warum auch nicht? So vieles, was vor „Harmonia Caelestis“ geschrieben wurde, war ebenfalls Teil der europäischen Kultur. Um nichts anderes als die Verschmelzung und Verdichtung geht es in dem Roman, an dem Esterházy zehn Jahre seines Lebens gearbeitet hat. Diese Technik, die der freundliche Ungar mit der schulterlangen, mittlerweile ergrauten Mähne mit Freude anwendet, zeichnet ihn gewiss als „postmodernen“ Autor aus. Ob er sich selber so sieht? Es ist ihm wohl egal.

Über seine Literatur darf man spekulieren, sich sogar lustig machen, über seine Fußball-Leidenschaft auf keinen Fall. Denn Fußball ist sein Leben, das Leben schlechthin. Sein Bruder Márton war Nationalspieler und nahm 1986 an der WM teil, Peter dagegen ist nur Amateur, aber nicht weniger passioniert. Auf meine abschließende Frage, was er nach der Fertigstellung von „Harmonia Cafétiers“ machen werde, ob es schon ein neues Projekt gebe, antwortete Esterházy, wie beinahe nicht anders zu erwarten, dass er ab jetzt wahrscheinlich nur noch Fußball spielen werde. Das amüsante Ende eines Interviews am Tag Eins nach dem Anschlag von Osama bin Laden. Und hatte er denn nicht Recht? Was sollte man als Autor sonst tun in einer Welt, wo die irrsinnigsten Fantasien plötzlich Wirklichkeit geworden sind. Vielleicht war es die einzig richtige Antwort eines Autors an jenem 12. September 2001. Nicht mehr schreiben, denken, nur noch spielen.

Doch nur ein Jahr später war klar, dass Esterházy nicht so sehr an Fußball dachte, im Gegenteil, er hatte zum Zeitpunkt unseres Gesprächs längst gewusst, was er machte: Denn schon hatte er wieder geschrieben. Über die Lüge. Die Lebenslüge seines Vaters. Die „Verbesserte Ausgabe“ der „Himmlischen Harmonie“ war in Ungarn und kurz danach auch bei uns erschienen. Sein Vater, der stolze Mann, der als erster Adeliger des Geschlechts derer von Esterházy mit der Enteignung, mit dem völligen Verlust von Ansehen, Reichtum, Macht und Besitz klarkommen musste, der Mann, der vom kommunistischen Regime zusammen mit seiner Familie aus Budapest in ein Provinzkaff verbannt worden war, der Mann, der scheinbar ungebrochen durch die Zeit des Roten Terrors schritt – er war nichts als ein willfähriger Stasi-Spitzel gewesen.

Sohn Peter hatte die Akte des Vaters in die Hände bekommen, als er die letzten Seiten seines Riesenbuchs schrieb. Welch ein Schicksal für einen Schriftsteller. Nicht genug, den Vater als Lügner entlarven zu müssen, das wichtigste eigene Werk wurde so unfreiwillig ebenfalls zur Lüge. Der Roman, dieses Panoptikum europäischer Geschichte, das Peter geschaffen hatte, war in einem kurzen Augenblick wie eine Seifenblase geplatzt. Das machte den Text nicht weniger meisterhaft, aber er war eben auch – eine europäische Lüge. „Mein Vater“ war nicht der Vater, den Peter gemeint hatte, den er konstruiert hatte als ein Derivat aus allen Esterházy-Vätern, als die Idee eines Vaters schlechthin.

Peter Esterházys wahres Lebensthema: Nicht die Geschichte seiner Familie, sondern die ewige Aufdeckung der Lüge, des Scheins. Der Lüge im Reich des Roten Sterns, wie in seinen früheren Werken „Kleine ungarische Pornographie“ (1984), „Das Buch Hrabals“ (1990) oder auch schlicht die Lüge in der Politik ganz allgemein wie in „Donau abwärts“ (1991). Bis hin zur Lüge des Vaters.

Es ist auch die Lüge, mit der dieser Kontinent das 20.Jahrhundert zum grausamsten der Menschheitsgeschichte gemacht hat. Peter Esterházy, 1950 genau in der Jahrhundertmitte geboren, ist so der Chronist dieser Lüge geworden, vielleicht der beste, den es unter den jüngeren Autoren Europas gibt, sicherlich der mutigste, das ist seit der „Verbesserten Ausgabe“ gewiss. Peter Esterházy reißt diesem Kontinent die lügenhafte Maske herunter und er tut dies mit Ironie und Wärme, mit Trauer und Belustigung und einer mitfühlenden, zugleich ausreichend distanzierten Menschlichkeit, die seine Texte so angenehm unpathetisch machen und den Leser doch immer wieder erschreckt über die Schrecken innehalten lässt. Heute erhält der Ungar den Friedenspreis wenige Monate nach dem Beitritt seines Landes und weiterer neun osteuropäischer Staaten in die EU. Ab nun gilt es, die europäische Lüge gemeinsam zu bekämpfen. Dieser Friedenspreisträger hat uns allen gezeigt, wie das geht.

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