Die Europäische Union auf der Bühne : Frau Petschmann und das Parlament

Die EU gilt vielen immer noch als bürokratisches Monster, nicht als Errungenschaft. Katja Hensel will das ändern - mit politischem Theater. In „EU Only Live Twice“ spielt sie selbst mit.

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Dramatikerin mit Idealismus. Katrin Hensel recherchierte in Straßburg und Brüssel für ihre neue Inszenierung, die im Heimathafen Neukölln Premiere hat.
Dramatikerin mit Idealismus. Katrin Hensel recherchierte in Straßburg und Brüssel für ihre neue Inszenierung, die im Heimathafen...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Dienstag Eröffnung der norddeutschen Tanztheatertage, nachmittags Kaffee und Kuchen in der Kulturscheune Hummelmoor. Mittwoch Richtfest der Europaschule, abends Kartoffelschmaus im Rathauskeller“. Ein Terminkalender, den man seinem ärgsten Feind nicht wünschen würde. Alltag für die Europa-Abgeordnete Katrin Petschmann. Das Bizarre ist: Die Frau brennt trotzdem für ihren Job. Sie sitzt im Ausschuss für Kultur und Bildung und glaubt ernsthaft an die Sprechblase, „dass es die Kultur ist, die uns Europäern eine gemeinsame Identität gibt“.

Eine sehr ungewöhnliche Theaterheldin, diese Frau Petschmann. Protagonistin des Stücks „EU Only Live Twice“, das jetzt am Heimathafen Berliner Premiere feiert. Allein der Begriff EU hat schließlich auf einen Großteil der Bevölkerung schwer sedierende Wirkung. Die Berliner Schauspielerin, Regisseurin und Dramatikerin Katja Hensel kann das nachvollziehen. Was in Brüssel und Straßburg passiert, ist weit weg, wenig sexy und komplex. Aber bei ihr löst das Trotz aus: „Mich nervt es, wenn ich die Vorgänge nicht verstehe“, sagt sie. Und außerdem: „Populistische Parteien, die immer mehr das Ruder übernehmen, haben nur dann eine Chance, wenn wir alle nichts wissen“.

Also versucht Hensel „für die EU zu interessieren und zu sensibilisieren“. Zu vermitteln, dass die Beschäftigung mit dem vermeintlichen bürokratischen Monster Spaß machen kann. Dass man es sich mit Sprüchen wie „Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa“ zu bequem macht. Vor sieben Jahren schrieb die gebürtige Hamburgerin ihr erstes Stück zum Thema. „Wie Europa gelingt. Eine EU-Familienaufstellung“. Unter Anleitung einer Therapeutin kommen darin die Mitgliedsstaaten auf die Couch. Estland zum Beispiel, das seinen Platz in der Gemeinschaft noch nicht gefunden hat und mit der Herkunftsfamilie Sowjetunion hadert. Hensels Inszenierung – mit ihr selbst in der Rolle der Psychologin – tourt noch heute. Vorstellungen fanden im Roten Rathaus statt, im Europäischen Haus Unter den Linden (wo man vorab „das Drehbuch“ sehen wollte und einige „Änderungen“ vorschlug). Oder im alten Bundestag in Bonn, „wo ich auf Rita Süßmuths ehemaligem Platz saß und vor Ehrfurcht fast erstarrt bin“, wie Hensel ironiefrei berichtet.

Die Idee kam ihr, als eine EU-Parlamentarierin zehn MInuten über Zahncreme sprach

Den Anstoß zu „Wie Europa gelingt“ gab eine französische Regisseurin, mit der Hensel das Stück „Welche Droge passt zu mir?“ ihres Bruders Kai probte. Ein furioser Monolog über die chemische Selbstermächtigung einer gestressten Mutter. Damals lag gerade die EU-Verfassung auf Eis, die Französin war über alles auf dem Laufenden, Katja Hensel wusste nichts, und das wurmte sie. Also wühlte sie sich in die Materie.

Auch „EU Only Live Twice“ wurde durch eine persönliche Begegnung angestoßen. Vor einem Gastspiel der „EU-Familienaufstellung“ in Hannover hielt eine EU-Parlamentarierin eine Rede. „Sie hat ungelogen zehn Minuten über die europäisierte Zahncreme gesprochen“, erzählt die Dramatikerin kopfschüttelnd. Welche Inhaltsstoffe vorkommen müssen, welche verboten sind. Und das im guten Glauben, ein besonders anschauliches Beispiel zu geben. Die Zuschauer schliefen natürlich reihenweise ein. Im Gespräch nach der Vorstellung merkte Hensel aber, „was für einen Idealismus diese Frau besitzt. Weshalb sie in die Politik gegangen ist“. Diese merkwürdige Kluft zwischen Anspruch und Realität reizte sie. Die Halbwertzeit des Idealismus sei schließlich auch in anderen Berufen allzu kurz. Wie zum Beispiel in der Schauspielerei. Da müsse man auch aufpassen, am Ende nicht schon zufrieden damit zu sein, zwei Leute zu erreichen oder einen Werbespot für Tütensuppen drehen zu dürfen.

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