Kultur : Die Ewigkeit kann warten - Maike Wetzel inszeniert Schnappschüsse aus dem Alltag

Iris Alanyali

Auf dem Buchumschlag leuchtet ein wunderschönes Foto. Rote Rosenknospen, dicht an dicht, in warmen, satten Farben. Jede Ader der Blüten ist zu sehen, jede Verfärbung eines Blattes, als stünde die Kamera kurz davor, tief in den Strauß einzutauchen. Und dann dieser Titel, "Hochzeiten"...

Natürlich ist so ein Rosenstrauß viel zu schön, um wahr zu sein. Vor allem, wenn er ein Stück deutsche Gegenwartsliteratur ziert. Geschrieben von einer Frau, einer sehr jungen Frau. Und dann auch noch Erzählungen. Dann wird es ernst. Aber ernst heißt nicht schwer. Ernst heißt auch nicht humorlos. Ernst heißt, dass romantische weiße Hochzeitskleider mit Schleppe sich über fettwülstige Taillen fast 60-jähriger Imbissstand-Verkäuferinnen stülpen; dass es die Mutter ist, die in der Titelgeschichte einen viel jüngeren marokkanischen Einwanderer heiratet, und dass der dicke Bauch seiner erwachsenen Stieftochter wahrscheinlich von ihm stammt, theoretisch aber auch ihrem verheirateten Geliebten oder der Samenbank zu verdanken sein könnte.

Maike Wetzel geht es nicht um die guten, sondern die schlechten Zeiten. Und geschieden wird schon lange vor dem Tod, die Ewigkeit ist eine Drohung. Liebe ist das, was ihre kantigen Paar- und Dreiecksgeschichten zusammenhält, am allerwenigsten. Faszination manchmal, Begierde oft, vor allem aber Klammern aus Angst vor dem Alleinsein. Um der Ordnung willen, um wenigstens für sich selbst einen Platz zu finden im verwirrenden Leben.

Gunnar zum Beispiel aus "Einmal Schweden", einer der schönsten Erzählungen, ist dafür der perfekte Mann: Er schreibt Bauanleitungen für ein schwedisches Möbelhaus, und in seinem Leben fügen sich alle Teile passgerecht zusammen. Jule hat ihn im Urlaub kennengelernt, und jetzt sitzen sie nebeneinander auf einem Felsen bei Västervik: "Sie kannte ihn nicht. Ihm war es egal. Er solle sie retten - bitteschön. Gunnar lächelte nachsichtig." Gunnar ist verheiratet, es ist eine Familie wie aus dem Ikea-Katalog. Zurück in Deutschland, tritt Jule auch eine Stelle bei dem Konzern an, lernt Schwedisch, besucht Gunnar und seine Familie in den Ferien. Jule versteht sich gut mit Gunnars Frau und streicht seinen flachsblonden Kindern über die Haare. Aber eine Geliebte ist in der Bauanleitung für eine Ikea-Familie nicht vorgesehen. Zurück in Deutschland, zwängt sich Jule zwischen die hohen Möbeltürme in der Abholhalle und zieht alle Anleitungen aus den Kartons.

Maike Wetzel ist 25 Jahre alt und kann seit einem Jahr vom Schreiben leben, "sehr bescheiden", wie sie der deutschen "Financial Times" erzählt hat. Seit sie 16 ist, nimmt sie erfolgreich an Literaturwettbewerben teil, ist inzwischen freie Mitarbeiterin von Tageszeitungen und Frauenzeitschriften. Jetzt hat der Fischer Verlag einige ihrer Erzählungen als Buch veröffentlicht. Ihnen merkt man an, dass die Autorin an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen studiert. Gestochen scharfe Bilder für Sehnsüchte und Emotionen, die in Worte gefasst die Banalität von Nachmittags-Talkshows hätten, sind Maike Wetzels Stärke. Inszenierten Schnappschüssen gleich legt ihr lakonischer Stil mit seinen komprimierten Sätzen das Poetische in den Dramen des Alltags frei.

In "Der König" wird dieses Verfahren auf die Spitze getrieben. Hier driftet die Beschreibung einer kaputten Familie durch die Perspektive des erzählenden Nachbarskindes ins Märchenhafte. Der saufende Lottomillionär wird zum König, seine Blumen liebende Tochter zur "Gärtnerin", und ein ungewöhnliches Haustier zum Fabelwesen. Wie im Märchen ersetzen Bildbeschreibungen jede Psychologisierung, aber anders als im Märchen öffnet sich hinter einer Vorstadtfassade ein unheimlicher Abgrund. Glücklich und zufrieden lebt in Maike Wetzels Erzählungen niemand. Dafür bleiben sie um so stärker im Gedächtnis haften. Es sind ja auch die Dornen tief im Strauß, die noch lange bluten lassen, während seine Blüten schnell verblassen.Maike Wetzel: Hochzeiten. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2000. 128 Seiten, 20 Mark.

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