Kultur : Die expressionistischen Szenen haben wir in Berlin gedreht

Durchbruch in Amerika: Regisseur Schwentke über selbstbewusste Helden und europäische Zweifel

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Herr Schwentke, wie kamen Sie nach Hollywood?

Als ich mich Ende der 80er dazu entschloss, Filme zu machen, lag der deutsche Film am Boden. Ich dachte mir: Geh nach Amerika, lerne, wie’s geht, und mache dann deutsche Filme. Nach „Tattoo“ und „Eierdiebe“ hatte ich allerdings Schwierigkeiten, meinen dritten Film hier finanziert zu bekommen.

Dann kam der Anruf von Disney?

Bei Disney war „Tattoo“ in privaten Screenings gezeigt worden. Als das Projekt, für das Disney mich eigentlich wollte, nicht zustande kam, drückte man mir das Drehbuch zu „Flightplan“ in die Hand. Das war damals noch eine ganz andere Geschichte: Es ging tatsächlich um Terroristen an Bord eines Flugzeugs. Aber seit dem 11. September kann man zwar Filme darüber machen, man darf das aber nicht ausbeuten. Ich habe insgesamt 12 Jahre in den Staaten gelebt. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesen kulturellen Raum verstehe, um mich an dieses sehr heikle amerikanische Thema heranzuwagen. Mein nächster Film „Runaway Train“ wird ähnlich sein. Danach freue ich mich wieder auf eine kleine deutsche Produktion.

Auch Mennan Yapo („Lautlos“) und Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) arbeiten gerade an ihren Hollywood-Debüts.

Das ist großartig. Es ist jetzt eine gute Zeit, um dort den Fuß in die Tür zu kriegen. Wenn die Zuschauer wegbleiben, beginnt in Hollywood immer die Suche nach frischem Blut. Viele Regisseure aus Europa und Südamerika haben gerade ihre ersten Filme abgeschlossen. Ich glaube aber auch, dass wir in einer langen Tradition stehen. Deutschland wird in Hollywood durchaus als sehr wichtiges Filmland gesehen. Preminger, Lang, Sirk, Stroheim, Sternberg – es ist interessant, wie sie die Genres benutzten und dass man den europäischen Flair in ihren Filmen immer noch erkennen kann.

Woran erkennt man den denn?

In Hollywood-Filmen von amerikanischen Regisseuren hat der Held ungebrochenen Einfluss auf die Umwelt. Das hat etwas mit dem amerikanischen Mythos der Gründerzeit zu tun, auch damit, wie sich Amerika jetzt gerne präsentiert. In vielen Filmen von Europäern dagegen wird die Idee des freien Willens sehr in Frage gestellt. Das widerspricht der amerikanischen Vorstellung vom starken Individuum.

Also haben Sie europäische Zweifel in „Flightplan“ eingeschmuggelt?

Ich bin nach Hollywood gegangen, um einen explizit amerikanischen Film zu drehen. Aber die zentrale Idee von der Welt als der Projektion eines inneren Zustands ist ein sehr expressionistisches Konzept. Expressionismus und Romantik sind zwei sehr deutsche Gattungen, und ich finde es schön, dass der eher „expressionistische“ Teil von „Flightplan“ tatsächlich in Berlin gedreht wurde.

Sie scheinen überhaupt sehr vom Atmosphärischen her zu denken.

Absolut. Ich komme ja eigentlich vom experimentellen Film! Als Achtjähriger fing ich mit Super-8 an. Was mich faszinierte, waren nicht Geschichten, sondern die Tatsache, dass man ein kleines Stück Zelluloid im Garten liegen lassen kann, in Regen und Kälte, dass man es nach einer Woche reinholt und diese kleinen abstrakten Bildchen so groß werden wie ein Haus. Auch danach bin ich eher mit Godard und Rivette groß geworden. Das narrative Kino habe ich relativ spät entdeckt. Ich war schon 22, als ich zum ersten Mal „E.T.“ gesehen habe!

Das Gespräch führte Sebastian Handke .

R. SCHWENTKE (37) stammt aus Stuttgart, für den Tatort „Bildersturm“ erhielt er 1998 den Grimme-Preis. Im Kino debütierte er mit dem Thriller „Tattoo“ (2002), Anfang 2004 folgte „Eierdiebe“.

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