Kultur : Die Fahrscheine, bitte!

Unterweltsicht: Der ungarische Film „Kontroll“ ist eine Liebeserklärung an die Budapester U-Bahn

Kerstin Decker

Den Ruf eines Filmlandes hat Ungarn nicht unbedingt, dabei kommen die verschrobensten Kino-Seltsamkeiten von dort. Der Langsamkeitsfilmer Béla Tarr sowieso, aber auch bemerkenswerte Debütanten. Vor zwei Jahren der ultimative Dorf-Geräusche-Film „Hukkle“ und nun mit „Kontroll“ der definitive U-Bahnfilm.

Womit sollen wir „Kontroll“ vergleichen? Es ist ein Thriller und doch kein Thriller, es ist Trash und doch kein Trash, es ist eine Komödie und doch keine Komödie, es ist eine Liebeserklärung an die Budapester U-Bahn und doch keine. Man könnte „Kontroll“ einfach erzählen, aber Filme, die zu 100 Prozent aus Kino bestehen, lassen sich nicht erzählen. Alles, was man sagen könnte, wird schon im Augenblick des Aussprechens schal. Nehmen wir mal diese geniale Anfangsszene: Junge Frau, leicht bekleidet, nicht mehr ganz nüchtern, fährt Rolltreppe in der Metro und versucht dabei eine Flasche Sekt zu öffnen. Mehr passiert nicht – und wie viele metrofahrende, nicht ganz nüchterne Frauen haben wir im Leben schon gesehen und sofort vergessen. Aber diese hier nicht.

Auch der Chef der Budapester U-Bahn, der zu Beginn erklärt, warum er diesem jungen Ungarn eine Dreherlaubnis für die Metro gegeben hat, obwohl so viele ihm davon abgeraten haben, werden wir nie vergessen. Bei der BVG wäre das nicht passiert, nicht mal bei der Deutschen Bahn. Und natürlich werden wir nie wieder in Budapest U-Bahn fahren wie früher.

Die Griechen haben die Unterwelt erfunden, denn sie kannten die U-Bahn noch nicht. Das ist auch eine Art Thanatos, ein Totenreich mit eigenen Gesetzen. In „Kontroll“ wird es niemals Tag und niemals Nacht. Nur manchmal fahren Bulcús Blicke mit den Rolltreppen hinauf und erreichen doch nie den Punkt, wo die Treppen enden. Bulcú (sanft-überlegener Melancholiker: Sándor Csány) hat sich irgendwann von der Erdoberfläche verabschiedet, um sich von dem Zwang zu befreien, immer der Beste sein zu müssen. Jetzt ist Bulcu U-Bahn-Kontrolleur, aber irgendwie schon wieder der Beste, weshalb er eine ganze Gruppe von Kontrolleuren anführt. Die Kontrolleur-Teams haben hier eher Bandencharakter, auch neigen sie zu lebensgefährlichen Rivalitätskämpfen. Aber eines eint sie alle: ihre Ohnmacht gegenüber dem unberechenbaren, selbstherrlichen Wesen, dem Fahrgast.

„Kontroll“ ist eine große Liebeserklärung an die Fahrscheinkontrolleure dieser Welt, nebenbei bringt es uns den Alltag der Metro-Zugführer näher und zeigt, welche Konzentration dazu gehört, den Zug genau an einer Station halten zu lassen und nicht etwa zwanzig Meter dahinter. Bulcús Lieblings-U-Bahn-Führer schafft das nicht immer. Außerdem muss Regisseur Nimród Antal, geboren in Los Angeles und keine zweiunddreißig Jahre alt, noch diese Reihe merkwürdigster U-Bahn-Suizide aufklären. Denn auch von der betrunkenen Blondine des Anfangs steht Sekunden später nur noch eine rote Sandalette auf dem Bahnsteig. Oder war das gar kein Suizid?

In Berlin in den Kinos Balazs, Karli, Kosmos, UCI Kinowelt Le Prom

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