Kultur : Die Fallstricke der nationalen Apologie

Heinrich August Winkler

Mit dem Gefühl ist es wie mit dem Geschmack: Man kann darüber kaum streiten. Martin Walser hat seine Berliner Rede am 8. Mai im Willy-Brandt-Haus (Tagesspiegel vom 10. 5.) unter den Titel "Über ein Geschichtsgefühl" gestellt, und er hat auch gesagt, was es mit diesem Gefühl auf sich hat: "Mein Geschichtsgefühl, Deutschland betreffend, ist der Bestand aller Erfahrungen, die ich mit Deutschland gemacht habe." Als er über die deutsche Geschichte sprach, berief sich Walser dann aber kaum noch auf sein Gefühl. Er stellte Tatsachenbehauptungen auf, zitierte wissenschaftliche Autoritäten und versuchte damit, eine bestimmte Geschichtsdeutung zu begründen. Darüber darf, darüber sollte gestritten werden.

Eine Behauptung Walsers lautet: "Der Zeitraum der Nationsbildung war das neunzehnte Jahrhundert. Überall in Europa." Ein bisschen anders war es schon. Die Nationsbildung hatte bereits im Mittelalter begonnen, auch die Entstehung von Nationalstaaten in Westeuropa fällt in jene Zeit. Das 19. Jahrhundert erlebte noch einige weitere Nationalstaatsgründungen, darunter die italienische und die deutsche. In Deutschland entwickelte sich im Gefolge des preussisch-österreichischen Krieges von 1866 und der Reichsgründung von 1871 aus der älteren Kulturnation eine "kleindeutsche" Staatsnation. Das ist die Nation, von der Walser spricht.

Auf eine wissenschaftliche Autorität verweist der Redner, wo es um 1914 und die Folgen geht: Golo Mann habe den Ersten Weltkrieg die "Mutterkatastrophe des Jahrhunderts" genannt. Im Prinzip ja, möchte man da mit Radio Eriwan einwerfen. Aber es war nicht der deutsche Historiker Golo Mann, sondern der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan, auf den dieses Verdikt zurückgeht. Und Kennan nannte den Ersten Weltkrieg auch nicht die "Mutterkatastrophe", sondern die "Urkatastrophe dieses Jahrhunderts" ("the great seminal catastrophe of this century"). Apropos "Mutterkatastrophe": Sollte Walser da an Saddam Husseins "Mutter aller Schlachten" gedacht haben?

Das vergiftete Klima der Republik

Die Mutterkatastrophenthese begründet Walser: "Ohne diesen Krieg kein Versailles, ohne Versailles kein Hitler, kein Weltkrieg Zwei, ohne Weltkrieg Zwei nichts von dem, was jetzt unser Bewusstsein oder unser Gefühl bestimmt, wenn wir an Deutschland denken." Darauf benennt er das für ihn wichtigste Glied der historischen Kette: "Ohne Versailles kein Hitler... Versailles ist nicht die einzige Ursache für 1933, aber dass Versailles auch eine der Ursachen ist für Hitlers Erfolg, darf man wohl sagen." Das darf man, wenn man Wert darauf legt, Türen einzurennen, die seit vielen Jahrzehnten offen stehen. Von den anderen "Ursachen für 1933" spricht Walser nicht - offenbar, weil sie ihm weniger wichtig sind. Vom Ersten Weltkrieg heißt es, er habe "Ursachen, die man aufzählen kann." Walser zählt sie nicht auf, und er musste das auch nicht. Eine Ursache hätte er freilich schon nennen dürfen: die Politik der deutschen Reichsleitung im Juli 1914. Immerhin hat Berlin die verbündete Habsburgermonarchie nach dem Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajevo in den Krieg mit Serbien förmlich hineingetrieben - wohl wissend, dass dieser Konflikt sich nicht isolieren lassen würde. Das ergibt noch keine deutsche Alleinschuld. Aber dass den beiden "Mittelmächten", dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, die Hauptverantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges zufällt, das "darf man wohl sagen". Walser sagt es nicht.

Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, forderten einige wenige mutige Aufklärer wie der Sozialdemokrat Eduard Bernstein, die besiegte Nation solle der Wahrheit die Ehre geben und den Anteil offen legen, den die Reichsleitung an der Entstehung des Krieges hatte. Eine Sammlung der wichtigsten Aktenstücke zum Kriegsausbruch lag der ersten parlamentarischen Mehrheitsregierung der Weimarer Republik, dem Koalitionskabinett des Sozialdemokraten Philipp Scheidemann, seit dem April 1919 vor. Reichspräsident Friedrich Ebert war für die Veröffentlichung, aber die Mehrheit der Minister wünschte keine Stunde der Wahrheit und vertagte die Angelegenheit.

Dass deutsche Ehrlichkeit die westlichen Siegermächte zu milderen Friedensbedingungen veranlasst hätte, ist eher unwahrscheinlich. Aber innenpolitisch hatte der Verzicht auf historische Aufklärung fatale Folgen. Der im Juni 1919 unterzeichnete Vertrag von Versailles mit seinen Gebietsabtretungen, militärischen Auflagen und Reparationslasten traf die Deutschen unvorbereitet. In Abwehr der harten, in vieler Hinsicht ungerechten und unvernünftigen Friedensbedingungen waren sich die meisten Deutschen einig. Die nationalistische Rechte verband ihre Kampagne gegen das "Diktat von Versailles" und die "Kriegsschuldlüge" der Allierten mit einer deutschen Kriegsunschuldlegende. Sie hat das politische Klima der Weimarer Republik ebenso vergiftet wie die Dolchstoßlegende, nach der das "im Felde unbesiegte" Heer durch Verrat der Heimat um die Früchte seines heldenhaften Kampfes gebracht worden war.

Der Hauptnutznießer der nationalistischen Vergiftung hieß Hitler. Dem Nationalsozialismus aber kam auch zustatten, dass Deutschland einen Prozess der ungleichzeitigen Demokratisierung durchlaufen hatte. Das allgemeine, gleiche Reichstagswahlrecht, wenn auch nur für Männer, kannten die Deutschen seit der Reichsgründung von 1871 (nördlich des Mains schon seit dem Norddeutschen Bund im Jahre 1867). Eine parlamentarisch verantwortliche Regierung erhielt Deutschland jedoch erst im Herbst 1918 im Gefolge der militärischen Niederlage.

Darin lag die schwerste aller Vorbelastungen der Weimarer Republik. Als die parlamentarische Demokratie 1930 gescheitert und durch ein halbautoritäres Präsidialsystem ersetzt worden war, bekam Hitler die einzigartige Chance, an beides zu appellieren: an das verbreitete Ressentiment gegenüber der Demokratie und an den seit Bismarcks Zeiten verbrieften Anspruch des Volkes auf politische Teilhabe in Gestalt des allgemeinen Wahlrechts, das von den Präsidialregierungen um seine politische Wirkung gebracht wurde. Hitler nutzte seine Chance, und wenn er auch nicht nur auf Grund seiner Wahlerfolge seit 1930 dann Reichskanzler wurde, so wäre er doch ohne sie nicht an die Macht gelangt.

Ein Geschichtsklitterungsgefühl

Kann man über 1933 sprechen, ohne auf die Vorbelastungen des deutschen Verhältnisses zur westlichen Demokratie einzugehen? Kann man die deutsche Geschichte so erzählen, dass der deutsche Nationalismus als Folge des Vertrages von Versailles erscheint? Kann man in diesem Zusammenhang jeden Hinweis darauf unterlassen, dass der deutsche Nationalismus nach 1918 sich nicht mit der Forderung nach einer Revision des Friedensvertrages begnügte, sondern für "das Reich" den Anspruch erhob, es sei von jeher etwas anderes und mehr gewesen als ein gewöhnlicher Nationalstaat und darum zur Führung Europas berufen? Kann man von der Verantwortung der alten Eliten und des gebildeten Deutschland schweigen, wenn es darum geht, tiefere Ursachen der "deutschen Katastrophe" zu benennen?

Man kann, wie der Fall Walser zeigt. Vielleicht muss man es sogar, wenn man zu den Schlussfolgerungen des Schriftstellers gelangen will. Der Zweite Weltkrieg, so hören wir, sei der letzte Krieg gewesen, "den diese Nation angezettelt" habe. Kein Einspruch. Doch dann fährt Walser fort: "Aber die Anzettelung hat eben nicht im Januar 1933 begonnen, sondern viel früher. Unter anderem eben durch die Mutterkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg. Und wenn auch das Entsetzlichste, wozu es kommen kann, erkennbar wird als eine Folge, die aus erkennbaren Ursachen stammt, dann ist mehr getan, als wenn man einer Gesellschaft die Schuld als etwas Absolutes einbläut."

Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust als Folge des Ersten Weltkriegs, dessen Ursachen im Dunkeln bleiben: Walsers "Geschichtsgefühl" führt ihn dorthin, wo man an deutschen Biertischen und Schulen schon in den fünfziger Jahren war. In der Zwischenzeit hat es ein paar historische Erkenntnisse und öffentliche Debatten gegeben, die an diesem Autor aber offenbar spurlos vorüber gegangen sind. Sein "Geschichtsgefühl" bewahrt ihn davor, zur Kenntnis zu nehmen, was seine Grundüberzeugungen erschüttern könnte. Walser will einer Kollektivschuldthese entgegentreten, die kaum noch jemand vertritt, er weicht beharrlich der Frage aus, auf die alles ankommt: der Frage nach der Verantwortung für 1933 und alles, was daraus hervorging.

Nein, ein Verharmloser Hitlers und ein Antisemit ist Walser nicht. Er war es auch 1998 nicht, als er seine Rede in der Paulskirche hielt. Auschwitz treibt ihn um wie vielleicht keinen anderen deutschen Schriftsteller. Doch sein "Geschichtsgefühl" zieht ihn in die falsche Richtung. Er will die eigene Nation entlasten und belastet andere. Die Anderen sind jene, die für Versailles verantwortlich sind. Deutschland gehört nicht dazu. Es war vielmehr das Opfer des Friedensvertrages von 1919. Das ist der Kern der Botschaft. Sie nicht nationalapologetisch zu nennen, heißt nicht verstehen zu wollen, worum es Walser geht. Dies ist ein Flugblatt der SPD zu den Reichstagswahlen 1920, nach dem Versailler Vertrag. Ein Fall für die historische Lupe, nicht für Martin Walsers Großscheinwerfer. Angeprangert wird hier: "Die bürgerlichen Rechtsparteien sind samt und sonders Antisemiten", die für ihre "Schandpolitik" Sündenböcke suchen müssten. Doch viele Antisemiten "sind mit Juden versippt", denn: "Der deutsche Mann kann keine Juden leiden, doch ihre Tochter nimmt er gern, hauptsächlich dann, wenn Geld dranhängt. Wähler, laßt euch nicht irreführen." Die Provokation des SPD-Flugblatts aber spielt selbst mit dem Ressentiment - und zeigt deutsche Zustände und Seelenlagen, für die ein nebulöses "Geschichtsgefühl" nicht reicht. Aufbewahrt hatte das Dokument der Maler Otto Dix in einer Collage-Mappe.

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