Kultur : Die Fantasiemaschine

Die Branche feiert – aber was steckt hinter dem Glamour? Zur Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin

Jan Schulz-Ojala

Was für eine Woche für den deutschen Film! Da kommen gleich drei neue, sehenswerte Werke von Jungfilmern – Michael Hofmanns „Sophiiie!“, Marco Kreuzpaintners „Ganz und gar“ und Heike Schobers „Platzangst“ – in die Kinos; da zeigen die Verleiher der Presse nicht nur Benjamin Quabecks neuen Jugend-Film „Verschwende deine Jugend“ und, tja, auch den neuen „Werner – gekotzt wird später“, und nun auch noch, mit allem Wochenend-Glamour, der Deutsche Filmpreis: Keine Frage, dass dort quer durch alle Kategorien Wolfgang Beckers „Good Bye, Lenin!“ abräumen wird, der Kassenschlager des Jahres, auf den sich alle einigen können, Publikum und Kritiker, West und Ost, Groß und Klein – und hat der Film nicht auch noch den deutschen Marktanteil im ersten Quartal 2003 mit 21 Prozent auf den höchsten Erstquartalswert seit fünf Jahren gehievt, geradezu im Alleingang?

Aber ja, im Alleingang. Aber eben: im Alleingang. Die deutsche Kinobranche berauscht sich gern an Alleingängen wie Beckers Superüberraschungserfolg oder Caroline Links „Oscar“-Triumph, dem ersten deutschen seit 23 Jahren, oder auch an Superkreativwochen wie diesen, die in die große deutsche Filmfamilienfete münden. So verschafft sich das deutsche Kino immer wieder – im Vorjahr mit dem „Schuh des Manitu“ – die ultimative Alles-paletti-Stimmung, und das ist auch notwendig lustig so.

Dahinter aber grummelt es. Dahinter kommt, in Sachen Erfolgszahlen, lange gar nichts. Dahinter sorgen verkrustete Strukturen dafür, dass der deutsche Film, streng gepäppelt von den regionalen Filmförder-Großherzogtümern, thematisch verprovinzialisiert; dass er, am Gängelband der fast immer (ko-)produzierenden Fernsehanstalten, in den ästhetischen Postkartenmaßen des Heimkinos denkt; dass er, im Wege solch zweiseitig freundlicher Geiselnahme – Ausnahmen bestätigen die Regel –, international kaum eine Chance hat. Und auch dort, wo zumindest Bewegung in die Sache kommt, bei der Gründung einer Filmakademie und der Novellierung des Filmförderungsgesetzes, trügt der Schein: Das Kulturgut Film, mit dem alle wuchern wollen (und könnten, das Potenzial ist ja da), schreibt man gern in die Präambeln, aber nicht ins Kleingedruckte.

Großes Kino, große Gefühle

Tatsächlich: Ohne Wolfgang Becker, der sein universalistisches Melancholomelodram zur Deutschen Einheit stur über Jahre und durch chaotische Dreharbeiten verfolgt hat, und ohne Caroline Link, die in großen Kinobildern und großen Gefühlen denkt und dabei die Kitschtaste sehr subtil zu bedienen weiß, stünde der deutsche Film derzeit einigermaßen schrecklich da. Denn was tat sich denn sonst schon seit dem letzten Deutschen Filmpreis vor genau einem Jahr? Gerademal zwei fast gleichermaßen erfolgreiche Kinderfilme, „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Bibi Blocksberg“, hatten da an der Kinokasse gegen die US-Blockbuster überhaupt eine Chance. Und zusammen mit „Good Bye, Lenin!“ teilen sie sich rund zwei Drittel des ganzen deutschen Marktkuchens. Filme wie Doris Dörries „Nackt“, Andreas Dresens „Halbe Treppe“ oder auch Sandra Nettelbecks „Bella Martha“, der wie Links Oscar-Gewinner derzeit in den USA respektabel Karriere macht, haben in solchem Kontext fast nichts mehr verloren – übrigens auch in jenen „Besuchermillionärs“-Kategorien, in denen der deutsche Film auch noch Jahre nach dem Beziehungskomödienboom recht selbstbewusst zu denken pflegte.

Irgendwas Resignatives scheint da zwischen Machern und Publikum eingerissen zu sein. Wie kommt es sonst, dass so manche hoffnungsvollen Nachwuchsfilmer nach ihrem ersten und auch noch zweiten tollen Film heimlich in die TV-Zulieferindustrie hinüberwechseln? Dass sich bei Leuten wie Sönke Wortmann die Abstände zwischen den Filmen dehnen und ein Riesentalent wie Detlev Buck gar nicht mehr am Set erscheint, jedenfalls nicht hinter der Kamera? Das deutsche Kino werkelt so vor sich hin, sucht die kleinen Schauplätze und die kleinen Themen – und produziert damit zwar immer wieder überraschende, doch eben kleine Filme. So wie das stets mit im Boot sitzende Fernsehen ihnen die Totale abgewöhnt hat, jene Weite der Welt, die das Kino braucht und das Fernsehen nicht visualisieren kann, so wagen die Filmemacher viel zu selten den totalen Blick: das Wagnis, den Wahnsinn, das große notwendige Immernochmehr. Dabei käme doch nur so, im Übers-Ziel-Hinausschießen, die ganze Fantasiemaschine voran.

Natürlich gibt es solche Filmemacher – den Ekstatiker Oskar Roehler zum Beispiel oder den Radikalästheten Christian Petzold; und dass sie, mit der „Unberührbaren“ und der „Inneren Sicherheit“, in den letzten Jahren den Deutschen Filmpreis gewonnen haben, gehört zu den Sternstunden dieser Einrichtung. Solche Entscheidungen dürften genau das gefördert haben, was Günter Rohrbach in seinem nebenstehenden Plädoyer für die Gründung einer Filmakademie das Selbstbewusstsein der Branche nennt: Sie zeigen, dass es sich lohnt, unbequeme Wege zu gehen und dass man dafür, aus der für diesen Preis prächtig gefüllten Kulturschatulle des Bundes, auch belohnt wird. Und: So was schafft Vorbilder in dürftigen Zeiten.

Es mag durchaus sein, dass die Gründung dieser Filmakademie nach Oscar-Vorbild das Selbstbewusstsein der Branche stärkt (und es wäre ein Zeichen solchen Selbstbewusstseins gewesen, wenn sie sich in der nunmehr exakt ein Jahr dauernden Debatte ohne das Dauerschielen nach staatlichen Geldern schon mal gegründet hätte). Aber die Gründungsgewinnmitnahme jener drei Millionen Euro, die der Gesetzgeber ausdrücklich an die kulturelle staatliche Filmförderung des Bundes gebunden hat, verbietet sich nach wie vor. Bleiben wir ehrlich: Eine Akademie aus verdienten Ex-Preisträgern, die die derzeitige Jury ersetzt, mag zwar für die jeweiligen Branchen-Lolas bündige Vorschläge machen, aber die Kollektiv-Entscheidung über die allein mit sechsstelligen Preisgeldern dotierten Filme nivelliert zwangsläufig. Das Gängige gewinnt, das zeigt das Oscar-Vorbild. Zudem: Wohl kaum eines der überwiegend greisen Academy-Mitglieder sieht alle Filme, die ihnen da per Kassette ins Haus flattern, von der PR-Schlacht der mächtigsten Verleiher Wochen vor der Verleihung ganz zu schweigen.

Ein solcher wie auch immer lobby-gesteuerter Deutscher Filmpreis, finanziert mit staatlichen Geldern, bleibe uns erspart! Da hilft auch nicht, dass die arg hin und her gerissene Kulturstaatsministerin Christina Weiss sich soeben erneut öffentlich in die Vorstellung flüchtete, man könne ja auch zur Probe den Filmpreis gemeinsam ausrichten und sich notfalls wieder trennen. Im Gegenteil, solche Grundsatzfrage fordert von Anfang an taugliche Strukturen. Eine Möglichkeit: Die Deutsche Filmakademie, gegen die als Institution niemand etwas hat, gründet sich, zieht ihre Veranstaltung sponsorenfinanziert durch und vergibt ihre Lolas nach eigenem Gusto – und innerhalb dieser Veranstaltung hat das Ministerium weiterhin seinen publikumswirksamen Auftritt. Es fördert zum Beispiel drei von einer Jury ausgewählte Nachwuchsregisseure mit seinen Kulturmillionen, damit sie das Publikum mit einem neuen, mutigen Kinofilm beschenken mögen und dem Kino überhaupt erhalten bleiben – wäre das nicht der ultimative deutsch-amerikanische Filmspagat?

Das Fähnlein der Kultur

Ähnlich merkwürdig wie die Debatte um die Filmakademie kommt das hoch abstrakt erscheinende Filmförderungsgesetz (FFG) voran, das nächstes Jahr novelliert in Kraft treten soll. Auch hier wird mit dem Fähnlein Kultur gewunken und selbiges im aktuellen Entwurf gleich leise wieder eingerollt. Sinn der Novelle ist, der Filmförderanstalt (FFA), die grundsätzlich als Branchenreichtümerwiederausschüttungsmaschine dient, mehr Geld zukommen zu lassen. Das ist auf gutem Wege und dürfte die zahlende Branche freuen – nur die kulturelle Filmförderung in diesem Rahmen, ein Lieblingsprojekt von Ex-Kulturminister Nida-Rümelin, ist schon fast wieder gekippt.

Nicht 100000 Zuschauer, sondern 150000 braucht ein Film nun, um überhaupt in den Genuss der FFA-Gelder zu kommen; und das geplante Nida-Rümelinsche Punktesystem für Festivalteilnahmen wurde soeben zusätzlich an einen Kino-Erfolg von mindestens 50000 Zuschauern geknüpft. Innovative Projekte wie Oskar Roehlers „Der alte Affe Angst“ (35000) oder Andreas Dresens „Herr Wichmann von der CDU“ (25000) blieben da locker unter der Nachweisgrenze. Nein, Reformprojekte, die die besten Leute des deutschen Kinos nur zum Schein einladen, brauchen wir nicht. Dabei ist, mit neuer Filmakademie und Gesetzesnovelle, die Gelegenheit so günstig wie selten, dass der deutsche Film wieder etwas zu feiern bekommt, über sein heutiges Sommerfest hinaus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben