Kultur : Die Farbe allen Glaubens

BERNHARD SCHULZ

Die russisch-sowjetische Kunst der ersten Jahrzehnte unseres Jahrhunderts ist in den vergangenen zwanzig Jahren in einer derartigen Fülle im "Westen" gezeigt worden, daß es nicht mehr genügt, die bekannten kunsthistorischen Schubladenbegriffe zur Rechtfertigung weiterer Ausstellungen zu bemühen.Es muß schon ein Erkenntnisgewinn erwartet werden dürfen, zumal auch die Zahl spektakulärer Erstausleihungen russischer Museen geringer wird.Oder tut es zur Not auch ein bloß kulinarisches Arrangement?

Zwischen diesen beiden Polen schwankt das Urteil über die Ausstellung "Rot in der russischen Kunst", die jetzt auf ihrer dritten Station im Wuppertaler Von der Heydt-Museum angekommen ist.Es ist auch die dritte Version dieser Ausstellung.Konzipiert wurde sie am Russischen Museum in St.Petersburg, das es mit der geldbringenden Vermarktung seiner - nicht weniger als 400 000 Inventarnummern zählenden - Sammlung in den vergangenen Jahren zu bemerkenswerter Könnerschaft gebracht hat.So wurde das Unternehmen "Rot" im Hause selbst gezeigt, damals - vor bereits eindreiviertel Jahren - noch reichlich 400 Objekte umfassend, auch um das Interesse westlicher, zahlungskräftiger Übernehmer zu wecken.Ein solcher fand sich im allzeit rührigen Kunstforum der Bank Austria in Wien, das mangels eigener Bestände ohnehin die Mitfinanzierung von Übernahmen gewohnt ist.Die Ausstellung schrumpfte auf 160 Arbeiten, was - vergleicht man die beiden Kataloge - der Überzeugungskraft der Ausstellungsthese nur gut tat.Mit Wuppertal schließlich gesellt sich - wiederum nach mehrmonatiger Pause - ein weiterer Interessent hinzu.Beim Von der Heydt-Museum wird die abermalige Verknappung des Materials auf nur mehr 63 Arbeiten mit Platzproblemen begründet, damit aber die Stringenz der Ausstellung doch schon strapaziert.

Denn ohne eine gewisse Materialfülle kommt eine Ausstellung nicht aus, die die herausragende Bedeutung und Tradition der Farbe Rot über die gesamte russische Kunst hinweg behaupten will, und das heißt ja gerade einschließlich des Epochenbruchs der kommunistischen Revolution, mit der doch - landläufiger Meinung nach - alle Tradition abgeschnitten und in der Folge durch eine alle Lebensbereiche durchdringende Kultur sui generis ersetzt wurde.

Gerade so sei es eben nicht gewesen, behaupten die russischen Ausstellungsmacher, denen sich im Katalog eine Reihe westlicher Autoren anschließen.Die zentrale Stellung der Farbe Rot in der byzantinisch-orthodoxen Kunst und allgemein in der optischen Kultur Rußlands sei in einer für westliche Augen ganz ungewohnten Weise durch einen Bedeutungsgehalt begründet, der sich auf der sprachlichen Ebene in der nur dem Russischen eigenen Doppelbedeutung der Bezeichnung für diese spezielle Farbe, "krasnyj", für "rot" und zugleich "schön", ja darüber hinaus fallweise auch "gut", "wichtig" und "mächtig" widerspiegelt.Die bolschewistische Revolution hatte durch die Verwendung der Farbe Rot für die neue Staatsfahne, für die ungeheuer anwachsende Propaganda, ja endlich für alle mit Staat und Partei in Verbindung stehenden Symbole diese zentrale Rolle umgedeutet und neue Sinnschichten auf die überlieferten, seien es religiösen, seien es populären Bedeutungen gelegt.War Rot einst die Farbe der autokratischen Herrscher, so nun die der Partei; war es die des göttlichen Feuers oder der Erlösung, so nun die der kommunistischen Ideologie oder des immerwährenden Fortschritts; und war es in der Volkstradition die von Festlichkeit und Freude, so ließen sich diese Bedeutungen an das entsprechende Zuteilungsmonopol seitens des Regimes binden.

Zum Beleg dieser These haben die Organisatoren naturgemäß eine Bildergalerie in Rot aufgeboten.Rot leuchten die Ikonen, rot die Historienbilder des 19.Jahrhunderts, rot leuchten aber auch die Signalbilder der Avantgarde, und vom Kitsch der Stalinzeit ist ohnehin nichts als die Wiedergabe roter Parteidekorationen zu erwarten.Dazu gibt es einen nachgestellten "krasnyj ugol", die "schöne Ecke" des russischen Hauses mit den Ikonen und darunter dem Ehrenplatz für den Gast - und parallel dazu ein "schönes Eckchen", wie es später die Parteibüros bekamen, mit Funktionärsfotos und Fahnen.

Die Beweisführung der Organisatoren ist derart schlicht und schlagend, daß sie in den Fachrezensionen deutlich kritisiert wurde.Die Konzentration auf die Farbe Rot wurde als allzu beliebig abgetan.Die Wahrheit dürfte irgendwo in der Mitte liegen.Gewiß ist es ein riskantes Unterfangen, von der Allgegenwart der Propagandafarbe Rot auf die Kunst zurückzuschließen - von der Stalinzeit naheliegenderweise abgesehen.Blättert man durch repräsentative Kunstbücher (spät-)sowjetischer Zeiten, wird man eine herausragende Rolle, ja gar eine Dominanz roter Farbe nicht feststellen können.Insbesondere die Unterstellung, die frühsowjetische Moderne habe maßgeblichen Anteil an der Umdeutung von Rot zur Zentralfarbe des Kommunismus, bedeutet einen Trugschluß.Die frühe, vorsowjetische Avantgarde huldigte den Traditionen der Volkskunst gegen den westlichen Akademismus der Oberschicht, dies zum einen.Zum anderen zogen Malewitsch und die Suprematisten eine Linie zurück zu den Ikonen, um den nichtgegenständlichen Charakter ihrer eigenen Bilder polemisch zu betonen.Im übrigen darf daran erinnert werden, daß Rot als eine der Grundfarben naturgemäß eine bedeutende Rolle in der bildenden Kunst spielt - gleich welchen Landes.

Also doch nur Kulinarisches, lediglich um eine weitere Ausstellung zu rechtfertigen? Das gilt wohl für die allzu beliebig wirkenden Beispiele der Kunst des 19.Jahrhunderts.Doch ist es erhellend, Verbindungen zwischen den strengen und für westliche Augen fremdartigen Ikonen und den Bildern der Avantgarde sichtbar zu machen.An den Historienschinken der Stalinzeit - als der Realismus des 19.Jahrhunderts in höchstem Ansehen stand - springt wiederum nicht die Kontinuität, sondern der Bruch gegenüber der vorangehenden Moderne ins Auge.

Nimmt man die Wuppertaler Ausstellung in diesem abwägenden Sinne, so offeriert sie überraschende Belege für eine zumindest bedenkenswerte These - und eine ganze Reihe herausragender Gemälde, insbesondere die stattliche Anzahl derer von Malewitsch oder drei von dem hierzulande kaum bekannten Kusma Petrow-Wodkin, die einen Besuch auf jeden Fall lohnen.

Schade allerdings, daß das bei der Berliner Ausstellung "Berlin - Moskau" von 1995 gezeigte Gemälde Boris Kustodiews, "Bolschewik", nicht dabei sein kann (es gehört nicht dem Petersburger Leihgeber, sondern der Moskauer Tretjakow-Galerie).Da stapft der "Riese Proletariat" durch die mit wogender Menge gefüllten Straßen, freilich wie in einer zweiten, metaphysischen Ebene, ohne irgend etwas auch nur zu berühren, und hält in Händen eine endlos wehende rote Fahne: Treffender kann die Umdeutung christlicher Erlösungshoffnung unter Beibehaltung des wichtigen Attributs "Rot" kaum ausgedrückt werden.Das in Wuppertal gezeigte Gemälde desselben Malers hingegen, "Demonstration auf dem Urizkij-Platz zum Tag der Eröffnung des II.Kongresses der Komintern am 19.Juli 1920", macht schon in seinem ellenlangen Titel den auf genrehafte Detailtreue beschränkten Anspruch deutlich, dem auch die reichlich dargebotenen roten Fahnen nur mehr als Schmuckelemente dienen.

Eben diese dekorative Rolle der Farbe Rot sollte über aller Bedeutungssuche nicht aus dem Blick geraten, so fest auch das "schöne Rot" in die russische Tradition verwoben sein mag.

Wuppertal, Von der Heydt-Museum, Turmhof 8, bis 14.März.Katalog (Skira) 38 DM.

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