Die Farbe Schwarz : Politik und Pigmente

Obama, die Hoffnung, der Rassismus. Auch der US-Wahlkampf zeigt: Wenn es um die Hautfarbe geht, ist die Gegenwart noch in der Geschichte gefangen.

Christina Tilmann
Mohr
Kauft Schokolade. Der Sarotti-Mohr wurde 1918 erfunden. -Foto: imago

Im November könnte der erste schwarze Präsident der USA gewählt werden. Wird bald ein Traum wahr, der vom Ende des Rassismus? Barack Obama bleibt nichts anderes übrig, als solche Zuschreibungen zu bedienen oder zu ignorieren, je nach Publikum oder Thema. Und diese Zuschreibungen geschehen unweigerlich, wie im Fall Angela Merkel der Aspekt der „ersten Frau im deutschen Kanzleramt“ unvermeidlich war.

Einen potentiellen großen Staatsmann wie Obama ohne Hinweis auf die Farbe seiner Haut abzuhandeln – so weit ist die Geschichte offensichtlich noch nicht. Auch wenn aufgeklärten Köpfen längst bekannt ist, dass „schwarz“ oder „weiß“ als Kennzeichnung auf Konstruktionen beruht, die mit der prekären Biologisierung von Menschen ab dem 17. Jahrhundert, mit dem Kolonialismus des 18. und 19. Jahrhundert und den Rassismen des 20. Jahrhunderts verknüpft sind – Obamas „blackness“ fasziniert. In Europa wie in Amerika, wenn auch in unterschiedlicher Orchestrierung.

„Der Weiße ist in seinem Weißsein gefangen, in seiner Schwärze der Schwarze. (…) Unsere Arbeit gilt der Auflösung dieses hinfälligen Universums“ schrieb Frantz Fanon (1925 – 1961), der aus Martinique stammende Psychiater und Kolonialismuskritiker, der in Algerien praktizierte in seinem Klassiker „Schwarze Haut, weiße Masken“, der 1952 in Paris erschien. Dasselbe meinte Martin Luther King, als er hoffte, eines Tages werde „nicht die Farbe der Haut sondern der Inhalt des Charakters“ für das Urteil über Andere entscheidend sein.

Schwarz und Weiß. Das Dilemma beginnt schon im Kinderzimmer. Beim berühmt gewordenen „Doll Test” im Amerika der 1940er Jahre legte das Psychologenpaar Kenneth Bancroft Clark und Mamie Phipps Clark afro-amerikanischen Kindern im Alter zwischen drei und sieben schwarze und weiße Puppen vor, die sonst vollkommen gleich aussahen. Befragt, welche davon sie für „nett“ und „schön“ hielten, entschied sich die Mehrzahl der Kinder für die weißen Puppen. Ihr Empfinden, weniger wert zu sein, so schlossen die Forscher, entstand sehr früh durch „Vorurteile, Diskriminierung und Segregation“.

In unserem deutschen Kinderzimmer hatten alle Puppen Namen. Sie hießen Annalisa, Fridolin oder Britta. Nur eine kleine, dunkelbraune, die einen rot gehäkelten Pullover trug, nannten wir schlicht und zärtlich „Negerbaby“. Der Begriff trat an die Stelle eines Namens. Wie „Negerbaby“ in den sechziger Jahren in unser hessisches Dorf gelangt war, weiß keiner mehr. Wahrscheinlich war es das Geschenk von Freunden oder Verwandten, die den Horizont der Kinder erweitern wollten. Dem „Negerbaby“, das in einem heutigen Kindergarten „interkulturelle Handpuppe“ heißen würde, fiel indes keine andere Rolle zu, als „süß“ zu sein. In der Realität des deutschen Alltags gab es kaum Entsprechungen, „schwarz“ als anatomisches Merkmal blieb Fantasie, wie der 1918 erfundene Sarotti-Mohr mit seinem exotischen Turban.

Frappierend bleibt das Beispiel des Anfang der fünfziger Jahre gegründeten „Negerkinderheims“ in Wermelskirchen bei Wuppertal, für das Albert Schweitzer die Patenschaft übernommen hatte. Dort sollten auf Initiative von evangelisch inspirierten, sozial engagierten Bürgern unerwünschte, schwer integrierbare „ Mischlingskinder“ aus Verbindungen zwischen schwarzen GIs und weißen Fräuleins unterrichtet werden, mit Schwerpunkt auf Englisch und Französisch, um später als Missionare nach Afrika entsandt zu werden. Still und leise löste sich das Projekt nach wenigen Jahren wieder auf, etwas schamhaft womöglich.

Erst zu Beginn der siebziger Jahre, als die Architektur des Kolonialismus zusammenbrach und Amerikas Bürgerrechtsbewegung enorm an Boden gewonnen hatte, verschwanden „die Neger“ aus dem deutschen Sprachgebrauch. In Schulbüchern und Zeitungen machten sie den „Schwarzen“ Platz, die bei Intellektuellen schon vorher angesiedelt worden waren. Etwa in der Anthologie „Schwarzer Orpheus. Moderne Dichtung afrikanischer Völker beider Hemisphären“, die 1954 im Hanser Verlag erschien. Im rührenden Bemühen, möglichst nicht rassistisch zu sein und „den Anderen eine Stimme zu geben“ etc., versammelte der Band Lyrik aus „Afrika, den Antillen, Südamerika und Nordamerika“. Angeführt wurde der Reigen selbstverständlich von Leopold Sedar Sengor, dem senegalesischen Propheten des frühen Irrwegs der „Négritude“.

Von solchen Irrwegen glauben wir uns inzwischen fern, wenn wir bezaubert sind von Barack Obama und seinem Versprechen, „Change“ zu bringen. In den USA debattieren diverse Communities darüber, ob Obama, dessen Vater aus Kenia stammte und dessen Mutter eine Weiße aus Kansas war, „schwarz genug“ sei oder „zu schwarz“. Der Kultstatus genießende Princeton Professor für „African American Studies“, Cornel West, ruft seinem Publikum zu, dass er wissen möchte, woher „ Brother Barack“, den er „kritisch unterstützt“, seine finanziellen Ressourcen hat. „Ist es schwarzes Geld? Ist es weißes Geld? Ist es rotes Geld oder katholisches Geld oder jüdisches Geld?“ Anders funktioniert der Farben-Diskurs in Europa, insbesondere in Deutschland. Hier sind viele heimlich oder offen hingerissen, weil der Kandidat sich bereits äußerlich als das Andere (etwa von George W. Bush) präsentiert, ohne dass er überhaupt den Mund aufmachen müsste.

Alte Stereotypen sind inzwischen umgestülpt, die Dämonisierung des „Anderen“ ist dessen Idealisierung gewichen. Dass beide Positionen auf ihre je eigene Weise rassistisch sind, weiß man zwar vielleicht – frei davon sind wir alle nicht. Pikiert waren viele Amerikaner, als die „taz“ auf ihrer Titelseite das Weiße Haus als „Onkel Obamas Hütte“ feierte. Die „Frankfurter Rundschau“ bewunderte an Barack Obamas Berliner Rede weniger die politischen Inhalte als die schönen Zähne des Redners, sein „afrikanisches Lachen, temperamentvoll, tänzerisch, voll kindlicher Frische“. In der „Süddeutschen“ hießt es verbrämter, da „schält sich ein Mann aus dem weißen Jeep, der sich bewegt wie ein gutgelaunter, gut trainierter, wahnsinnig lockerer Basketballspieler. Und zwar die Sorte Spieler, die ungemein genau wissen, wie gut sie sind. (...) Schlaksig, groß, federleicht.“

Basketballspieler sind spätestens seit dem „Black Jesus“ und „The Pearl“ genannten legendären Amerikaner Earl Monroe in der Imagination „schwarz“. Die Betonung liegt auf einer attraktiven, erotisch besetzten Körperlichkeit – nicht anders als bei jener Boulevard-Reporterin, die im Fitnessraum des Hotels Adlon die Muskeln des Mannes Obama bestaunte, um aus ihren Eindrücken Schlagzeilen basteln zu lassen.

Ob Will Smith, der bestbezahlte Hollywood-Star, Denzel Washington, der als „Malcolm X“ vor der Kamera stand, Halle Berry als das erste schwarze Bond-Girl oder der Regisseur Spike Lee, der alle Dilemmata des Schwarz-Seins in Amerika thematisierte oder Toni Morrison mit ihrem Roman „Beloved“ – kein „Schwarzer“ wird in Deutschland aus dem Farb-Diskurs entlassen. Dessen Unterton scheint zu suggerieren: Obwohl er/sie dunkle Haut hat, „anders ist“ hat er/sie „es doch geschafft“. Gegen diese Volte würde kein Dekret helfen, sie ist vermutlich unvermeidbar als historisch notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zu einer Position, in der Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Erst dann wäre das „hinfällige Universum“, von dem Fanon sprach, de facto verabschiedet.

Einstweilen voranbringen kann uns das Vertiefen von Kenntnis, das Füllen massiver Erkenntnislücken, etwa anhand von Material, wie es die Sozialwissenschaftler Peter Martin und Christine Alonzo mit ihrem exzellenten Sammelband „Zwischen Charleston und Stechschritt. Schwarze im Nationalsozialismus“ präsentieren. Doch gegen den Rattenschwanz historisch tradierter Rassismen, den die Gesellschaft unbewusst mitschleppt, hilft, wie immer, nur Aufklärung – als politische Häutung.

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