Kultur : "Die Farben des Paradieses": Wo das Gute noch siegt

Susanna Nieder

Mohammad (Mohsen Ramezani) wartet. Die anderen Kinder sind schon längst abgeholt worden. Mohammad ist sanft und schmächtig und wartet so geduldig, dass es einem in der Seele wehtut. Als der Vater (Hossein Mahjoub) schließlich auftaucht, hat der Jammer nur ein vorläufiges Ende, denn wenn er könnte, würde er das Kind gar nicht über die Ferien mit in sein Bergdorf nehmen. Mohammad ist blind, ein Krüppel, ein Klotz am Bein.

"Die Farben des Paradieses" erzählt von einem Jungen, der seine Umwelt anders wahrnimmt als andere Menschen - mit den Händen, dem Gehör, mit geflüsterten Selbstgesprächen. Der Film handelt auch von einem verbitterten Mann, dem Allah so lange Schmerzen schickt, bis er versteht, worauf es ankommt im Leben - ein Gleichnis, eine moderne Hiob-Geschichte. Erzählt ist sie aus der Kinderperspektive, wo das Gute, wenn es siegt, die ganze Welt bis zum Himmel hinauf erfüllt. Wenn aber das Böse herrscht, dann so vollständig, dass nichts je wieder gut werden kann.

"In der Welt der Kinder kommt die Wahrheit viel klarer zum Ausdruck", sagt der iranische Regisseur Majid Majidi. Der letzte Film des 47-Jährigen, "The Children of Heaven", bekam 1999 als erster iranischer Beitrag überhaupt eine Oscar-Nominierung. Majidis Hauptdarsteller in "Die Farben des Paradieses" ist nicht so süß und schnuckelig wie die Waisenkinder in "Gottes Werk und Teufels Beitrag". Der kleine Mohsen Ramezani ist tatsächlich blind. Seine Augen sind eingefallen, und er sieht ein bisschen lächerlich aus mit Sonnenhut und schwarzer Brille. Beim Gehen kommt er leicht ins Straucheln, weil er die Unebenheiten des Weges nicht sieht. Aber wenn er horcht, tastet, lächelt, dann spiegelt sich alles Glück der Welt in seinem Gesicht. Und als er weint, weil er glaubt, dass keiner ihn mehr mag, müsste man ein Herz aus Stein haben, um nicht mitzuweinen.

Das Beste in Mohammads Leben ist seine Großmutter (Salime Feizi). Sie ist so gütig, wie nur Großmütter es sein können, aber sehr gebrechlich. Und da dies eine Geschichte ist, in der das Gute mit dem Bösen kämpfen muss, kommt tatsächlich vieles nicht so, wie man es Mohammad, seinen Schwestern und seiner Oma wünscht.

"Die Farben des Paradieses" (der iranische Titel lautet "Die Farbe Gottes") ist ein religiöser Film ohne Fanatismus. Ob durch Allah, Gott oder eine andere Art von Einsicht - der Mensch muss den richtigen Weg finden. Majid Majidi erzählt vom Sinn des Lebens, ohne Klischees, ohne simple Lösungen. Mit Ausnahme von Hossein Mahjoub (dem Vater) standen alle Darsteller zum ersten Mal vor einer Filmkamera. Der Regisseur und die Kameramänner Hashem Attar und Mohammad Davudi nähern sich Menschen und Natur mit Zärtlichkeit - und für einen Moment ist sie da, die Erkenntnis, dass das Leben, so schmerzlich es sein mag, auch ein großes Glück ist.

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