Kultur : Die Ferien des Onkel Hasan

In "Tatil kitabi“ verarbeitet der türkische Regisseur Seyfi Teoman das Drama der Kindheit

Daniela Sannwald
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Am letzten Schultag gibt der Lehrer das Ferienbuch aus, damit seine Schüler in den nun vor ihnen liegenden, endlos erscheinenden Sommerferien nicht alles vergessen: Dieses Tatil kitabi voller bunter Bilder gibt dem Film seinen Namen und den Kindern Aufgaben, um sie auch in den Ferien ein bisschen zu beschäftigen – spielerisch, versteht sich. Davon ist der 10-jährige Ali weit entfernt; sein strenger, konservativer Vater findet, dass er den Ernst des Lebens begreifen muss, und stellt ihn mit einer Großpackung Kaugummis im Zentrum der türkischen Kleinstadt Silifke ab. Ali soll das Verkaufen beizeiten lernen und in die Fußstapfen seines Vaters treten.

Derweil kommt Alis großer Bruder von der Militärakademie nach Hause, verdächtigt die Mutter ihren Mann des Ehebruchs. Als der Vater auf einer Geschäftsreise mit einem Gehirnschlag ins Krankenhaus eingeliefert wird, gerät das mühsam austarierte familiäre Gleichgewicht ins Wanken. „Tatil kitabi“ ist ein Sommerferienfilm der etwas anderen Art: ohne fröhliche, Eis essende Kinder, ohne Strandleben, obschon doch Silifke an der Mittelmeerküste liegt, ohne das milde Sonnenlicht, das eine leicht verklärte, nostalgische Stimmung verbreitet. Viel nüchterner geht es in Seyfi Teomans leichthändigem Spielfilmdebüt zu, dessen Geschichte so oder so ähnlich überall in der Provinz passieren könnte.

Nachdem im neuen türkischen Film Istanbul lange als der einzige mögliche Drehort galt, entdecken viele Regisseure die Provinz. „Ich habe viele meiner Sommerferien in Silifke bei einem Freund verbracht, und natürlich sind da autobiografische Elemente eingeflossen“, erklärt der 30-jährige Regisseur Seyfi Teoman. Als klassisches Coming-of-Age-Drama will er seinen Film jedoch nicht verstanden wissen: „Dazu gehört doch auch eine Romantisierung der Kindheit, aber ich zeige deren unerfreuliche Seiten.“ Mit nur drei professionellen Schauspielern aus der Region und der Bevölkerung von Silifke hat Teoman seinen Film besetzt.

Einer von ihnen, der Darsteller des Onkels Hasan, ist Taner Birsel, ein Star des türkischen Autorenkinos. Dem hat das Low-Budget-Projekt so gut gefallen, dass er auf seine Gage verzichtete und auch auf eine Hauptrolle, denn die gibt es nicht in Teomans Film. Die Darsteller sind gleichberechtigt, und sie spielen gleich gut. Besonders Tayfun Münay, der Laiendarsteller des jungen Ali, hat es Seyfi Teoman angetan: „Wir haben in den Schulen von Silifke gecastet, und der Junge ist ein Naturtalent und unheimlich clever“, erzählt der Regisseur und lächelt bei der Erinnerung daran, dass Tayfun bereits nach einer Woche die Grundlagen des Filmemachens begriffen hatte: „Der hat die Beleuchtung gecheckt und beim Spielen den Monitor im Auge behalten wie ein Profi, was für eine unglaubliche Begabung! Aber, Gott sei Dank, war er dann auch wieder ganz kindlich und fing mitten auf dem Set an zu weinen, weil er mit seinen Spiderman-Figuren spielen wollte.“

Dass sein liebenswertes und ein wenig traumverlorenes Spielfilmdebüt gleich auf der Berlinale gelandet ist, freut Seyfi Teoman, der zwei Jahre an der legendären polnischen Filmschule in Lodz studiert und als Assistent bei Reha Erdem gearbeitet hat. Nach „Tatil kitabi“ denkt man, dass der vor lauter Ambition etwas angestrengt wirkende Filmemacher seinen Weg gehen wird – in Istanbul oder irgendwo sonst auf der Welt.

Heute 15 Uhr (Arsenal 1)

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