Kultur : Die fettigen Jahre sind vorbei

Die Zukunft des schnellen Essens: eine Galerie kürt innovative Entwürfe für eine Currywurstbude

David Wagner

Nur Gehminuten von einer der bekanntesten und beliebtesten Currywurstbuden der Stadt entfernt – Konnopke unter der Hochbahn am U-Bahnhof Eberswalder Straße – ist zurzeit in einer Ausstellung zu sehen, wie Architekten sich die Zukunft der Currywurstbude vorstellen. Die Architekturgalerie Suitcase hat einen „offenen Ideenwettbewerb“ veranstaltet, es ging um eine neue, innovative und gleichzeitig „gesellschaftsfähige“ Currywurstbude.

Der Ausstellungsraum versammelt Entwürfe, in denen die Buden bizarre Formen annehmen und zu an Venturi geschulten großen Würsten werden. Oder sich aus Segmenten, die an Currywurstscheiben erinnern sollen, zusammensetzen. Ein Entwurf installiert einen Currywurstgrill unter einer Haube aus Corten-Stahl, was nicht nur auf den ersten Blick so aussieht, als könnten da nur Richard-Serra-Currywürste verkauft werden. Es gibt Pläne, die aus der Currywurst ein Trendprodukt machen wollen, mit Papiertütchen, auf denen dann „I Love Curry“ steht. Und statt „Love“ ist da ein kleines Herzchen zu sehen.

Das ist natürlich nicht so neu und kommt nicht an das praktische Kalenderkärtchen mit den Terminen der Berliner Schulferien heran, das man sich bei Konnopke auf der Schönhauser mitnehmen kann. Und eigentlich beschreibt „I Love Curry“ das Verhältnis, das man zur Currywurst haben kann, nicht richtig. Die Currywurst wird nicht geliebt, sie wird gegessen. Eine Currywurst wird nie wie Sushi sein. Und es wird auch nie Currywurst mit Salat geben. Wer eine oder zwei oder drei Currywürste isst, weiß schon, dass er danach auch trinken wird. Oder erinnert sich vielleicht noch oder vielleicht auch nicht mehr, dass er schon getrunken hat. Und wer eine Curry mit oder ohne isst, weiß, dass er etwas isst, was er besser nicht essen sollte. Jede Ernährungsberaterin der Krankenkasse riete ihm ab. Aber, er isst es trotzdem. Vielleicht gerade deshalb. Der Mensch ist ja nicht immer vernünftig.

Die Jury des Wettbewerbs – in ihr saß auch der Herausgeber des im letzten Jahr erschienenen Kultbuchs zum Thema, Jon von Wetzlar (Die Kultur der Imbissbude, Jonas Verlag) – vergab nach langer Beratung, zu deren Abschluss man sich nach Auskunft der Galeristin mit Currywürsten stärkte, zwei erste Preise.

Die eine Lösung versteckt die Currywurstbude in einem verspiegelten Kubus, in dem sich die Hohlform eines Imbissanhängers befindet. Das ist die Bude, die eigentlich nicht mehr da ist. Und deshalb nicht mehr stört. Und daher, so stellt die Grafik des Entwurfs sich das vor, auch ganz gelassen auf dem Pariser Platz stehen kann. Umgebungsgetarnt wäre diese Currywurstbude somit sogar adlonkompatibel. Aber, fragt sich der Currywurstesser, wer möchte an einer unsichtbaren Imbissbude essen? Wer findet sie überhaupt? Was soll ich an einer Bude, die sich gar nicht mehr traut, Imbissbude zu sein? Muss denn die Currywurst sich verstecken? Wer schämt sich denn da? Imbissbuden sollen doch, wie Tocotronic in „Meine Freundin und ihr Freund“ singen, Orte der Wahrheit und der Geständnisse sein. Und sich nicht verstecken.

Fast alle Entwürfe haben, das fällt auf, die Räder vergessen. Architekten denken eben, wer wollte ihnen das verübeln, eher in Immobilien. Und nicht so sehr an die Mobilität. Und entwerfen lieber kleine Currywursttempel, deren Überreste noch nach zweitausend Jahren gefunden werden könnten. Dabei ist die klassische Imbissbude ja meist ein mehr oder weniger verkleideter Anhänger mit drumherum improvisierter Anti-Architektur. Vordächern, Windschutzwänden, Werbesonnenschirmen, Stehmöblierung und, wenn überhaupt, Plastikcampingstühlen. Der Imbissbudenbesitzer kann seinen Wagen, wenn es hier nicht mehr so läuft, auch auf einen anderen Stellplatz ziehen. Auf einen Wochenmarkt, auf ein Trümmergrundstück, auf einen Rastplatz an einer Ausfallstraße. Steht so eine Imbissbude eigentlich irgendwo schon unter Denkmalschutz? Hat das Deutsche Historische Museum eine Currywurstbude, komplett mit Langnese- und Coca-Colafähnchen, handgeschriebener Speisekarte, Dosenbier und hart gewordenen Friteusenfettspritzern in seiner Sammlung? Wenn nicht, es wird höchste Zeit. Denn einige der Verhübschungsideen machen Angst. Und Architekten sind, das zeigt die Ausstellung, sprachlich auch nicht besser als Currywurstbudenbesitzer. Zwar ist auf den Hochglanzentwürfen, und das ist beinah schade, keines der mittlerweile doch zur Folklore der Imbissbuden gehörenden Genitiv-S mit Apostroph zu sehen. Dafür tragen die Architektenbuden leider Namen wie „SBar“ oder „Im Biss“ und bewegen sich damit auf dem Originalitätsniveau von Friseuren kleinerer Großstädte.

Der mit Abstand schönste und ehrlichste Entwurf, zurecht mit dem anderen ersten Preis des Currybudenwettbewerbs ausgezeichnet, trägt auch den schlichtesten Namen. „Imbiss Erika“ von Markus Popp tut gar nicht so, als wolle er irgendetwas anderes als eine Imbissbude sein. Der Berliner Architekt und Künstler zeichnet eine vereinfachte, reduzierte Imbissbude und produziert so einen Archetyp, der sein Imbissbudensein nicht verleugnet. Da darf es im Mahagonifoliendekor auch nach Frittierfett riechen. Das gehört ja auch dazu.

Aber vielleicht, die Anzeichen mehren sich, neigt sich das klassische Zeitalter der Imbissbude seinem Ende entgegen. Da, wo es keine Brachen mehr gibt, gibt es auch keine Buden mehr. Am Potsdamer Platz stehen keine Currywurstbuden mehr. Sony und Daimler erlauben, wieso sollten sie auch, in ihrer Privatstadt keine. Heute drücken die hochmobilen und vergleichsweise wenig Kapitaleinsatz erfordernden Grillwalker sich um die U-Bahnausgänge herum. Sie besetzen die Inseln öffentlichen Raums. Als Grillwalker ist der Mensch sich seine eigene Bude und steht, so könnte man es aus dem Mund von René Pollesch hören, als Beute im verbliebenen öffentlichen Raum der Stadt. Und der Grillwalker schwitzt vorne und friert hinten, und wer da eine Wurst kauft, kann sich nicht mal anlehnen.

Galerie suitcase architecture, Choriner Str. 54 (Prenzlauer Berg), bis 14. Februar, Mi-Fr 17-20 Uhr, Sa/So 14-18 Uhr.

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