Kultur : Die Filets unter den Schwarten treffen sich im Palais am Festungsgraben

Norbert Tefelski

Ein junge Spund betritt das Podest im Restaurant "Die Möwe", schaut, schweigt. Zum Pflücken deutlich hängen Fragezeichen über den Köpfen. Man wartet auf Ilja Richter, der seine Autobiografie "Spot aus! Licht an!" präsentieren soll. Den Rahmen bildet ein Menü mit Bezug zum gebotenen "Kunstgenuss" - so nennt der traditionsreiche, ins Palais am Festungsgraben ausgelagerte Künstlerklub seine Veranstaltungsreihe, die jeden Montag ein anderes "kultur-kulinarisches" Wechselspiel anbietet. Heute, so hatte der Koch erläutert, wird "Wahnsinniges Programm" mit "Rinderwahn" assoziiert. Aua! Das Rinderfilet ist eindeutig besser als der Gag. "Ich war drei Monate lang Ilja Richter", gibt sich nun der Fremdling am Lesungstisch als Ghostwriter zu erkennen. Das Original stösst hinzu, und alles wird gut. Gemeinsam mäandern sie durch ein Künstlerleben vor, nach und - ironisch distanziert - während der "Disco"-Zeit, spielen Fang-den-Giftpfeil oder Ilja-ärger-dich-nicht - etwa, wenn der Mann neben dir allzu Intimes verrät. Der Kunstgriff hilft, Peinliches zu umschiffen, ermöglicht Ausreisser sowohl der nachdenklichen als auch der komödiantischen Art. Wenn das Ex-Teeny-Idol dem Affen Zucker gibt, parodiert und / oder singt, stimmt der andere gern mit ein und spielt dazu Akkordeon. Ein derart vortragssicherer, vielfach begabter Schreiberling? Das muss doch Schmu sein. Richtig: Richter stellt ihn als Schauspielerkollegen Andreas Bittl vor. Der wahre Otto im Hintergrund, Tagesspiegel-Lesern wohlbekannt, heißt Harald Martenstein. Strahlend taucht er zwischen den Tischen auf, um Applaus zu kassieren - zu Recht, denn das Buch, tatsächlich als Dialog angelegt, entspricht der Inszenierung, ist ein Filet unter Showstar-Schwarten.

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