Kultur : Die flambierte Frau

Bayreuther Festspiele: Jürgen Flimms „Ring des Nibelungen“ geht ins verflixte vierte Jahr

Jörg Königsdorf

Doch, es hat sich eine Menge geändert. „Dass die Brünnhilde dem Wotan auf den Speer tritt, war früher nicht so“, erklärt Frau T.. Und überhaupt: Die Sänger seien alle viel beweglicher geworden, sogar der Wotan stehe jetzt nicht mehr nur herum. Frau T. muss es wissen: Als bekennende Wagnerianerin postiert sie sich pünktlich eine Stunde vor Beginn jeder Vorstellung am Festspielhaus, direkt an der Tür des Kartenbüros, mit ihrem liebevoll gemalten "Suche Karte"- Schild. Bayreuthgerecht in großgemusterter Abendrobe und mit einer tadellosen Hannelore-Kohl-Frisur. Meistens, erklärt sie, klappt es, auch wenn sie manchmal nur einen Akt lang mit dabei sein darf. Denn auch, wenn die Festspiele die „Ring“-Karten nur als im Paket für alle vier Abende verkaufen, gibt es um den Grünen Hügel herum einen schwunghaften Handel mit „Ring“-Bruchstücken:Viele, die hierher kommen, erläutert Frau T., wüssten gar nicht, mit welchen Torturen der Kunstgenuss im Wagner-Heiligtum verbunden sei: Die erdrückende Schwüle im dürftig klimatisierten Festspielhaus und vor allem die berüchtigt unbequemen Sitze, die das Publikum am Einschlafen hindern sollen, und schließlich auch die schiere Länge der Werke. Denn auch dieses Jahr erliegen wieder etliche der zweitausend Kartenbesitzer der Versuchung, das wonnige Weh durch das Auslassen einiger Akte etwas abzukürzen und den verschmähten Werkteil an Ring-Hopper wie Frau T. zu verscherbeln. Den endlosen zweiten „Walküren“-Akt beispielsweise kennt sie inzwischen sehr gut, und den „Siegfried“, den zähflüssigsten Teil des Viererpacks, hat sie sogar immer ganz erleben können.

Ein „Ring“ im vierten Jahr, das ist hochkarätiger Festspiel-Alltag. Die Promis wie Thomas Gottschalk und Margot Werner, die bei der Eröffnungspremiere, dem "Fliegenden Holländer", für Event-Glamour sorgten, sind längst abgereist, geblieben ist ein harter Kern echter Wagnerianer – zu dem in diesem Jahr auch Angela Merkel und Klaus von Dohnanyi gehören – und das Gros der normalen Festspielgäste, für die sich nach acht- bis zehnjähriger Wartezeit ein Traum erfüllt. Dieses Fest will sich keiner wirklich stören lassen - im Vergleich mit dem oft unduldsamen Publikum der großen Opernhäuser sind die Festspielgäste erstaunlich milde gestimmt. Gebuht wird auf dem Hügel nur in Ausnahmefällen – die Differenzierungen der Publikumsgunst finden lediglich über sorgfältige Abstufungen der Jubelskala statt. Der Hagen etwa von Peter Klaveness, einer der wenigen Neulinge dieses Bayreuth-Jahrgangs, kassiert für seine vokale Leisetreterei nur einen freundlichen Achtungsapplaus, die persönlichkeitsstarke Brünnhilde von Evelyn Herlitzius dagegen darf am Ende mit richtigen Ovationen abräumen.

Dennoch hält sich die Begeisterung für diesen „Ring“ am Ende der „Götterdämmerung“ in Grenzen. Man ist durchgeschwitzt und erschöpft, aber der magische Sog, den die Intensivbeschallung mit sechzehn Stunden Wagner auslösen kann, ist diesmal ausgeblieben. Vielleicht, weil Jürgen Flimms müde Inszenierung zwar mit einigen hübsch beobachteten Details, aber nach wie vor mit keiner bündigen Perspektive aufs Werk aufwartet. Und wohl auch, weil dem Mannheimer Generalmusikdirektor Adam Fischer, der diesen „Ring“ nach dem plötzlichen Tod Giuseppe Sinopolis übernommen hatte, die große Maestro-Magie fehlt.

In guten Momenten dirigiert der Ungar im positiven Sinne unauffällig: Im ersten und dritten „Walküren“-Akt fügen sich die Tempi organisch zusammen, gewinnt die Musik natürlichen Fluss, erzeugt die Kontrastdramaturgie der Leitmotive genug Energie. Meist jedoch schafft es Fischer nicht, den Wagner-Funken zu zünden, reiht er die Einzeltöne der Themen im Zeitlupentempo, als wären es die glatt polierten Perlen eines Rosenkranzes. Doch was schön und weihevoll klingen soll, klingt bloß schön und lethargisch.

An der Langeweile, die in diesem „Ring“ über sehr weite Strecken herrscht, sind freilich auch die Sänger nicht unschuldig. Denn die einmalige akustische Chance des Festspielhauses, sich dank des gedeckelten Orchestergrabens endlich einmal auf klare Textdeklamation konzentrieren zu können, nutzt kaum einer: Nicht der Wotan von Alan Titus, der sich auf seine eindrucksvolle Riesenstimme beschränkt; nicht der konditionell topfitte, aber ziemlich charakterlose Siegfried von Christian Franz; nicht Fricka (die hellstimmige Mihoko Fujimura), nicht der viel heiße Luft verströmende Alberich von Hartmut Welker, nicht Mime (Graham Clark), weder Rheintöchter noch Nornen. Sie alle definieren ihre Rollen letztlich nur durch persönliche Stimmtimbres und bewältigen den Text als ungefähres Beiwerk zu den Gesangslinien. Eine Wüste der Sprachlosigkeit herrscht ausgerechnet dort, wo nach Wagners Willen die Geburt eines neuen Gesamtkunstwerks stattfinden sollte. Die viel beschworene „Werkstatt Bayreuth“ müsste wohl am dringendsten hier ansetzen, statt sich auf das Herumfeilen an Regiedetails zu konzentrieren.

Gäbe es da nicht ein paar, die zeigen, dass es auch anders geht: Das leuchtende Wälsungenpaar Robert Dean Smith und Violeta Urmana beispielsweise, oder Olaf Bär, der als Gunter unerhörte Zwischentöne der Verunsicherung entdeckt und vorführt, dass das labile Gleichgewicht des Gibichungen-Herrschers durch eine Spannung etlicher widerstreitender Sehnsüchte und Ängste zustande kommt. Und, zum Glück für diesen „Ring", gibt es Evelyn Herlitzius: Sicher, ihre Brünnhilde ist der eigenen Stimme abgetrotzt und besitzt nicht die majestätische Selbstverständlichkeit von legendären Wagner-Heroinen wie Birgit Nilsson und Astrid Varnay. Nahezu übermenschlich scheint die emotionale und vokale Kraftanstrengung zu sein, die sie ihrem zierlichen Körper zumutet. Und doch gibt gerade diese Grenzerfahrung ihrer Brünnhilde eine Unbedingtheit, bei der jede messerscharf artikulierte Silbe ins Herz zu schneiden scheint.

Unbeirrbar zieht Herlitzius die Lebens- und Leidenskurve dieser Figur nach: Von den unbeschwert juchzenden „Hojotoho!“-Rufen über den Liebestaumel des „Siegfried“-Schlussduetts bis zur heroischen Selbstüberwindung, die aus der abgrundtiefen Verzweiflung der ersten beiden „Götterdämmerungs“-Akte entspringt.

Die Inszenierung erspart Brünnhilde übrigens am Ende den Scheiterhaufen und lässt sie allein auf der Bühne zurückbleiben. Und das ist nur konsequent. Denn innerlich brennt diese Frau schon lange.

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